| |
Veröffentlicht am 19­.11.2025

19.11.2025 - publik-forum.de

Leidenschaft, die Leiden schafft

Vor dreißig Jahren formierte sich die Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche«.
Wird sie ein Opfer ihres eigenen Erfolgs?

Aufstehen und Handeln! Vor 30 Jahren, nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen den Wiener Kardinal Hans Hermann Groer im Sommer 1995, ging eine Welle der Empörung durch Österreich, die sich bald auch in Deutschland ausbreitete. Katholikinnen und Katholiken, die die zunehmend restaurative Kirchenpolitik mitsamt den entsprechenden Bischofsernennungen unter Papst Johannes Paul II. mit Ärger und Besorgnis verfolgten, konnten und wollten nicht länger schweigen. An Kirchenportalen wurde für die Unterschrift zu einem »Kirchenvolksbegehren« geworben. Gefordert wurde mehr Geschwisterlichkeit, Frauengerechtigkeit, die Aufhebung des Pflichtzölibats, eine positiv formulierte Sexualmoral und ganz grundsätzlich: die Verkündigung des Evangeliums als Froh- und nicht als Drohbotschaft.

Belächelt von den Kirchenleitungen und als Querulanten von Andersdenkenden abgestempelt, fanden sich doch binnen kürzester Zeit mehr als eine halbe Million Unterstützende. Dieser Erfolg motivierte die »Initiative Kirche von unten« und die »Leserinitiative Publik«, einen ähnlichen Prozess in Deutschland zu starten, auch hier mit verblüffendem Ergebnis: 1 845 141 Personen unterzeichneten das Kirchenvolksbegehren, die Medien merkten auf, die fünf Forderungen wurden sogar bei der Eingangsprüfung der »Deutschen Journalistenschule« abgefragt. Es war die Geburtsstunde der Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche«, die sich fortan als kritisch-konstruktive Beobachterin der deutschen und römischen Kirche etablierte.

In Anlehnung an die Lesung an Christi Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1,11) fragten sie frech: »Was schaut ihr nach oben?«, und ergänzten: »Kirche wächst von unten.« Es blieb nicht nur bei Worten. Beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 gehörten sie zu den Mitorganisatoren einer interkonfessionellen Abendmahlfeier nach katholischem Ritus. Der Zelebrant, der Trierer Dogmatikprofessor Gotthold Hasenhüttl, verlor daraufhin Lehrbefugnis und Priesteramt. Wer sich inhaltlich zu nah bei »Wir sind Kirche« positionierte, riskierte die akademische Karriere. Die bewundernswerte Ausdauer, sich für kirchliche Reformen einzusetzen, ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Das mussten viele Engagierte bitter spüren.

Und doch zeigt sich im zeitlichen Abstand: Sie waren in vielfacher Hinsicht Vorreiter. Sowohl die theologische Forschung in der Ökumene und in der Moraltheologie als auch die Beschlüsse des Synodalen Weges geben ihnen recht, zumindest in der Intention. Die sogenannte Frauenfrage ist weltweit ein zentrales Thema in der katholischen Kirche geworden. Zu würdigen ist auch, dass sich »Wir sind Kirche« sehr früh und sehr entschieden auf die Seite der Missbrauchsopfer gestellt hat. Schon 2002, lange bevor das ganze Ausmaß des Missbrauchs öffentlich wurde, richteten sie ein Notfalltelefon ein. Heute sind ihre kirchenpolitischen Forderungen in der Mitte des katholischen Gottesvolkes angekommen, sie werden dort von einer überwältigenden Mehrheit geteilt. Selbst in Rom sind einige Vertreter im Rahmen einer deutschen Delegation empfangen worden. Dass in der katholischen Kirche freier und offener diskutiert werden kann, ist nicht zuletzt ihr Verdienst.

Also alles gut? Leider nein! Mit den Reformen geht es nur in Trippelschritten voran, es mangelt an Nachwuchs, und das religiöse Desinteresse der Gesellschaft trifft liberale und konservative Gläubige gleichermaßen. Und der Zeitgeist dreht sich. Die wenigen jungen Leute, die sich für die katholische Kirche interessieren, haben überwiegend andere Themen. Überspitzt formuliert: die klassische Pfarrgemeinde trifft sich mit der Kirchenvolksbewegung – in der Krise.

Angesichts dieser Situation müsse man sich fragen, wen man überhaupt noch erreiche und für Kirchenreformen begeistern kann, sagte der renommierte Theologe Norbert Mette in seinem Festvortrag zum 30-jährigen Bestehen der Bewegung. Er regte an, verstärkt den Schulterschluss mit sozialen Bewegungen zu suchen und sich von innerkirchlichen Problemen nicht allzu sehr in Beschlag nehmen zu lassen. Sie seien im Vergleich mit den Problemen der Welt relativ klein. Mit den Worten der Bergpredigt formuliert: Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.

Michael Schrom

 

Bildunterschrift: 
Uns reicht’s: Der Theologe Hans Küng, der damalige Publik-Forum-Herausgeber Dieter Grohmann und »Wir sind Kirche«-Sprecher Christian Weisner 1995 vor dem Kölner Dom

 

Mit freundlicher Genehmigung von Michael Schrom, Publik-Forum

 

Zuletzt geändert am 26­.11.2025