Juli 2026 – „Kirche In“ (Kolumne „Unzensiert“)
Mut zur Demokratie 2.0
Vor seiner Wahl zum deutschen Bundeskanzler versprach Friedrich Merz, die rechtspopulistische Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu halbieren. Doch ihre Anteile bei Umfragen haben sich verdoppelt. Bei den Landtagswahlen im Herbst dieses Jahres könnte die AfD in den beiden ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sogar Regierungspartei werden.
Wie in den USA erleben wir derzeit einen erbitterten Kulturkampf. Einerseits bemüht sich die Neue Rechte, ihre ausgrenzende Ideologie („Re-Migration“) christlich zu grundieren, während gleichzeitig einige christliche Kreise (konservative Netzwerke, adlige Milieus, „Christfluencer“) den Schulterschluss mit der radikalen Rechten und ihrem Menschen- und Familienbild suchen.
Dass die AfD die Kirchensteuer abschaffen will, ist vor allem für die finanziell armen Bistümer im Osten Deutschlands schlimm. Doch es geht noch viel tiefer, gerade in der Kulturpolitik, bei der es um die Fundamente unseres Zusammenlebens geht. Das Programm der AfD ist nicht christlich, denn zum Christsein gehören wesentlich kulturelle Offenheit, Gastfreundschaft, Einsatz für Arme und Vertriebene, Solidarität, Bewahrung der Schöpfung. Die AfD rettet nicht, wie sie behauptet, das „christliche Abendland“, sondern sie zerstört es. Den Kirchen wird vorgeworfen, „nicht mehr den christlichen Glauben zu pflegen“ und „das gesellschaftliche Zerstörungswerk der Altparteien“ mit voranzutreiben.
Warum sind trotzdem so viele Menschen bereit, die AfD zu wählen? Ja, die Unzufriedenheit mit den derzeit regierenden Parteien ist auf allen Ebenen groß. Zu viel wird versprochen, zu wenig gelingt es der Politik, die Komplexität der Probleme zu erklären und kompromissfähige Lösungen zu erarbeiten, die von allen mitgetragen werden können. Das erfordert Geduld, aber auch Vertrauen. Denn Demokratie ist viel mehr, als nur ein Zählprinzip. Demokratie braucht demokratische Prozesse der Meinungsbildung, aktive Teilhabe und vor allem einen Wertekanon. Hier sind die Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen gefragt.
Demokratisches Verhalten muss immer wieder neu eingeübt werden. Wir brauchen eine Demokratie 2.0.Das ist auch eine innerkirchliche Herausforderung besonders für die katholische Kirche. „Will die Kirche in der Gesellschaft präsent sein und bleiben“, so Hans Maier, der kürzlich verstorbene langjährige Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, „muss sie demokratische Wege gehen und sich demokratischer Mittel bedienen.“
Christian Weisner
Wir sind Kirche Deutschland
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Zuletzt geändert am 23.06.2026

