24.12.2025 - DLF 6:50
Christian Weisner, Wir sind Kirche, zu: Ein Jahr Papst Leo XIV.
Transkript: Buschert: Der neue Papst, der dürfte bei seinem ersten Weihnachten im Amt andere Akzente setzen als noch sein Vorgänger. Welche Akzente er generell in seiner Tätigkeit als Oberhaupt der katholischen Kirche bisher gesetzt hat, darüber kann ich jetzt mit Christian Weisner sprechen. Er ist Sprecher bei der Volksbewegung Wir sind Kirche. Die Bewegung setzt sich seit 1995 - zusammengesetzt aus Laien, Ordensleuten und Priestern - für Veränderungen in der katholischen Kirche ein. Schönen guten Morgen, Herr Weisner.
Weisner: Ja, guten Morgen, Frau Buschert.
Papst Leo wurde schon kurz nach seiner Wahl als Einheitspapst bezeichnet. Ist er diesem Namen bisher gerecht geworden?
Ja, ich denke schon, denn es gibt ja große Spaltungen nicht nur in der Welt, in der politischen Welt, sondern auch in der Kirche. Und diese Herausforderungen, die muss er nun angehen. Er versucht es sehr vorsichtig, kontrolliert. Seine Reden sind nicht so spontan wie die von Papst Franziskus. Aber er hat das große Granze im Blick. Wobei wir bei Einheit sagen müssen: Er will nicht Einheitlichkeit, sondern eine Einheit, aber durchaus auch von verschiedenen Strömungen in der Kirche, in der Welt.
Und gerade dieser synodale Ansatz, dieses von Papst Franziskus wiederentdeckte Prinzip in der katholischen Kirche, dass man sich zusammensetzen muss, miteinander reden muss und dann gemeinsam entscheiden muss. Dieses Prinzip führt er genau fort. Papst Leo hat vielleicht einen anderen Stil, aber er hat das gleiche Ziel wie Papst Franziskus, nämlich die Menschen zusammenzuführen, innerhalb der Kirche und auch außerhalb. Das haben ja die Leute gerade im Beitrag sehr schön gesagt.
Wenn Sie sagen, Papst Leo ist in seinen Auftritten, in seinen Reden kontrllierter, vorsichtiger: In wieweit trägt das zur möglichen Einheit bei?
Ich denke, es kommt jetzt auf uns an, wie wir auf ihn hören, wie wir das wahrnehmen. Und die große Gefahr ist, das muss man schon sagen, es gibt in der katholischen Kirche eine starke Spaltung gerade auch in Nordamerika, in dem Land, wo Papst Leo herkommt. Jetzt im Augenblick so zwischen denen, die gerade in der Frage der Abtreibung sich profilieren wollen, also als Abtreibungsgegner, und die auch von politischen Kräften, rechtspopulistischen Kräften in Amerika einbezogen, ausgenutzt werden. Man hat das gemerkt, Präsident Trump, der nun wahrlich kein Menschenfreund ist, wurde von vielen Katholikinnen gewählt und Katholiken auch, weil er so stark sich gegen die Abtreibung einsetzt. Und auf der anderen Seite haben wir eine Kirche, die auf der Seite der Migranten und Migrantinnen steht, die jetzt auch von Papst Leo sehr unterstützt werden. Also, diese Spaltung haben wir da.
Papst Leo versucht es, wenn man seine Texte liest, sowohl als auch noch den einen und den anderen gerecht zu werden. Da kann ich ihn eigentlich aber nur warnen, denn sein Vorvorgänger Joseph Ratzinger hat ja auch versucht, mit rechtskonservativen Kräften in der katholischen Kirche, den Piusbrüdern, gewissermaßen einen Deal oder eine Abmachung, eine Vereinbarung zu schließen, und das ist nicht gut gegangen. Die haben ihn immer wieder ausgetrickst. Also ich denke, da muss auf Dauer Papst Leo auch Kante zeigen und auch sagen: Das gehört zur römisch-katholischen Kirche, in vielen Regionen auch in unterschiedlicher Art und Weise.
Wir hier in Deutschland sind zum Beispiel sehr an der Frage des Diakonats der Frauen interessiert. Da ist viel geforscht worden und ich denke, die Frauenfrage wird eine andere herausfordernde Sache in seinem Pontifikat sein. Er macht es vielleicht ein bisschen langsamer, ein bisschen vorsichtiger, aber letztlich muss er auch in dieser Weise die Kirche wieder voran bringen.
Wie hat sich denn Papst Leo XIV. bisher zu dieser Thematik, die sie gerade angesprochen haben, das Frauendiakonat gestellt? Wie hat er sich dazu verhalten bisher?
Ja, in dem Sinne mit großer Offenheit. Wir waren als Wir sind Kirche - und das ist auch ein Novum gewesen - jetzt in diesem Oktober bei dieser Synodalversammlung an einem Wochenende im Oktober. Und auf die Frage einer Theologin, wie steht es jetzt um die Rolle der Frauen in der Kirche, hat Papst Leo gesagt, es ist keine theologische Frage, sondern es ist eine kulturelle Frage. Das heißt also, wie kann die katholische Kirche in dieser Frage einen Dreh finden, der nicht direkt mit der Tradition bricht, aber der auf die Kulturen - und das sind jetzt auch natürlich die westeuropäischen demokratie-geformten Kulturen - eingeht.
Jetzt reagiert darauf noch mal eine Kommission. Da mögen sich jetzt die Katholiken und Katholikinnen darüber streiten: Ist das wirklich gut, immer eine neue Kommission einzusetzen? Aber es liegen jetzt mit der letzten Kommission zumindest auch unterschiedliche Positionen auf dem Tisch. Und an dieser Männlichkeit von Jesus, die wir heute ja feiern, die Geburt Jesus als Mann, daran glauben auch in Rom nicht mehr alle Menschen. Aber wir sind da auf einem Weg. Und ich denke, Papst Leo braucht noch viel mehr Unterstützung, auch hier von den Ortskirchen. Wir beim Synodalen Weg in Deutschland haben ja ganz viel geleistet. Und ich bin der festen Hoffnung, dass das auch jetzt in Rom anerkannt wird. Die Vorgänger-Päpste Johannes Paul II oder Papst Benedikt, die haben ja wirklich eine Abschottung gegenüber Deutschland, gegenüber allen Reformen gehabt. Und da hat Franziskus die Türen geöffnet, und jetzt ist es Leo's Aufgabe, auch wirklich weiter zu gehen. Und ich traue ihm das voll zu.
Zeigt Ihnen der Papst hier genug Kante oder würden Sie sich hier auch noch ein bisschen mehr Kantezeigen von Papst Leo wünschen?
Ja, das ist ein Weg und wie eben gesagt, ist es noch ein vergleichsweise junger Papst. Gerade mal mit 70 genauso alt wie der deutsche Bundeskanzler. Ich denke, er hat noch einen langen Weg vor sich und es ist im Augenblick ja so wichtig, die gesamte Welt im Blick zu halten. Und Papst Leo hat zum Beispiel die Frage der Migration, die Frage der Armutsbekämpfung, alles Themen auch von Papst Franziskus, die hat er auf der Agenda. Nach fünf Monaten hat er ein Papier geschrieben: DILEXI TE. Dann wird man sagen, ja, wieder ein lateinisches Wort. Das ist so ein brisantes Papier. Und ich kann nur hoffen, dass es jetzt hier auch in Deutschland der Kirche gelingt, dieses Papier noch mal auch umzusetzen. Dass auch die Menschen in der Kirche das verstehen, dass sie auch wieder Hoffnung gewinnen in der Kirche. Und dass sie nicht nur jetzt sagen, da hat er jetzt noch nicht so richtig gut gehandelt.
Er handelt nicht wie der amerikanische Präsident, der nach hundert Tagen im Grunde ganze Institutionen entmachtet hat, sondern Papst Leo, auch als Amerikaner handelt auf lange Sicht, aber er braucht auch die Unterstützung von den Kardinälen. Und es war ja interessant jetzt vor zwei Tagen die Rede an die Kardinäle. Er hat sie jetzt vielleicht nicht so mit drastischen Worten zur Brust genommen, wie das Papst Franziskus getan hat. Aber im Grunde hat auch er das gleiche gesagt: kein Machtstreben, nicht die eigenen Interessen, nicht dieses Machen. Sondern wir müssen Freunde sein, dieses Wort, wir müssen zusammenarbeiten. Ich denke, das ist die große Chance, wenn es ihm gelingt, die Vatikanbehörde wieder im Grunde als lebendige und missionarische, das heißt also die Welt in den Blick nehmende Institution und nicht nur als Machtzentrum zu sehen, dann ist das eine große Leistung. Aber das ist natürlich ein hoher Anspruch. Er hat alle Unterstützung verdient.
Sie haben schon den Aspekt Hoffnung in die Kirche, Vertrauen in die Kirche angesprochen. Ein Thema, wodurch die katholische Kirche besonders Vertrauen verloren hat, das sind die diversen Missbrauchsfälle. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der hatte kurz vor der Papstwahl betont, dass sich der neue Papst mehr für die Aufklärung dieser Fälle einsetzen müsste, um dieses verlorene Vertrauen wieder herzustellen. Wie ist Papst Leo bisher mit diesem Thema umgegangen?
Ja, das ist genau das Thema, was natürlich bei allen anderen wichtigen Themen die Reputation der römisch-katholischen Kirche so zerstört hat. Und Sie haben es ja am Anfang gesagt, Wir sind Kirche ist vor 30 Jahren genau aus diesem Grund entstanden, damals war es der Wiener Missbrauchsskandal des Wiener-Kardinals, um das aufzuklären. Wir brauchen erstmal positive Botschaften. Unter Johannes Paul II und Joseph Ratzinger wurde das alles noch unter das "Päpstliche Geheimnis" gestellt. Franziskus hat auch da erst mal das offen gemacht. Und jetzt ist es schon sehr bedeutend, dass Papst Leo sich nicht nur mit einzelnen Missbrauchsbetroffenen getroffen hat, sondern dass er wirklich auch vor kurzem mit sechs Organisationen von Missbrauchsbetroffenen - hier aus Deutschland zum Beispiel Matthias Katsch vom "Eckigen Tisch" - getroffen hat. Das heißt, auch dieses sieht er als Strukturproblem, das heißt, es braucht Organisationen, um dieses anzugehen. Aber das wird noch eine lange Aufgabe sein. Auch die deutschen Bischöfe, die alle so schwierig sind, kann ich nur ermutigen.
... sagt Christian Weisner, Sprecher bei der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche über das erste Amtsjahr von Papst Leo XIV. Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Weisner.
Frohe Weihnachten!
Audio: https://www.deutschlandfunk.de/christian-weisner-wir-sind-kirche-zu-ein-jahr-papst-leo-xiv-100.html
Zuletzt geändert am 04.01.2026


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