| |
Veröffentlicht am 01­.08.2022

August/September 2022 „Franz von Assisi“

EIN RADIKALER PROZESS

Die Erwartungen sind groß: Wird die vierte Synodalversammlung vom 8. bis 10. September 2022 in Frankfurt den Kurs der dritten Vollversammlung fortsetzen, die den Synodalen Weg in allen vier Themenbereichen entscheidend vorangebracht hat? Auf dem Katholikentag Ende Mai in Stuttgart waren die Reformthemen sehr viel präsenter als bei früheren Katholikentagen. Der Erwartungsdruck an die Bischöfe und an den Vatikan steigt, dass über Reformen nicht nur geredet, sondern endlich auch gehandelt wird.

Die Skandale, die den Anstoß für den Synodalen Weg gaben, erschüttern seit Jahren die ganze Weltkirche, jetzt auch Polen, Frankreich und Spanien. Selbst in Italien wird jetzt eine Missbrauchsstudie gefordert. Dabei ist es völlig klar, dass der Synodale Weg in Deutschland nicht alleine die Weltkirche wird verändern können. Aber die an staatlichen Universitäten entwickelte Theologie in Deutschland hat das Potential, theologische und pastorale Lösungsansätze auf der Höhe der Zeit zu erarbeiten. Internationale Beobachter haben dem deutschen Synodalen Weg Modellcharakter für die Gesamtkirche attestiert.

Der Vorwurf von manchen, es sei ein deutscher Sonderweg, läuft schon lange ins Leere. Das zeigen auch die jetzt nach und nach veröffentlichten Zwischenergebnisse aus dem weltweiten Synodalen Prozess zur Vorbereitung der Weltsynode 2023. Auch dort werden jetzt vielfach die gleichen Punkte wie beim Synodalen Weg in Deutschland thematisiert. Nach dem höchst ambivalenten Brief des Papstes „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ vom 29. Juni 2019 hat es jedoch viel zu lange gedauert, bis am 19. Mai 2022 Kardinal Mario Grech, der Beauftragte des Vatikans für die Weltsynode 2023, erklärte, dass ihn der deutsche Synodale Weg nicht beunruhige und er die Furcht vieler Kritiker nicht teile. Mit dem alle Ortskirchen einbindenden Vorbereitungsprozess für die Weltsynode 2023 hat Papst Franziskus ein höchst ambitioniertes Beteiligungsprojekt gestartet. Sieht auch Rom jetzt die Chancen eines kirchenrechtlich nicht festgelegten Weges? Oder ist es aber der Versuch, den Synodalen Weg in Deutschland auszubremsen und einzugrenzen?

Die jüngste Aussage von Papst Franziskus zum Synodalen Weg, dass wir in Deutschland ja schon eine gute evangelische Kirche haben und es keine zweite bräuchte, hätte es wirklich nicht gebraucht. Die deutsche Mentalität und auch die Theologie in Deutschland sind dem Jesuiten Bergoglio trotz seines Forschungsaufenthalts 1986 in Deutschland leider immer noch fremd. So wichtig die von Papst Franziskus vorgegebene Grundlinie der Evangelisierung ist: Bevor nicht eine wirkliche Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in Angriff genommen wird, so lange werden alle noch so gut gemeinten Bemühungen der Evangelisierung ins Leere laufen.

Die deutschen Bischöfe müssen sich jetzt endlich positionieren, denn auf ihre Zweidrittel-Mehrheit für Reformen wird es letztendlich ankommen. Je geschlossener sie sich und das gemeinsam mit den Bischofskonferenzen anderer Länder in Rom für die dringend anstehenden Reformen einsetzen, umso weniger wird dies ignoriert werden können. Wichtig bleibt: Es geht dabei nicht um einen „Wunschkatalog“ von Reformen, sondern um die Behebung von Missständen, die im krassen Widerspruch zur christlichen Botschaften stehen: um die Glaubwürdigkeit und letztlich die Existenz der katholischen Weltkirche. Das ist ein schwieriger, ein umfassender, ein radikaler Prozess.

Wer die langen, restaurativen Jahre unter Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. in der Kirche ausgehalten hat, sollte gerade jetzt nicht gehen. Aber es braucht dringend den Mut und Willen zur Umkehr unter den Bischöfen und im Vatikan. Die Kirchenleitung muss die „Zeichen der Zeit“ erkennen und entsprechend handeln. Ende September wird sich ein breites Bündnis von Betroffeneninitiativen, Reformgruppen und großen katholischen Verbänden zu einer KirchenVolksKonferenz in Köln zusammenfinden und zeigen: Die Kirchenbasis ist bereit und geht schon mal voran.

Mehr: www.synodaler-weg.de, www.wir-sind-kirche.de/synodalerweg, www.kvk2022.de

Christian Weisner, *1951 in Kiel, aufgewachsen in den Gemeinden St. Nikolaus und St. Birgitta, Studium der Stadtplanung, lange in Hannover tätig, Mitinitiator des Kirchenvolksbegehrens Wir sind Kirche 1995 in Deutschland, seit 2005 mit Familie in Dachau bei München

 

August/September 2022 „Franz von Assisi“, Pfarrbrief der Pfarrei Franz von Assisi Kiel

Seite 10: https://www.katholisch-in-kiel.de/wp-content/uploads/sites/4/2022/07/FRANZ-27.pdf

 

 

Zuletzt geändert am 28­.07.2022