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Veröffentlicht am 01­.10.2021

Oktober 2021 – Kirche In (Kolumne „Unzensiert“)

Verdrängte Verantwortung

Trotz elf nachgewiesener Pflichtverletzungen als früherer Generalvikar in Köln: Der Amtsverzicht des jetzt Hamburger Erzbischofs Stefan Heße wurde vom Vatikan nicht angenommen; bei der päpstlichen Visitation in Köln habe sich eine „Absicht“ zur Vertuschung „nicht gezeigt“. Das „Grundproblem“ hätte im „größeren Kontext der Verwaltung der Erzdiözese“ gelegen „im Mangel an Aufmerksamkeit und Sensibilität den Missbrauch Betroffenen gegenüber“.

Aber auch derjenige, der die Gesamtverantwortung für die Erzdiözese zu tragen hätte, der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bleibt weiter im Amt, wird allerdings eine „geistliche Auszeit“ nehmen. Hier lautet die Begründung des Vatikans, in der Visitation habe sich „kein Hinweis darauf ergeben, dass er im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs rechtswidrig gehandelt hat.“ Die beiden Kölner Weihbischöfe können ebenfalls im Amt verbleiben, der eine von ihnen wird für ein Jahr nach Kenia gehen – was danach neue Karrierechancen bringen kann.

Nicht einmal der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, kann diese Entscheidungen verstehen und verteidigen. Vor allem bei den von sexualisierter Gewalt Betroffenen, bei den Gläubigen im Erzbistum und in ganz Deutschland ist die Enttäuschung und Empörung über diese höchst problematischen Entscheidungen sehr groß. Sie werden nicht zur Lösung der komplexen Kölner Konfliktlage beitragen, sondern ganz im Gegenteil zu einer Verschärfung und weiteren Hängepartie führen. Dies alles schadet auch dem Ansehen von Franziskus, denn alle vatikanischen Entscheidungen werden von ihm oder zumindest in seinem Namen getroffen.

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), ist das Instrument einer knapp sechsmonatigen Auszeit für Woelki nicht genug. Es sei völlig unklar, was am Ende einer solchen Auszeit stehen kann und diese sei nicht geeignet, um verlorengegangenes Vertrauen wiederherzustellen.

Dies alles belastet die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in anderen Bistümern und auch den Fortgang des Synodalen Weges, dessen zweite Synodalversammlung nach längerer Corona-Pause Anfang Oktober in Frankfurt tagt. In den vier Synodalforen wird eine Debatte auf hohem wissenschaftlichem Niveau geführt. Dies ist kein deutscher Sonderweg, denn den Anlass, die sexualisierte Gewalt, gibt es leider überall. Mittlerweile erleben die Synodalforen aber auch grundlegende Richtungskämpfe, wenn zum Beispiel der Regensburger Bischof Voderholzer eine eigene Webseite mit „alternativen“ Texten eröffnet und jede Dogmenentwicklung leugnet.

Die komplexe Konfliktlage zeigt das grundsätzliche Problem der Bestellung und des Amtsverständnisses der Bischöfe in der römisch-katholischen Kirche: keine ausreichende Konsultation vor der Wahl, keine zeitliche Begrenzung wie z.B. bei Leitungsämtern in den Orden, keine Teilung der legislativen, exekutiven und judikativen Macht, keine Rechtfertigungspflicht gegenüber dem Kirchenvolk. Doch Rom verdrängt weiterhin die Frage nach der glaubwürdigen Verantwortung der Amtsträger.

Christian Weisner

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Zuletzt geändert am 09­.10.2021

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