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Veröffentlicht am 03­.02.2018

02.2018 - ARTE magazin

Das System Kirche DEBATTE Tut die Kirche genug gegen Missbrauch durch Geistliche?

HINTER DEM ALTAR
Dokumentarfilm, Dienstag, 20.2.2018, 20.15 Uhr
bis 21.23.2018 auf arte.tv

 

Papst Franziskus ist immer er selbst. Echt, ohne Allüren und ohne Scheu. Das zeigt sich besonders, wenn er mit an Leib und Seele verwundeten Menschen in Berührung kommt. Das konnte ich selbst erfahren, als sich der Papst mit sechs Missbrauchsopfern zu Hause traf. Ich kann bezeugen, dass dies das Wichtigste ist, was er selbst Betroffenen zu geben hatte. Denn aus dieser Begegnung ist für diese zutiefst Verwundeten viel Heilsames erwachsen. Das ist seine Mahnung für alle in der Kirche, besonders die Bischöfe und andere Verantwortungsträger. Den Opfern wirklich zuzuhören, ist unerlässlich für jede Aufarbeitung und für jeden Schritt der Heilung. Als die Päpstliche Kinderschutzkommission dem Papst vom Leid und den Hoffnungen der überlebenden von sexueller Gewalt berichtete, war er sichtlich betroffen. Bei dieser Gelegenheit sagte er bemerkenswerte Dinge: dass die Kirche wie auch er selbst zu langsam im Begreifen dessen waren, welch große Verbrechen von Vertretern der Kirche begangen wurden; dass er niemals einen Kinderschänder in einer Pfarrei oder Schule dulden will; dass die Kirche neben dem körperlichen und seelischen Leid das spirituelle Trauma ernst nehmen müsse, das Menschen von Priestern zugefügt wurde; dass die Kommission sich seiner Unterstützung sicher sein könne. Die Verschärfungen des kirchlichen Strafrechts der letzten 15 Jahre hat Papst Franziskus fortgeführt. Vor allem hat er die Linie seines Vorgängers Papst Benedikt erweitert durch die Einrichtung der Päpstlichen Kinderschutzkommission, die wichtige Bereiche in den Blick nimmt: die Sorge für Betroffene; die Ausarbeitung von Leitlinien für Diözesen, Orden und Institutionen; die entsprechende Aus- und Weiterbildung von allen kirchlichen Angestellten, besonders des kirchlichen Führungspersonals. Papst Franziskus hat sehr viel getan, was uns weltweit hilft, zu einer Kultur der Transparenz und des Kinderschutzes zu kommen. Die katholische Kirche ist insofern auf einem guten Weg, der aber noch sehr lang sein wird.

HANS ZOLLN ER
Vizerektor  der  Päpstlichen Universität Gregoriana,  Leiter des Centre  fo r Child  Protection

 

Einiges wurde in der katholischen Kirche schon getan, um systematischen Missbrauch durch Geistliche aufzuklären. Aber, wie aktuelle Fälle zeigen: immer noch nicht genug! Einige Opfer haben sich das Leben genommen. Für zehntausende Betroffene, die sich auch „überlebende" nennen, bedeutet der Missbrauch oft lebenslanges Leid. Sexualisierte Gewalt und ihre Vertuschung sind Verbrechen und, wie die Skandale um Harvey Weinstein, Kevin Spacey, James Levine zeigen, auch anderswo ein systemisches Problem. Gerade deshalb bleibt noch sehr viel zu tun. In Deutschland kam erst Anfang 2010 durch den Jesuiten Klaus Mertes vom Berliner Canisius-Kolleg das ganze Ausmaß der Vertuschung sexualisierter Gewalt innerhalb des kirchlich-zölibatären Männerbundes ans Licht. Leitlinien zum Umgang mit Fällen des sexuellen Missbrauchs hat die Deutsche Bischofskonferenz erstmals im September 2002 erlassen und dann mehrfach überarbeitet. Doch jedem der 27 deutschen Bischöfe steht es bislang frei, wie strikt er diese anwendet. Es folgten die Einrichtung von Missbrauchsbeauftragten und Präventionsstellen in den Diözesen, die Zuerkennung „materieller  Anerkennung des Leids" in beschränktem Maße, die Mitwirkung am Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch, die Beauftragung umfangreicher Forschungen und einiges mehr. Aber wie auch kirchliche Insider konstatieren: In großen Teilen der weltweiten Kirche fehlt es noch immer an der Bereitschaft, sich den System- und Strukturfragen sexualisierter Gewalt innerhalb der Hierarchien zu stellen. Der bis zum Sommer 2017 weltweit zuständige Präfekt der vatikanischen Glaubenskommission, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatte bis zuletzt verharmlosend nur von „Einzelfällen" und von einer „Kampagne gegen die Kirche" gesprochen. Ebenfalls erschreckend: der Abschlussbericht zu den Regensburger Domspatzen, der auch von Exzessen körperlicher Gewalt berichtet. Und die - oft schon verjährten - Fälle, in denen Täter einfach nur in andere Gemeinden versetzt wurden.

CHRISTIAN WEISNER
Sprecher der Reformgruppe „KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche"

 

HINTER DEM ALTAR

Dokumentarfilm, Dienstag, 20.2.2018, 20.15 Uhr, bis 21.23.2018 auf arte.tv

Zuletzt geändert am 03­.02.2018