3.3.2023 - rhein-zeitung.de
Nach Beurlaubung von Pfarrer regt sich Kritik am Zölibat: „Wie kann es sein, dass Kirche Liebe verbietet?“
Der Fall des jungen Pfarrers aus dem Brohltal, Moritz Neufang, hat für Aufsehen gesorgt: Neufang bat beim Bistum Trier um seine Beurlaubung, weil er nicht sichergehen könne, ob er weiterhin dem für katholische Pfarrer vorgesehenen Zölibat entsprechen könne. Das Dilemma des Priesters löst bei vielen Menschen Mitgefühl und Verständnis aus. Und Reformbewegungen kritisieren nun umso stärker rückwärtsgewandte Regelungen der katholischen Kirche.
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Kreis Ahrweiler. Der Fall des jungen Pfarrers aus dem Brohltal, Moritz Neufang, hat für Aufsehen gesagt: Neufang bat beim Bistum Trier um seine Beurlaubung, weil er nicht sichergehen könne, ob er weiterhin dem für katholische Pfarrer vorgesehenen Zölibat entsprechen könne. Neufang machte sein Dilemma und die Bitte in einem Brief auf der Internetseite der Pfarrei Brohltal Herz Jesu öffentlich und gab als Begründung an, dass er eine Frau kennengelernt habe. Und der 36-Jährige wird mit seinem inneren Konflikt nicht allein dastehen: Seitdem es den Zölibat, also die verpflichtende Ehelosigkeit für katholische Geistliche, gibt, steht er in der Kritik. Die KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ setzt sich unter anderem sehr kritisch mit dieser Lebensvorgabe der römisch-katholischen Kirche auseinander. Wir haben mit Brigitte Karpstein gesprochen, sie ist Sprecherin der Ortsgruppe „Wir sind Kirche vor Ort Rhein-Ahr“.
Frau Karpstein, der Konflikt, in den Moritz Neufang geraten ist, ist ja kein neuer. Wie beurteilen Sie diesen Konflikt?
Brigitte Karpstein: „Schon als ich früher in der katholischen Jugendarbeit tätig war, hatten wir hintereinander zwei überzeugende, begeisternde junge Priester als Gruppenleiter. Von diesen zwei Priestern mussten wir uns verabschieden, weil sie den Zölibat nicht einhalten konnten, geheiratet haben und natürlich suspendiert wurden. So tolle Leute. Das habe ich dann bis heute immer wieder erlebt und gehört. Das ist einfach nur traurig und macht zornig. Priester, die offen sind, den Menschen zugewandt, mit anderen auf Augenhöhe arbeiten, Jugendarbeit machen, da ist es doch beinahe klar und auch ganz normal, wenn sie sich früher oder später verlieben. Die Situation von Moritz Neufang hat mich wirklich getroffen, dass die römisch-katholische Kirche sich anmaßt, in das Leben von Menschen hineinzuregieren und in eine solche Zwickmühle zu schicken, in der sie sich entscheiden müssen zwischen dem Priesteramt und einer Frau an ihrer Seite. Dass sie liebenden Menschen die Ehe verbietet – das darf doch nicht sein. Jesus hat nie gesagt: „Ihr müsst ehelos leben.“ Petrus war verheiratet, aber das ignorieren die Entscheider einfach. Welches Bild gibt diese Kirche denn da ab?
Wie sieht denn die Gruppe „Wir sind Kirche vor Ort Rhein-Ahr“ Regelungen wie das Zölibat in der katholischen Kirche?
„Das ist schon immer eine zentrale Forderung von uns Reformgruppen: Die Abschaffung des Pflichtzölibates. Und ich finde, das ist die einfachste Forderung, die wir stellen. Mit der kann man schon mal anfangen und verheiratete Männer zum Priesteramt zulassen. Freiwillig kann ja jeder den Zölibat leben. Von Frauen in Priesterämtern fange ich in diesem Rahmen hier gar nicht erst an, das lehnt die Kirche kategorisch ab.
Die Kirche nimmt in Kauf, dass es immer weniger Priester gibt und die, die da sind, sind überlastet. Die Seelsorge kommt zu kurz oder fehlt ganz, und den Gläubigen wird die Eucharistiefeier im Gedenken an das letzte Abendmahl vorenthalten. Den Auftrag Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ zu erfüllen, ist den Entscheidern anscheinend nicht wichtig, viel wichtiger ist, dass Priester ohne eine Frau leben.“
Glauben Sie, dass der Zölibat auch dafür verantwortlich ist, dass es einen Priestermangel in der katholischen Kirche gibt?
„Ja, natürlich. Er ist sowohl für junge Menschen eine Hürde, ein Hindernis als auch für ältere, die dann sagen: Ich schaffe das nicht. Junge Menschen haben in der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang so kaum Anreiz, Priester zu werden. Oder sie möchten nicht in Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch gebracht werden. Der Zölibat wird u. a. dafür verantwortlich gemacht, dass sexuelle Bedürfnisse ausgelebt und Menschen missbraucht werden.
Priester, die doch in einer Partnerschaft leben, möchten das nicht heimlich tun müssen, sondern erlaubtermaßen offen.“
Welche Rolle spielt denn die Ökumene dabei? Die evangelische Kirche ist in vielerlei Hinsicht ja deutlich weniger streng und konservativ geprägt als die katholische.
„Ich denke, wir müssen als Christen voneinander lernen. Die katholische Kirche kann sich dabei ein Stück weit an der evangelischen orientieren, denn da ist die Ehe der Pfarrer/innen absolut kein Hindernis für die Ausübung des Berufes.“
Braucht die katholische Kirche eine Reformation?
Aber ja. Deshalb gibt es ja auch den synodalen Weg, der u. a. die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Laien und Geistlichen fordert, um so den christlichen Glauben zu leben. Und deshalb gibt es ja auch die Reformbewegungen. Diese sind schon lange an dem Thema dran und jetzt kommt, glaube ich, auch etwas ins Rollen, und die Mitglieder der Kurie, also die Leitungs- und Verwaltungsorgane des Papstes, reagieren darauf wie gereizte Schäferhunde. Sie sehen mit einer Reformation ihre Felle davonschwimmen, und jetzt reagiert die Kurie mit Verboten, Dabei geht es z. B. darum, den Synodalen Weg auszusetzen, bei dem unter Klerikern und Laien Fragen über den sexuellen Missbrauch erörtert und notwendige Reformen diskutiert und beschlossen werden. Der Limburger Bischof Georg Bätzing, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, bietet der Kurie die Stirn, und das finde ich sehr gut und mutig.
Was glauben Sie, wo steuert die katholische Kirche in Zukunft hin?
Die Teilung in zwei Lager wird sich möglicherweise noch weiter verschärfen. Dabei wollen wir Reformwilligen die katholische Kirche gar nicht spalten. Wir wollen wegkommen von einengenden, von Menschen gemachten, nicht mehr zeitgemäßen Verboten und zurück zu den Wurzeln, zum Evangelium und Jesu Botschaft als Vorgabe für unsere Lebensweise sehen, „denn nur einer ist euer Meister, Christus.“
Die jetzt die Kirche sozusagen spalten, sind meiner Ansicht nach eher die Reformverweigerer, das sind erzkonservative Bischöfe und Gruppierungen. Sie sind nicht bereit, zuzuhören, von anderen zu lernen, andere Meinungen zu akzeptieren, Reformen zu wollen, mitzuüberlegen, auf Augenhöhe mit uns Laien zu reden, die gesellschaftlich in demokratischen Strukturen leben. Manch eine und manch einer hat sogar den „Synodalen Weg“ verlassen, weil ihm bzw. ihr das nicht passte, dass Laien mehr Mitspracherecht bei kirchlichen Entscheidungen bekommen sollen. Das Machtgebahren einiger Klerikaler ist absolut out und sichert der Kirche auf keinen Fall die Zukunft. Uns von „Wir sind Kirche“ wollen eine jesuanische katholische Kirche, ich nenne mich schon gar nicht mehr römisch-katholisch, in der die Person Jesu an erster Stelle steht, und daraus resultieren Geschwisterlichkeit, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit aller und ein miteinander Kommunizieren auf Augenhöhe, ganz ohne Machtansprüche und Machtmissbrauch.
Die Fragen stellte Celina de Cuveland
Nach Beurlaubung von Pfarrer regt sich Kritik am Zölibat: „Wie kann es sein, dass Kirche Liebe verbietet?“
Der Fall des jungen Pfarrers aus dem Brohltal, Moritz Neufang, hat für Aufsehen gesorgt: Neufang bat beim Bistum Trier um seine Beurlaubung, weil er nicht sichergehen könne, ob er weiterhin dem für katholische Pfarrer vorgesehenen Zölibat entsprechen könne. Das Dilemma des Priesters löst bei vielen Menschen Mitgefühl und Verständnis aus. Und Reformbewegungen kritisieren nun umso stärker rückwärtsgewandte Regelungen der katholischen Kirche.
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Zuletzt geändert am 25.08.2026

