Kardinal Domenico Battaglia
An die Händler des Todes
Von Domenico Kardinal Battaglia, römisch-katholischer Erzbischof von Neapel. Er schreibt an diejenigen, die für die neue Spirale der Gewalt verantwortlich sind, die die Menschheit zerstört.
Quelle: Reflexión y Liberación, pluralistische ökumenische Publikation
Aus dem Spanischen von Thomas Schmidl
Zur Person siehe auch: > www.domradio.de/person/domenico-battaglia
An die Händler des Todes,
an euch, die ihr mit dem Blut der Menschen handelt,
an euch, die ihr eure Gewinne zählt, während Mütter ihre Kinder zählen,
an euch, die ihr das, was das Evangelium als Skandal bezeichnet, als „Strategie" bezeichnet,
an euch richte ich Worte, die nicht aus der Diplomatie entspringen, sondern aus der Wunde.
Ich schreibe euch von diesem bebenden Land aus.
Es bebt unter den Schritten der Armen,
unter dem Weinen der Kinder,
unter dem Schweigen der Unschuldigen,
unter dem wilden Dröhnen der Waffen, die ihr hergestellt und verkauft habt, gesegnet durch euren Zynismus. Ich schreibe euch, während es scheint, als habe die Welt die Sprache Kains wiedererlernt.
Diese alte und schreckliche Sprache, die fragt:
„Bin ich etwa der Hüter meines Bruders?"
Und doch, ja, das sind wir.
Wir alle sind es.
Und ihr mehr als andere, denn ihr habt euch entschieden, nicht nur wegzuschauen, sondern die Wunde eures Bruders auszunutzen.
Es gibt Nächte in dieser Zeit, in denen die Menschheit verloren scheint.
Lange Nächte, in denen der Himmel keinen Trost spendet und die Erde nur Trümmer zurückgibt.
Doch genau dort, im Herzen der Nacht, hält das Evangelium weiter stand.
Es sagt weiterhin, dass kein Mensch geboren wird, um eine Zielscheibe zu sein.
Dass kein Kind dazu bestimmt ist, zu Staub zu werden.
Dass keine Mutter lernen muss, ihr Kind an einem Stofffetzen zu erkennen.
Dass Frieden keine Schwäche ist, über die man sich lustig machen kann, sondern die höchste Form der Stärke.
Waffen zerreißen Körper, um den Zukunftsthunger zu befriedigen.
Brot bringt die Menschen an den Tisch.
Waffen errichten Gräben, sie leeren Häuser, decken Tische ohne Gäste.
Brot duftet nach Händen.
Waffen riechen kalt nach Budgets.
Und sagt mir: Wie macht ihr das?
Wie könnt ihr schlafen, wenn ihr wisst, dass hinter jedem Vertrag blutiges Fleisch steckt?
Dass hinter jeder Unterschrift eine leere Schule, ein zerstörtes Krankenhaus, ein ausgelöschtes Gesicht steht?
Wie könnt ihr das als „Markt" bezeichnen, was vor Gott den einfachsten und schrecklichsten Namen trägt – nämlich Sünde ?
Ich spreche nicht als Richter zu euch.
Ich habe keine Gerichte zu führen.
Ich spreche zu euch als Mensch und Hirte.
Als Gläubiger, der von der Brutalität dieser Zeit verwundet ist.
Als Bischof, der tief in seinem Innersten den Schrei Christi spürt, der noch immer gekreuzigt ist in den gedemütigten Völkern, in den verwüsteten Städten, in den namenlosen Leichen, die das Meer zurückwirft und der Krieg verbirgt.
Denn das Kruzifix heute hat die Hände von Zivilisten, die unter den Bomben begraben sind.
Es hat die offenen Augen von Kindern, die das Grauen nicht benennen können.
Es hat die Gesichter von Frauen, die Fotos umklammern, anstatt ihre Kinder zu umarmen.
Es hat den Durst der Flüchtlinge, die Angst der Alten, das Zittern derer, die kein Zuhause mehr haben und nicht einmal eine Sprache, um ihren Schmerz auszudrücken.
Und ihr, Händler des Todes, geht weiterhin unter diesem Kreuz hindurch, wie es einst die Soldaten taten, die sich die Gewänder der Verurteilten aufteilten.
Nur dass ihr heute nicht um ein Gewand würfelt:
Ihr würfelt um ganze Völker.
Ihr setzt auf Grenzen, Ressentiments, Eskalationen, bewaffnete Konflikte.
Und währenddessen nennt ihr Angst Frieden, Herrschaft nennt ihr Ordnung, eine permanente Bedrohung nennt ihr Sicherheit.
Doch es gibt keine Sicherheit, wo der Tod gesät wird.
Es gibt keine Zukunft, wo junge Menschen dazu erzogen werden, misstrauisch zu sein.
Es gibt keine Gerechtigkeit, wenn der Reichtum einiger weniger auf der Trauer vieler beruht.
Und es wird keinen Frieden geben, solange Krieg eine akzeptable Investition bleibt.
Das Evangelium verhandelt jedoch nicht.
Das Evangelium segnet keine Industrien der Zerstörung.
Das Evangelium gewöhnt sich nicht an die Toten.
Das Evangelium duldet nicht, dass Schmerz zu Statistiken wird oder dass Massaker in den müden Kommentaren einer Nachrichtensendung abgetan werden.
Das Evangelium stellt ein Kind in den Mittelpunkt.
Immer.
Und wenn ein Kind im Mittelpunkt steht, bröckeln all eure Argumente.
Die militärischen Doktrinen, die opportunistischen Bündnisse, die geopolitischen Rechtfertigungen und auch die technische Fachsprache, mit der ihr eure Scham verbergt, zerfallen.
Denn angesichts eines ermordeten Kindes gibt es keine Rechte und keine Linke mehr, keinen Osten und keinen Westen, keinen Freund und keinen Feind:
Es gibt nur noch den Abgrund.
Ich bitte euch daher nicht nur, innezuhalten.
Ich bitte euch, euch umzukehren.
Ja, bekehrt euch.
Ein altes Wort, ein skandalöses Wort, ein notwendiges Wort.
Sich zu bekehren bedeutet, aufzuhören zu glauben, dass alles einen Preis hat.
Es bedeutet anzuerkennen, dass das menschliche Leben heilig ist, sonst hört es auf, menschlich zu sein.
Es bedeutet, der Logik des Profits zu entsagen und sich der Logik des Schutzes zuzuwenden.
Es bedeutet, endlich den Mut zu haben, Geld zu verlieren, um Menschen zu retten.
Lasst euch erschüttern.
Nur einmal, aber aufrichtig.
Lasst die Tränen, die ihr zurückgehalten habt, euch überkommen.
Lasst die Namen der Toten in eure Sitzungssäle einziehen.
Lasst eine Mutter kommen und eure Bilanzen durcheinanderbringen.
Lasst das Evangelium euren Frieden ruinieren.
Denn es gibt keinen Frieden ohne die Entwaffnung des Herzens,
und es gibt keine Entwaffnung des Herzens, solange die Hand noch nach Profit greift.
Der Krieg beginnt nicht, wenn die erste Bombe fällt.
Er beginnt viel früher:
wenn der Bruder zum Hindernis wird,
wenn der Arme irrelevant wird,
wenn Mitgefühl als naiv gilt,
wenn die Wirtschaft aufhört, dem Leben zu dienen, und beschließt, es zu benutzen.
Doch ich schreibe euch nicht, um euch in Verzweiflung zu stürzen.
Ich schreibe euch, weil es auch für euch einen Ausweg gibt.
Gott hört nie auf zu rufen, nicht einmal an den sichersten Türen.
Auch für euch gibt es eine Chance auf Erlösung.
Aber ihr müsst herabsteigen.
Herab von den Sockeln der Macht, von den rechtfertigenden Reden, aus den Räumen, in denen der geruch- und gesichtslose Tod geplant wird.
Ihr müsst wieder Menschen werden.
Anstatt Manager, Aktionäre, Strategen, Verhandlern: Menschen.
Menschen, die zu Scham fähig sind und damit zur Wahrheit.
Ich träume von dem Tag, an dem eure Fabriken ihre Bestimmung ändern.
Wenn Eisen nicht zu Kugeln, sondern zu Pflügen wird,
wenn Erfindungsreichtum nicht dazu dient, das Böse zu vervollkommnen, sondern das Leben zu schützen,
wenn Kapital dafür ausgegeben wird, zu heilen, zu bilden, wiederaufzubauen, aufzunehmen.
Ich träume von dem Tag, an dem das Wort „Gewinn" nicht mehr mit „Beerdigung" einhergeht.
Und ich weiß, dass manche lächeln und all dies als Naivität bezeichnen werden.
Aber die einzige wahre Naivität ist heute der Glaube, dass Krieg rettet.
Der einzige wirkliche Wahnsinn ist zu glauben, wir könnten die Welt weiter in Brand setzen, ohne uns dabei selbst zu verbrennen.
Der einzig mögliche Realismus ist jetzt der Frieden.
Deshalb stelle ich euch eine Frage, von der ich hoffe, dass sie euch keine Ruhe lassen wird:
Wie viel Blut müsst ihr noch vergießen?
Wie viel Leid muss die Geschichte noch ertragen, damit ihr begreift, dass ihr nicht mit Waren handelt, sondern mit Kindern, Müttern, Gesichtern, Fleisch, das von Gott geliebt wird?
Haltet inne.
Bevor es für das Volk zu spät ist.
Bevor es für euch zu spät ist.
Haltet inne und hört auf das Evangelium des Friedens, das nicht schreit, sondern beharrt, das nicht zermalmt, sondern bekehrt, das nicht erniedrigt, sondern beim Namen nennt.
Hört auf Christus, unbewaffnet und wahrhaftig, der immer wieder sagt:
„Selig sind, die sich für den Frieden einsetzen."
Nicht diejenigen, die den Krieg berechnen.
Nicht diejenigen, die das militärische Gleichgewicht sichern.
Nicht diejenigen, die Angst verkaufen.
Diejenigen, die sich für den Frieden einsetzen.
Die Welt braucht Hände, die aufrichten, nicht Hände, die bewaffnen.
Sie braucht wachsame Gewissen, nicht blinden Profit.
Es braucht Propheten, keine Händler.
Und wir, die Kirche des Evangeliums, werden nicht schweigen.
Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus Glaubenstreue.
Nicht aus Naivität, sondern aus Gehorsam gegenüber Christus.
Nicht, weil wir die Komplexität der Geschichte ignorieren, sondern weil wir den unendlichen Wert jedes einzelnen Lebens kennen.
Euch, den Händlern des Todes, sage ich das letzte Wort nicht als Verurteilung, sondern als Flehen:
Gebt die Zukunft zurück.
Gebt den Atem zurück.
Gebt die Kinder ihren Müttern zurück, die Häuser den Vätern und die Träume der Erde.
Kehrt zu eurer Menschlichkeit zurück.
Der Friede wird über euch richten.
Doch wenn ihr ihn begehrt, kann der Friede euch noch retten.
Mit Schmerz, mit Hoffnung, mit dem Evangelium in der Hand
Kardinal Domenico Battaglia / Metropolit-Erzbischof von Neapel (14.03.26)
Quelle: https://www.reflexionyliberacion.cl/ryl/2026/03/14/carta-a-los-mercaderes-de-la-muerte/
Zuletzt geändert am 31.03.2026

