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Veröffentlicht am 27­.08.2021

Gebremstes Aufbegehren (aus: Norbert Lüdecke: Die Täuschung, Seite 102 ff.

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Zunächst aber entstand ein weiterer Druckimpuls, als im Herbst 1995 die Forderungen des nach den Missbrauchsvorwürfen gegen den Wiener Kardinal Groer in Österreich initiierten Kirchenvolksbegehren auch in Deutschland durch die Unterschriftenaktion der IKvu und der Zeitschrift „Publik-Forum“ übernommen wurden. Anderthalb Millionen Katholiken unterschrieben u. a. für eine Reform der Sexualmoral, die Abschaffung des Pflichtzölibats und für die volle Gleichberechtigung der Frau auch in Sachen Weihe. Letzteres hatte durch die lehramtliche Qualifizierung der Unmöglichkeit der Priesterweihe für Frauen als unfehlbare Lehre eine besondere Brisanz gewonnen. Die Beschränkung der Forderung nach Gleich-Berechtigung auf Frauen, während zur Schließung der Kluft zwischen Klerus und Laien die Gleich-Wertigkeit aller Gläubigen ausreichen sollte, zeigt, dass es auch hier nicht um einen Systemwechsel ging, sondern lediglich um den Einbau der weiblichen Katholikenhälfte in die klerikale Wahlmonarchie. In der mobilisierenden Koppelung von Protest, Plebiszit und medialer Massenvernetzung in der Bewegung „Wir sind Kirche“ war jedoch eine neue, von den Hierarchen kaum überhörbare Megaphonwirkung erzeugt worden. Der potenzielle politische Druck wurde allerdings dadurch gemindert, dass führende Repräsentanten des deutschen Laienkatholizismus – etwa die Präsidentin des ZdK, Rita Waschbüsch, die Vizepräsidentin Annette Schavan, Hanna-Renate Laurien aus dem Geschäftsführenden Ausschuss, ZdK-Mitglied Hans Maier oder die Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Ursula Hansen – auf Distanz gingen. Da ihr Dialogansatz innerhalb der kirchenrechtlichen Ordnung verbleiben sollte, wollten sie sich Forderungen und einer Vorgehensweise nicht anschließen, die mindestens auf die Änderung einer als unfehlbar qualifizierten Lehre zielten.

Die Dialog- geschweige denn Reformhoffnungen der Laien blieben ein weiteres Mal unerfüllt. ...

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Laien erlebten zwar andere Bischöfe als „ungemein liebenswürdig und freundlich“ im persönlichen Umgang, die Gespräche über die bekannten Anliegen aber als „aus strukturellen Gründen grundsätzlich garantiert folgenlos“ und „verkümmert zum ‚billigen Alibi‘ nach dem Motto ‚Hauptsache, wir bleiben im Gespräch‘“. Man musste erkennen, dass das seiner Wortherkunft nach verstandene Attribut „pastoral“ (von Pastor = Hirte) als Zuständigkeits-Passepartout eingesetzt werden kann, um jede freie Initiative zu verhindern oder zu vereinnahmen.

Nachdem der damalige Vorsitzende der DBK, Bischof Lehmann, am 2. Dezember 1995 an seinem Dienstsitz in der Bonner Kaiserstraße die Unterschriften des Kirchenvolksbegehrens entgegengenommen und ein gut zweistündiges, von den Beteiligten als offen und freundlich empfundenes Gespräch geführt hatte, schrieb er einen als „persönlich und vertraulich“ gekennzeichneten Brief an die „Hochw. Herren Mitglieder der DBK“. Darin bezeichnete er es als „aufschlussreich, dass der weitaus überwiegende Teil der friedlichen Demonstrantengruppe … aus älteren Leuten“ bestand. Über das Gespräch schrieb er weiter:

„Die drei Initiatoren machten einen sehr unterschiedlichen Eindruck, sind aber vor allem durch die Initiative Kirche von unten und Publik-Forum verbunden. Diese institutionelle Verklammerung, die man wohl auch in Zukunft verstärken wird, war recht auffällig.

– Die ungefähr 40- bis 45-jährigen Partner sind ausgesprochene Laien. Sie selbst berufen sich auf gute Erfahrungen mit der Kirche, besonders in der Konzilszeit. Das Zweite Vatikanische Konzil ist für sie jedoch eine sehr allgemeine, wenig bestimmte Größe, die jedoch einen kirchlichen ,Fortschritt‘ anzeigt, der von den allgemeinen
gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nicht getrennt werden kann. Die theologische Einsicht in die Zusammenhänge ist relativ gering. … Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie im Blick auf die Äußerungen von Prof. Dr. Hans Küng und vor allem von Prof. Dr. Peter Eicher, nicht zuletzt bei der Pressekonferenz in Hannover am 19. November 1995, verhängnisvolle Identifizierungen mit bestimmten theologischen Strömungen eingegangen seien, die ihre Behauptung, sie wollten ein echtes Gespräch mit den Bischöfen in der Kirche, außerordentlich erschweren, ja geradezu unmöglich machen würden. Es ist nicht ganz klar geworden, wie weit die Initiatoren die Tragweite dieser Bindungen eingesehen haben und auch bewusst wollten. …

– Gegen Ende wollte vor allem Herr Weisner, der sich am stärksten als Organisationskraft und ‚Chefideologe‘ zu erkennen gab, die Zusicherung erwirken, die Bischofskonferenz würde sich bei der Frühjahrs-Vollversammlung ausdrücklich mit den einzelnen Punkten des KirchenVolksbegehrens befassen und dazu auch gezielte
Beschlüsse fassen. Ich habe erklärt, wir hätten uns mit den in Frage stehenden Problemen schon oft und längst vor dem KirchenVolksbegehren immer wieder befasst. Wir würden zwar gewiss über die Initiative nochmals sprechen, aber auf keinen Fall Beschlüsse der erwarteten Art fassen. …

Die drei Initiatoren sind Kinder unserer Zeit. In vielem kommen sie einem wie ,verführte Verführer‘ vor, die zum Teil idealistischen Vorstellungen anhängen. Es wird sogar eine gewisse Sehnsucht nach Glaube und Kirche geben. Die allgemeine Prägung durch die gesellschaftliche Situation dürfte jedoch größer sein als die Wirkung
seitens der Kirche. Dies wirft schon auch schwere Fragen hinsichtlich Glaubensunterweisung, Predigt und Religionsunterricht auf. In diesem Sinne sind die drei Initiatoren Spiegelbilder ihrer Generation. Dies gibt zu denken. Wir müssen ausführlicher über diese Substrukturen und Entwicklungen im Katholizismus
sprechen … In diesem Sinne [ist] Wachsamkeit geboten“.

Bitten um Stellungnahmen zu diesem später bekannt gewordenen Schreiben ließ Lehmann unbeantwortet.

Der Limburger Bischof Kamphaus griff in der ARD-Sendung „Report“ (vom 28. August 1995) zur probaten Ablenkungsstrategie und disqualifizierte das Anliegen der Reformwilligen angesichts der Armut in der Welt als Nabelschau auf hausgemachte Probleme.

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aus: 
Norbert Lüdecke: Die Täuschung. Haben Katholiken die Kirche, die sie verdienen?
wbg
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Theiss, ISBN 978-3-8062-4353-6, 2021

(mit freundlicher Abdruckerlaubnis des Verlages)

 

Mehr zum vertraulichen Schreiben vom damaligen Vorsitzenden der DBK an seine Bischofskollegen, das sechs Jahre später doch bekannt wurde, in einem Artikel von Thomas Seiterich-Kreuzkamp:
Hat Kardinal Lehmann zwei Gesichter?
Wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz »vertraulich« über die Sprecher des Kirchenvolksbegehrens urteilte

> Publik-Forum Nr. 22, 23. November 2001, Seite 28

 

Zuletzt geändert am 18­.09.2021

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