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Veröffentlicht am 27­.10.2011

27.10.2011 - Passauer Neue Presse

Hans Küng bei MiE in Passau: "Die Kirche braucht mehr Mut" (2)


Printausgabe 28.10.2011: "Die Kirche ist sterbenskrank"
von Stefan Rammer

Wer erwartet hätte, dass Hans Küng mit den Positionen von Papst Benedikt XVI. eine Stunde lang überhart ins Gericht gehen würde, wurde enttäuscht oder auch überrascht. Der Tübinger Kirchengelehrte schlug zeitweilig eine feine Klinge beim Podiumsgespräch im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Menschen in Europa". Sein Thema: "Ist die Kirche noch zu retten?".

Natürlich machte der Theologe deutlich, dass seine Vorstellungen von Kirche im 21. Jahrhundert in vielen Punkten den Positionen des deutschen Papstes widersprechen. Und er formulierte ein Programm, wie reformorientierte Katholiken die Kirche verändern können und sollen: Sieben Punkte zur Durchsetzung von Reformen.

Für den 83-jährigen Küng ist die Kirche "sterbenskrank", weil rückwärts gewandt, männerfixiert, eurozentriert; und weil sie den Anspruch auf die allein selig machende Wahrheit vor sich hertrage. Bei all dem Trennenden aber scheint Küng wie Benedikt ein gleicher Grundsatz zu einen. Auf die Frage einer Besucherin, wie er, falls er zum Papst gewählt werden würde, die Menschen auf dem Petersplatz begrüßen würde, meinte er zunächst, er würde sie alle als "Brüder und Schwestern" begrüßen und dann würde er aus dem 2. Korintherbrief zitieren: "Nicht Herren eures Glaubens sind wir, sondern Diener eurer Freude." Diesen Satz hat Joseph Ratzinger sich 1951 als Primizspruch ausgewählt.

Ergriffen vom Geist des Aufbruchs

Küng wie der Papst sehen sich als Diener der Wahrheit. Ratzinger entlehnte 1977 bei seiner Bischofsernennung seinen Wahlspruch "cooperatores veritatis" ("Mitarbeiter der Wahrheit") dem 3. Brief des Johannes. Wie Küng erläuterte, haben beide als jüngste Teilnehmer beim Zweiten Vatikanum gemeinsam die Aufbruchstimmung und die Bereitschaft zu Reformen begrüßt: "Auch Joseph Ratzinger war vom Geist des Aufbruchs ergriffen." Aber der Theologe Ratzinger habe sich Schritt um Schritt auf seinem Weg ins System hinein zum Konservativen entwickelt und zunehmend Distanz zum Kirchenvolk aufgebaut. Ratzingers reformfreudige und Veränderungen des Konzils befürwortende Einstellung habe sich nach den Konflikten mit der 1968er-Bewegung an der Tübinger Universität geändert. Er sei damals nach Regensburg "geflohen".

Der geschickt nachfragende Moderator des Abends, ARD-Chefredakteur Thomas Baumann, widmete dem Verhältnis beider Männer viel Raum. Küng konnte dabei herausstellen, was ihn letztlich doch von Benedikt XVI. trennt. "Die Kirche leidet unter dem römischen System, einem mittelalterlichen System, das sich im 11. Jahrhundert in der gregorianischen Reform nach Gregor VII. in der Kirche durchgesetzt hat und das zu einem Papalismus, einem absoluten Papsttum, einem forcierten Klerikalismus und zum Zölibatsgesetz geführt hat." Hier hätten Symptome wie der Niedergang der Seelsorge, der fehlende Priesternachwuchs oder mangelnde Reformbereitschaft ihre Ursache. Das hätte auch dazu geführt, dass die Kirchenspitze sich immer weiter vom Kirchenvolk entfernt habe.

Küng erläuterte auch, warum er in Zusammenhang mit dem römischen Herrschaftssystem des Papstes von einer "Putinisierung" gesprochen habe. Er habe nicht den Heiligen Vater mit dem unheiligen Staatschef Russlands vergleichen wollen, wohl aber die Struktur, die Art, Politik zu machen oder Herrschaft auszuüben. "Dass mit Ratzinger der Chef der geheimsten Organisation des Vatikans, der Glaubenskongregation, Papst wird, hätte ich nicht erwartet. Mit Putin ist auch der Geheimdienstchef Staatschef geworden." Beide hätten dann unliebsames Personal ausgewechselt und sich mit Vertrauten umgeben. So wie Putin die Gouverneure entmachtet hätte, hätte Papst Benedikt die Bischöfe heruntergestuft.

Ob es denn weltweit keinen Bischof oder Kardinal gebe, der aufstehe und widerspreche, fragte Baumann. Er sehe keinen, so Küng. Ein Bischof dürfe zu allem Ja und Amen sagen, nur zu wesentlichen Punkten nicht. Im persönlichen Gespräch würde mancher Bischof ihm Recht geben und wenn die Bischöfe frei ihre Meinung äußern könnten, würden ihm wohl viele in seiner Forderung nach Reformen zustimmen. Küng erzählte eine Anekdote, die sich am Rande eines Besuches in Neuseeland zugetragen habe. Ein Bischof habe dort einen Hirtenbrief gegen ihn verfasst, aber im persönlichen Gespräch gesagt: "Wir wollen doch Freunde sein, vielleicht kommen Sie ja einmal als Kardinal zurück."

Küng erinnerte vor allem an den Konzilspapst. Johannes XXIII. habe in seinem fünfjährigen Pontifikat mehr bewegt als alle auf ihn folgenden Päpste. "Er hat die Türen und Fenster geöffnet und frische Luft hereingelassen. Papst Benedikt will die Türen und Fenster wieder schließen." Es bräuchte einen wahren Geistesmann auf dem Stuhle Petri, der vom Evangelium getrieben sei.

"Ich bin nicht wegen dem Papst katholisch"

Dann machte der Kirchenkritiker seinem Ärger Luft über den in seinen Augen enttäuschenden Papstbesuch in Deutschland. So leicht hätte der Papst ein Gastgeschenk machen können. "Er hätte sagen können, ich habe die seit Jahrzehnten vorliegenden ökumenischen Konsensdokumente studiert und ich sehe keine Schwierigkeit, die Gültigkeit protestantischer und anglikanischer Ämter und deren Abendmahl anzuerkennen. Das wäre ein Durchbruch und ein Riesenerfolg gewesen."

Die Andeutung Baumanns, Küng sei doch längst schon den Protestanten näher als den Katholiken, konterte Küng: "Ich bin doch ein ganz fideler Katholik. Ich bin nicht wegen dem Papst katholisch, sondern weil ich von Kind auf in einer großen Glaubensgemeinschaft stehe, die ich weltweit wiedergefunden habe, weil in dieser Kirche auch das Evangelium verkündigt und gelebt wird." Katholische Weite und evangelische Konzentration ließen sich miteinander verbinden.

"Küng als Dialogpartner ernst nehmen"

Trotz aller Kritik und Skepsis aber meint Küng, dass die "Kirche als Glaubensgemeinschaft der Christusgläubigen" zu retten ist. Er jedenfalls werde weiter als kritischer Katholik für seine Kirche kämpfen. Küng hatte auch einen sieben Punkte umfassenden Strategietext nach Passau mitgenommen, wie sich seiner Meinung nach Reformen in der katholischen Kirche durchsetzen ließen (siehe nebenstehenden Kasten). Alexander Kain, stellvertretender PNP-Chefredakteur, nannte sie abschließend "eine Anleitung zur Revolution".

Das Publikum nahm den Sieben-Punkte-Plan mit Beifall zur Kenntnis. Es saßen überwiegend Menschen im Saal, die Küngs Reformthesen bejahen. Auch mehrere Geistliche und im Dienst der Kirche stehende Personen ließen sich diesen niveauvollen Gesprächsabend nicht entgehen. Es sei wohltuend, einen solchen Theologen in der Kirche zu wissen, meinte ein Pastoralreferent und bedauernd: "Wenn beide herausragenden Männer sich nur in der Mitte treffen könnten." Die Diözesanvorsitzende des Frauenbunds, Bärbel Benkenstein-Matschiner, lobte die humorvolle Art Küngs, bemängelte aber, dass so wichtige Punkte so einseitig ohne Widerpart der Kirche besprochen worden seien. Prof. Dr. Otto Mochti, ehemaliger Domdekan und Generalvikar des Bistums Passau, meinte, man müsse Küng als Dialogpartner ernst nehmen und ihm nicht so ängstlich entgegentreten. "Die Schere im Kopf zwischen Kirchenführung und Kirchenvolk darf nicht noch weiter auseinandergehen, sonst endet die Phase der großen Frustration nicht."

http://www.pnp.de/region_und_lokal/stadt_und_landkreis_passau/passau_stadt/253111_Hans-Kueng-bei-MiE-in-Passau-Die-Kirche-braucht-mehr-Mut.html?ref=kkueng





Hans Küngs Strategie zur Durchsetzung von Reformen

1. Möglichst viele Pfarrer und Diakone mögen sich als Gruppen oder als Einzelne der österreichischen Pfarrerinitiative anschließen.

2. In den Gemeinden mögen sich Reformgruppen von Frauen und Männern bilden, welche die Reformen auf Gemeindeebene vorantreiben.

3. Priesterlose Gemeinden sollen nicht nur Wortgottesdienst halten, sondern auch priesterlose Eucharistiefeiern: Erst nach dem gemeinsam gesprochenen biblischen Abendmahlsbericht die Kommunion austeilen.

4. Die Kirchenspaltungen zwischen den Ortsgemeinden sollen aufgehoben werden (nach Bruchsaler Vorbild).

5. In den diözesanen und nationalen Gremien sollen die Reformen auch deutlich an die Adresse der Bischöfe gerichtet werden.

6. Die Reformvorschläge sollen von den Bischöfen an den Papst weitergereicht werden.

7. Das Internet soll zur Vernetzung der Kommunikation und zu gemeinsamen Aktionen für Reformen genutzt werden.

http://www.pnp.de/nachrichten/heute_in_ihrer_tageszeitung/bayern/?em_cnt=254543

Zuletzt geändert am 08­.11.2011

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