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Veröffentlicht am 01­.12.2005

Offener Brief an die deutschen Bischöfe - 10 Jahre nach dem KirchenVolksBegehren

Sehr geehrte Herren Bischöfe!

1.845.141 Menschen, von denen sich 1.483.340 ausdrücklich als römisch-katholisch bekannten, haben im Herbst 1995 die fünf Forderungen des KirchenVolksBegehrens unterschrieben. Sie taten dies auf der Grundlage der dogmatischen Konzils-Konstitution „Lumen Gentium“, Art. 37, und des Can. 212 § 3. des Kirchenrechts. Danach haben die Gläubigen „das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun.“

Immer wieder haben sich Menschen aus der KirchenVolksBewegung in den vergangenen zehn Jahren an Sie als einzelne Bischöfe wie auch an die Bischofskonferenz gewandt, ohne dass jedoch ein wirklicher Dialog zustande gekommen ist. Dies ist umso bedauerlicher, als die Unterschriften von Laien, Priestern und Ordensleuten unter das KirchenVolksBegehren – wie Untersuchungen immer wieder zeigen – nach wie vor für die große Mehrheit der praktizierenden Katholiken und Katholikinnen stehen, die sich für die vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) und der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland” (1971-1975) angestoßenen und seitdem theologisch und pastoral weiter entwickelten Reformschritte einsetzen.

Auch zehn Jahre nach dem KirchenVolksBegehren in Deutschland müssen wir feststellen:

1. Der beim Gespräch mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Dezember 1995 aufgenommene Dialog ist, trotz zahlreich wiederholter Dialogversuche seitens der KirchenVolksBewegung , von ihm und vielen Bischöfen gar nicht oder nur sehr zögerlich weitergeführt worden. Die bereits 1991 vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken konstatierte Dialogverweigerung mit dem Kirchenvolk hält an.

2. Immer mehr Menschen wird das »Glauben« in der Kirche gerade durch das Festhalten an überholten kirchlichen Strukturen erschwert oder gar unmöglich gemacht . Hunderttausende haben schon »Kirchenflucht« begangen, Millionen haben sich in die innere Emigration zurückgezogen. Besonders Frauen finden es zunehmend unerträglich , dass sie durch die patriarchalischen, kirchlichen Strukturen gehindert werden, ihre Berufungen und ihren Glauben in der Kirche zu leben.

3. Die Zahl der Menschen und Gemeinden wird immer größer, die sich für innerkirchliche Reformen wie die Frauen-Ordination, die Zulassung von „viri probati“, die Aufhebung des Pflichtzölibats oder die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten einsetzen. Auch die zahlreichen Voten von Räten, Kommissionen, Verbänden, Synoden und Pastoralgesprächen zeigen die Notwendigkeit dieser Reformen immer deutlicher.

4. Bedingt durch den weiter zunehmenden Priestermangel steht die Gemeindepastoral vor umwälzenden Umbrüchen, auf die die Kirche nicht vorbereitet ist . In dem 26-jährigen Pontifikat von Johannes Paul II. stieg die Zahl der Katholiken und Katholikinnen weltweit um 40 Prozent an, während die Zahl der Priester um 4 Prozent zurück ging. Auch die Hälfte unserer Pfarreien in Deutschland wird in naher Zukunft ohne ordinierte Seelsorger und regelmäßige Eucharistiefeier sein.

5. Die aktuelle Finanz- und Vertrauenskrise ist Zeichen auch einer schweren geistigen und geistlichen Krise. Die drastischen Sparmaßnahmen werden in vielen Bistümern ohne Transparenz und breitere Mitwirkung praktiziert. Der pastorale und soziale Rückbau hat zur Folge, dass sich die Kirche immer mehr von den Menschen entfernt. Zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, fehlt die Stimme der Kirche in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umverteilungs- und Umstrukturierungsprozessen sowie zu den Folgen der weltweiten Globalisierung.

6. Die tiefgehenden Eingriffe des Vatikans in den letzten Jahren – wie beispielsweise die “Laieninstruktion”, das Apostolische Schreiben „Ad tuendam fidem“ (Zum Schutz des Glaubens), der von Rom oktroyierte Rückzug aus der Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Ökumene sehr belastende Erklärung “Dominus Iesus”, die Liturgie-Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ – vertiefen die Kluft zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk immer mehr.

7. Die Berichte über die jüngste Weltbischofssynode in Rom zur Eucharistie haben gezeigt, dass die von der KirchenVolksBewegung seit Jahren thematisierten Reformanliegen keineswegs nur Deutschland betreffen . Bischöfe – vor allem aus Dritte-Welt-Ländern, den USA und den Unierten Orthodoxen Kirchen – haben dies zur Sprache gebracht. Doch es bleibt zu befürchten, dass auch unter Papst Benedikt XVI. kein „aggiorna­men­to“ der theologischen Sprache und pastoralen Praxis an die Erfordernisse der Gegenwart stattfinden wird.

Das Zweite Vatikanum sichert den Bischöfen zu, dass sie „in eigener Vollmacht zum Besten ihrer Gläubigen, ja der ganzen Kirche“ wirken (LG 22). Wenn Sie wahre Hirten Ihrer Diözesen, solidarisch mit deren Nöten und Hoffnungen, sein wollen, dürfen Sie nicht weiter die Rolle der bevormundenden Oberhirten einnehmen, die Ihnen vielfach von Rom aufgezwungen wird. Als Nachfolger der Apostel haben Sie die Möglichkeit, im Rahmen des Kirchenrechts auch gegenüber dem Papst und dem Vatikan ihre Position mit Nachdruck zu vertreten.

Wir appellieren deshalb an Sie: Zeigen Sie in christlicher Zuversicht Mut! Statt Resignation und Frustration brauchen wir wieder eine offene, den Menschen zugewandte und geschwisterliche Kirche.
  • Verstehen Sie den Priestermangel als Chance für ein neues Bewusstsein der Mit- und Selbstverantwortung in den Gemeinden!
  • Bestärken Sie die so genannten Laien in ihrem Engagement für die Weitergabe des Glaubens und die Mitgestaltung und Mitwirkung in der Leitung der Gemeinden!
  • Sehen Sie das Drängen der Frauen als Zeichen von Identifizierung mit der Kirche! Gerade die Visionen von Frauen für ein erneuertes Amt bieten Chancen für eine zukunftsweisende Pastoral!
  • Räumen Sie den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Gestaltungsmöglichkeiten und Eigenverantwortung ein, da nur so eine Beheimatung in der Kirche gelingen kann!
  • Erkennen Sie das Engagement gerade auch kritischer Katholikinnen und Katholiken als klares Zeichen der Liebe zur Kirche und als Alternative zu tatsächlicher oder innerer Emigration!
  • Ergreifen Sie die besondere Verantwortung für die Ökumene und geben Sie ein klares Bekenntnis für das Verbindende im Glauben sowie zu einem zweiten Ökumenischen Kirchentag im Jahr 2010 ab!
  • Seien Sie jetzt endlich zum ernsthaften Dialog bereit! Gerade in der jetzigen Umbruchszeit ist eine intensive Mitwirkung des Kirchenvolks bei allen strukturellen Entscheidungen theologisch und pastoral dringend geboten.
Die römisch-katholische Kirche steht in Deutschland, in Europa und weltweit vor dramatischen Veränderungen und Herausforderungen, die nur von Kirchenvolk und Bischöfen gemeinsam bewältigt werden können. In dieser Situation fordern wir Sie als Bischöfe auch zehn Jahre nach dem KirchenVolksBegehren auf, im Sinne des Apostel Paulus „nicht als Herr über den Glauben, sondern als Diener unserer Freude” zu handeln (2 Kor 1,24).

Eva-Maria Kiklas
Christian Weisner

für das Bundesteam der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche

Zuletzt geändert am 10­.05.2006

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