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Veröffentlicht am 29­.05.2012

29.5.2012 - http://www.publik-forum.de

»Die Bischöfe stehen abseits«

von Markus Dobstadt

Christian Weisner von der katholischen Reforminitiative »Wir sind Kirche« sieht die Kirchen mitten in einem schmerzhaften Paradigmenwechsel. Diesen Wechsel habe zum Beispiel der Katholikentag in Mannheim klar gezeigt. Was folgt daraus für Katholiken und Protestanten? Im zweiten Teil der Serie zur Kirchenreform ermuntert Christian Weisner von der katholischen Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche« dazu, sich zusammenzuschließen und die Arbeit in der Gemeinde notfalls selbst in die Hand zu nehmen.

Der Katholikentag in Mannheim hatte das Motto »Einen neuen Aufbruch wagen«. Spüren Sie einen Aufbruch?

Christian Weisner: An der breiten Kirchenbasis auf alle Fälle, auch in Teilen des Zentralkomitees, das den Katholikentag veranstaltet. Nur die Bischöfe tun sich noch sehr, sehr schwer damit. Wenn der offizielle Katholikentag der Versuch sein sollte, einen Aufbruch ganz in Harmonie zu machen, dann wird das nicht gelingen. Dass Erzbischof Robert Zollitsch beim Eröffnungsgottesdienst in seiner Predigt nur vom Aufbruch im persönlichen Bereich, in der Familie und in der Wirtschaft gesprochen hat und den Aufbruch in der Kirche mit keiner Silbe erwähnte, fand ich enttäuschend.

Das Bedürfnis nach Reform ist bei den Gläubigen deutlich spürbar?

Christian Weisner: Ja, schon lange und immer drängender. Bei manchen ist aber auch eine resignative Stimmung spürbar, weil es nicht voran geht.

Was muss passieren, damit es einen dauerhaften Aufbruch geben könnte?

Christian Weisner: Es gibt bereits ganz viele Aufbrüche in Deutschland. Die Reformgruppen zum Beispiel planen eine »Konziliare Versammlung« vom 18. bis zum 21. Oktober 2012 in Frankfurt aus Anlass der Konzilseröffnung vor 50 Jahren. An vielen Orten entstehen neue Basisgemeinden und Initiativen. Das Memorandum der über 300 Theologen im vergangenen Jahr war ein starker Schritt, der weiter wirkt. Auch international gibt es vieles, was Mut macht. Auf unserer Webseite haben wir eine Übersicht über Aufbrüche in der Kirche im In- und Ausland. Eine ganz wichtige Initiative ist die der österreichischen Pfarrer mit ihrem »Aufruf zum Ungehorsam«. Wenn die Bischöfe aufgrund ihrer falsch verstandenen Loyalität gegenüber dem Papst keine Antworten mehr auf die pastoralen Herausforderungen finden, macht es letztlich jeder Seelsorger mit gutem Gewissen selber. Und die Bischöfe verlieren zu Recht ihre Autorität.

Das Problem ist, dass die von der Kirche vorgegebenen Regeln nicht mehr den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Die Bischöfe stehen wie im Märchen als Kaiser ohne Kleider da. Die Gläubigen ihrerseits protestieren, sie fordern Reformen oder treten aus. Die Kirche ändern können sie nicht. Wie kann das weitergehen?

Christian Weisner: Ich habe zwei negative Visionen. Die eine ist, dass es in Deutschland so kommen könnte wie in den Niederlanden. Die holländische Kirche war zur Konzilszeit sehr lebendig. Doch durch Bischofsernennungen von Rom ist sie einfach plattgemacht worden. Sie ist heute marginalisiert und spielt keine gesellschaftliche Rolle mehr. Eine andere negative Vision ist die, dass die Kirche zur konservativen Sekte schrumpft. Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, hat beim Katholikentag gesagt, wir brauchen die Katholiken als Wertegemeinschaft. Aber wenn die Kirche mit sich selbst nicht im Reinen ist, wie soll das gehen? Wenn das Image der katholischen Kirche negativ ist, wird auch nicht mehr das Gute gehört werden, das sie verkündet und tut.

Was können die Gläubigen vor Ort machen, um Reformen anzustoßen?

Christian Weisner: Sie sollten sich als vollwertige Mitglieder der Kirche sehen und auf Teilhabe an ihr bestehen. Wenn die nicht gewährt wird und etwa ein Pfarrer einer Reformgruppe keine Räume in der Gemeinde zur Verfügung stellt, sollten sie sich das nicht gefallen lassen. Kirche, das ist nicht nur der Pfarrer und die Institution, Kirche ist in einem viel weiteren Begriff zu sehen: Wir alle sind Kirche. Dieses Recht müssen wir aber selbst durchsetzen. Das geht nicht von allein. Man sollte sich mit anderen vernetzen, etwa kirchliche Vereine oder Kirchenstiftungen gründen.

Entsteht dadurch nicht eine Parallelkirche?

Christian Weisner: Eine andere Art von Kirche, keine Versorgungskirche, sondern eine Mitmachkirche. Da muss man natürlich vieles selbst organisieren. Trotz aller Schwundbewegungen, die wir in Deutschland haben, gibt es noch genügend Menschen, die sich christlich engagieren. Das ist eine Chance. Wenn die Bischöfe mitkommen wollen, sind sie herzlich eingeladen. Wir müssen wegkommen von der Priesterfixiertheit und hinkommen zu mehr Beteiligung. Die Bischöfe sagen zwar, die Priesterfixiertheit gibt es auch bei den Gläubigen. Ich glaube aber, dass die Menschen weiter sind.

Faktisch gibt es ja Reformen. Viele Priester leben nicht zölibatär oder verteilen die Kommunion auch an Geschiedene, die wieder geheiratet haben. Ist das ein Weg? Die Regeln der Kirche zu ignorieren und darauf zu hoffen, dass der Papst die Regeln aufhebt?

Christian Weisner: Das ist die normative Kraft des Faktischen. Darauf setzt zum Beispiel die so wichtige österreichische Pfarrerinitiative, die sich 2006 gebildet hat. Wir brauchen in der Kirche allerdings eine gewisse Verlässlichkeit. Der eine Bischof lässt Dinge zu, der nächste Bischof macht alles ganz anders. Das ist nicht gut. Nach dem Kirchenvolksbegehren, der Pfarrerinitiative und dem Theologenmemorandum wäre es eine tolle Idee, wenn es jetzt eine Bischofsinitiative geben würde. Wenn die Bischöfe den Mut dazu hätten, die pastoralen Nöte in Rom anzusprechen und sagen würden: »Wir erreichen die Menschen nicht mehr, besonders die Jugend.« Allein in München können 40 Prozent derer, die heiraten wollen, wegen einer früheren Heirat nicht mehr kirchlich heiraten. Das ist doch keine Randgruppe in der Kirche.

Die Bewegung »Wir sind Kirche« entstand aus dem Kirchenvolksbegehren im Jahr 1995, das von der Initiative »Kirche von unten« und der »Leserinitiative Publik« vorbereitet wurde. Mehr als 1,8 Millionen Menschen unterschrieben damals die gleichen Forderungen, wie sie heute die Reformgruppen erheben. Was hat sich in den vergangenen 17 Jahren verändert?

Christian Weisner: Das Bewusstsein hat sich sehr positiv verändert. Das Bewusstsein, dass alle Getauften und Gefirmten vollwertige Mitglieder der Kirche und für sie mitverantwortlich sind. Kirche hat sich im Laufe der Zeit doch immer wieder verändert. Im 8. Jahrhundert gab es zum Beispiel noch nicht den Pflichtzölibat. Später war die Kirche für die Sklaverei und die Inquisition, hat diese Positionen aber zum Glück aufgegeben. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat gezeigt, dass Veränderungen möglich sind. Damals wurden sie von oben angestoßen, aber sie sind sehr schnell durch die ganze Kirche gegangen. Ich denke, wir stehen gerade vor einem großen Paradigmenwechsel in der Art, dass man zum Beispiel die Rolle der Priester und der Frau ganz neu definieren muss. Wenn das System Kirche keine Anpassung zulässt , wird es irgendwann obsolet.

Sie erwarten, dass sich dieser Paradigmenwechsel vollzieht?

Christian Weisner: Wir sind mittendrin.

Er hat aber noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen.

Christian Weisner: Der Bewusstseinswandel ist da, die Praxis ist auch da. Aber er ist noch nicht im Kirchenrecht vollzogen worden. Historische Transformationsprozesse sind sehr komplex und auch schmerzhaft. Sie stürzen viele Menschen in Konflikte. In der Kirche können sie etwa ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie sich scheiden lassen und wieder heiraten wollen. Gemeinden werden zusammengelegt, Kirchen abgerissen. Noch wird die Transformation mehr als Zusammenbruch erlebt und nicht als Aufbruch. Auf der anderen Seite entstehen Basisgruppen. Das Neue ist aber noch klein, es ist noch zu wenig vernetzt. Auch wenn manche Reformgruppen eine bemerkenswerte Stabilität zeigen: Publik Forum besteht 40 Jahre, die Initiative »Kirche von unten« 31 Jahre, »Wir sind Kirche« 17 Jahre.

Die Kirche leidet nicht nur an überholten Moralvorstellungen und Strukturen. Es gibt auch einen Glaubensschwund in der Gesellschaft. Wie ist dem zu begegnen?

Christian Weisner: Die Frage ist doch, welches Gottesbild wir vermitteln. Viele Menschen in der römisch-katholischen Kirche werden ausgegrenzt. Auch die evangelische Kirche hat noch ein patriarchales Gottesbild, Pfarrerinnen in der evangelischen Kirche sind erst eine junge Entwicklung. Es ist zudem oft keine sehr menschenfreundliche Botschaft, die vermittelt wird. Vorstellungen wie die, dass Jesus für meine Sünden büßen musste, schrecken viele ab. Das ist ein sehr schuldbeladenes Gottesverständnis. Ich glaube, dass die Menschen durchaus gläubig sind. Es werden auch die Fragen nach Gott gestellt, aber die Großkirchen finden oft nicht die richtigen Antworten darauf.


Christian Weisner ist Sprecher der »Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche«, die seit 17 Jahren mit fünf Forderungen für eine Reform der katholischen Kirche eintritt.

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Zuletzt geändert am 08­.06.2012