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30.1.2012 - Süddeutsche Zeitung
„Wer zum Baumarkt fährt, kann auch zur Kirche fahren“


Die Reform der Pfarrgemeinden im Bistum Augsburg wird den engagierten Christen viel zumuten, doch der Bischof setzt notfalls auf das gebietende Wort

Von Andreas Roß

Augsburg – Es war ein außergewöhnlicher Sommerabend, dieser 30. August 2011 in Kempten. Mehr als 200 Menschen hatten sich mitten in der Stadt mit brennenden Kerzen in der Hand um ihre Kirche Christi Himmelfahrt geschart. Manche hatten Tränen in den Augen, aber alle sangen mit Inbrunst: „Herr erbarm, erbarme dich . . .“ Doch alles Beten, alles Singen, alles Flehen half nicht. Die seit 80 Jahren bestehende Pfarrgemeinde wurde am Tag darauf aufgelöst und mit der größeren Kirchengemeinde von Sankt Lorenz fusioniert. Die frustrierten Gläubigen haben zwar Widerspruch bei der Kleruskongregation in Rom eingelegt, aber es ist nicht zu erwarten, dass die von Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa verfügte Zwangsfusion – die erste im Bistum überhaupt – wieder rückgängig gemacht wird. Helmut Mangold, der Vorsitzende des Diözesanrats und damit oberster Sprecher der Laien im Bistum, wertet es rückblickend so: „Das war nicht bloß eine Fusion, sondern die Zerschlagung einer Pfarrei gegen den Protest der Pfarrgemeinderäte, der Gläubigen und sogar einiger Priester. So etwas darf nicht noch einmal passieren, das hat viel Vertrauen zerstört.“

Bleibt abzuwarten, ob die Kirche von Augsburg aus der Causa Christi Himmelfahrt in Kempten tatsächlich gelernt hat. Denn an diesem Montag wird Bischof Zdarsa der Versammlung seiner Dekane die zweite Phase der pastoralen Raumplanung 2025 vorstellen. Hinter diesem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich der organisatorische Umbau des Bistums, das etwas mehr als 1,3 Millionen Katholiken zählt, die noch in 1000 Pfarrgemeinden und 200 Pfarreiengemeinschaften ihre kirchliche Heimat haben. Doch bis zum Jahr 2025 wird die Landkarte eine kräftige Flurbereinigung erfahren, weil das Bistum bis dahin mit nur noch 200 Pfarrern rechnet, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es auch nur noch 200 Seelsorgeeinheiten geben kann. Der Priestermangel sorgt nicht nur im Bistum Augsburg für eine Strukturreform, bei der nahezu kein Stein auf dem anderen bleiben wird.

Nach allem, was aus den beiden Arbeitsgruppen und der Hauptabteilungsleiterkonferenz im Ordinariat bislang durchsickerte, wird Bischof Zdarsa seinen Dekanen in dieser Woche keine freudige Botschaft übermitteln. Vor allem in den städtischen Räumen soll offenbar die Fusion von Pfarreien zum prägenden Modell werden. Nur in den ländlichen Regionen soll es für den Übergang noch Pfarreiengemeinschaften geben, doch deren Lebensdauer wird begrenzt sein. Für das kirchliche Personal wird das einschneidende Änderungen mit sich bringen, aber vor allem für die regelmäßigen Kirchgänger, deren Anteil im Bistum immerhin noch bei etwa 14 Prozent liegt. „Es macht niemand von uns Spaß, Pfarreien zusammenzulegen. Es wäre viel schöner, wir könnten weiterhin 1000 Pfarrgemeinden haben, in denen noch viele Menschen in die Kirche gehen, wo es zahlreiche Trauungen und auch Taufen gibt, aber die Realität ist eine andere“, sagt Markus Kremser, der Sprecher des Bischofs.

Vor allem in den kleineren Gemeinden und den ländlichen Regionen wird die Kirche von Augsburg ihren Gläubigen künftig einiges zumuten. Denn Bischof Zdarsa will dem Vernehmen nach an den Sonntagen in jenen Kirchengemeinden, die über keinen eigenen Pfarrer mehr verfügen, keinen Wortgottesdienst als Ersatz für die katholische Eucharistiefeier mehr dulden. Das hätte zur Konsequenz, dass in Pfarreiengemeinschaften, in denen mehrere Kirchen existieren, nur noch eine als sogenannte Hauptkirche geführt wird. Und nur dort würde dann am Sonntag der für alle Gläubigen der Gemeinschaft gültige Gottesdienst stattfinden. Für die Kirchenbesucher, die bislang noch den sonntäglichen Spaziergang zu ihrer eigenen Kirche geschätzt haben, hieße dies Umsteigen ins Auto oder den Bus und fahren. Für Bischof Zdarsa, der aus der katholischen Diaspora im sächsischen Görlitz kommt, wo die Pfarrgemeinden weit auseinander liegen, offenbar kein unzumutbares Verlangen. In einem Interview mit der Kirchenzeitung des Bistums hatte der Hirte im vergangenen Oktober das so erklärt: „Wir müssen uns auf das Spezifische unseres katholischen Christseins besinnen: das heißt, dass wir überall dort zu Hause sind, wo wir uns versammeln um den Tisch des Herrn.“ Hinter verschlossenen Türen und in einem kleineren Kreis von Kirchenmitarbeitern soll er es aber auch schon anders ausgedrückt haben: „Die Leute fahren heute ja auch für drei Schrauben zum Baumarkt, dann können sie auch am Sonntag zur Kirche fahren.“

Das bischöfliche Nein zu Wort-Gottes-Feiern an Sonntagen, das Zdarsa in einem Hirtenbrief an Ostern 2011 erstmals erwähnte, hatte bereits damals unter den engagierten Katholiken für heftigen Protest und für Unverständnis gesorgt. Der Widerstand dürfte jetzt kaum geringer werden, da nicht nur Laien, sondern auch Priester befürchten, dass damit die Gemeinschaft am Ort geschwächt wird. Vor allem ältere Leute wären davon betroffen „und gerade die sind es ja, die vielerorts überhaupt noch das kirchliche Leben unter der Woche aufrecht erhalten“, sagt ein erfahrener Pfarrer. Diözesanratsvorsitzender Mangold gibt deshalb Bischof Zdarsa die Empfehlung mit auf den Weg, er möge doch öfter mal anonym in eine Dorfkirche gehen und dort mitbeten, „damit er die Realität erlebt“.

Aber auch für die Laien, die sich bislang als Pfarrgemeinderäte mit großem Engagement in den kirchlichen Dienst gestellt haben, werden aus der Reform der Pfarrgemeinden Konsequenzen erwachsen. Wenn es stimmt, was aus den Gemäuern des Ordinariats nach außen drang, dann will Bischof Zdarsa in den zusammengelegten Pfarreien und auch in den Pfarreiengemeinschaften künftig einen Pastoralrat an die Stelle der Pfarrgemeinderäte setzen. Dies bedeutet im Unterschied zu heute, dass diesem Beratungsgremium nicht mehr ein Laienvertreter, sondern der Pfarrer vorsteht. Arbeitsökonomisch kann das aus Sicht der Kirchenleitung sogar sinnvoll sein, denn der Pfarrer müsste sich dann mit weniger Gremien beschäftigen und er könnte selbst festlegen, wann und wie oft er zu Sitzungen einlädt. „Man kann es auch anders ausdrücken: auf diese Weise kann von oben nach unten viel leichter durchregiert werden“, sagt ein Priester, der sich eine solche Entwicklung allerdings nicht wünscht.

Schon im Bistum Görlitz hat Bischof Zdarsa mit Pastoralräten gearbeitet, doch für Helmut Mangold, den Sprecher der Laien, ist das kein erstrebenswertes Ziel. „Dann haben wir noch weniger Mitwirkung und das gemeindliche Leben schläft ein.“ Mangold rechnet nach Bekanntgabe der Planungen zur Gemeindereform jedenfalls mit lebhaften Diskussionen. Doch es ist fraglich, ob sie den Bischof beeindrucken werden. In seinem Hirtenwort 2011 machte er kein Hehl daraus, dass „die Rede nach Art des guten Hirten auch das richtungsweisende, notfalls gebietende Wort kennt“.

Ein Wortgottesdienst darf am Sonntag kein Ersatz mehr für die Feier der Eucharistie sein.

„Mit einem Pastoralrat kann viel leichter durchregiert werden.“





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