Startseite - Impressum - Sitemap - Kontakt

International

International
Startseite > Presse & Echo > Presse-Echo
24.7.2009 - Publik-Forum
Die Pastoren-Kirche


Warum die Evangelische Kirche in Deutschland eine Kirchenvolksbewegung nötig hätte

Von Stefan Bölts

Es ist mal wieder Kirchentag, und Tausende von Besuchern belagern die Hansestadt an der Weser. Mannigfaltig ist erneut die schier überwältigende Menge an Infoständen im »Markt der Möglichkeiten«. Inmitten dieser turbulenten Welt fallen einem große gelbe Sonnenschirme ins Auge. Hier hat Wir sind Kirche, die römisch-katholische Kirchenvolksbewegung, ihren »Jakobsbrunnen« aufgebaut, um mit Gästen über die Ökumene und andere aktuelle Themen ins Gespräch zu kommen.

Rund um den schön dekorierten Brunnen versammeln sich interessierte Kirchentagsbesucher, denn ein interessantes Thema nach dem anderen lockt die durch die vielen Gänge strömenden Menschen an. Nun bin ich selbst an der Reihe und werde zum Thema »Reformprozesse und Vernetzung von Reformideen« interviewt. Daraus entwickelt sich eine offene und angeregte Diskussion mit den Zuhörern. Wer glaubt, die evangelischen Landeskirchen seien mit ihren synodal-presbyterial strukturierten Beteiligungsmöglichkeiten besser aufgestellt, wird im Gespräch prompt eines Besseren belehrt.

Kurz und bündig wird ein Beispiel aus der ökumenischen Basisbewegung geschildert. Wortgottesdienste ohne Eucharistie können von den Laien in der römischen Schwesterkirche allein verantwortet werden. Doch wenn es darum geht, einen ökumenischen Gottesdienst mit ehrenamtlichen Aktiven aus evangelischen Gemeinden zu feiern, tauchen immer wieder dieselben Beobachtungen auf: »Wie? Wir können doch keinen Gottesdienst ohne den Pfarrer feiern!«


Eines der Themen, das den Beteiligten auf den Nägeln brannte, war die Beteiligungskultur in den Gottesdiensten. »In vielen evangelischen Landeskirchen sind die Pfarrerinnen und Pfarrer meist nur noch Alleinunterhalter im sonntäglichen Trauerspiel«, attestiert ein Mitglied einer evangelischen Gemeinde. Dass es bei anderen Gottesdienstformen anders ausschaut, kann nur für kurze Zeit das Bild einer »heilen Welt« in evangelischen Gemeinden malen. Denn schon in der nächsten Fragerunde wird thematisiert, dass die meisten katholischen Pfarrgemeinderäte und Laienbewegungen vor Ort in dem ihnen möglichen Rahmen viel aktiver sind als ein durchschnittlicher Kirchenvorstand der inzwischen sehr pfarrerzentrierten Landeskirchen.

Von Untersuchungen der Kirchenmitgliedschaft bis zum Papier »Kirche der Freiheit«, vom Selbstverständnis der Mitarbeitenden bis zur Sparpolitik in den Synoden - immer wieder wird deutlich, dass der deutsche Protestantismus längst zu einer Kirche der Pastoren und Pastorinnen geworden ist und das »Priestertum aller Getauften« auch fast 500 Jahre nach der Reformation Martin Luthers im Wesentlichen ein Lippenbekenntnis auf geduldigem Papier bleibt. Inzwischen haben die katholischen Laienbewegungen das ehrenamtliche Engagement im Protestantismus nicht nur eingeholt, sondern weit hinter sich gelassen.

Aber woran liegt es, dass die Dynamik eines konziliaren Prozesses oder das Streben nach einer fairen und nachhaltigen Welt bei den »Evangelen« dem stumpfen Gemeindealltagstrott gewichen sind und nur noch in jährlichen Rhythmen bei bundesweiten Treffen wie dem Kirchentag für die nächste Durststrecke beatmet werden? Ist es die Resignation vor immer wiederkehrenden Strukturdebatten? Oder liegt es daran, dass die Vielfalt des deutschen Protestantismus postmodern in eine Kultur der uninteressierten Beliebigkeit umgekippt ist? Kann es sein, dass die Gremien zu viel und zu lange beratschlagen und niemand schnelle Entscheidungen verantworten will? Oder haben wir es uns in der evangelischen Kirche einfach zu bequem gemacht? Soll doch die Pfarrerin ihr Ding machen, schließlich wird sie dafür bezahlt ...

Die Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in der Kirchenvorstandsarbeit sind so immens interessant, dass bei jüngst zurückliegenden Kirchenvorstandswahlen nicht wenige Kirchengemeinden noch nicht einmal ihre Kandidatenlisten haben füllen können. Auch bei den Reformdebatten wird auf Kirchentagen und an anderen Orten stets die »Beteiligung der Basis« und eine »dichte Rückmeldekultur« eingefordert, doch die Entscheidungen werden immer wieder gern und ebenso leichtfertig an Hauptamtliche abgetreten. Über die Gemeindefusion streiten sich so nur noch die betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer, und vom EKD-Reformprozess haben sich zwischenzeitlich die meisten demokratisch legitimierten Gremien mental verabschiedet.

Würden wir im evangelischen Bereich eine etablierte Basisbewegung haben, so würde sie mit Sicherheit kritisieren, dass man inzwischen versucht, unter der Mogelpackung »Kirche im Aufbruch« die todgeredete »Kirche der Freiheit« wiederzubeleben, die spätestens seit dem ersten Kongress in Wittenberg jeden realistischen Basisbezug verspielt hat. Man würde auf dem Kirchentag nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand darüber sprechen, dass die Vorstellung von Best-Practice-Beispielen aus Gemeinden auf der EKD-Zukunftswerkstatt in Kassel im September zu einer Farce und einem einmaligen Strohfeuer zu werden droht: Wo »Gemeinde« drauf steht, ist bei so manchem Beispiel keine echte Basisinitiative drin. Und eine nachhaltige Vernetzung mit bereits vorhandenen Basisinitiativen oder bundesweiten Netzwerken lehnen »die Macher« aus dem Kirchenamt der EKD strikt ab. Man setzt lieber auf die durch viele Ausschüsse gefilterten »politisch korrekten« Beispiele auf kopierten Internetseiten, statt der Dynamik einer Basisbewegung freien Lauf einzuräumen ... Erfolgreiche Reformbewegungen wachsen von »unten« - Reformen können eben nicht von »oben« verordnet werden, dies wird langsam auch in so manchem Landeskirchenamt verstanden, und deshalb bleibt mir persönlich die Hoffnung, dass diese Einsicht und Weitsicht auch einmal das Kirchenamt der EKD erreicht.

»Warum gibt es in der evangelischen Kirche eigentlich keine Kirchenvolksbewegung?«, fragt mich ein interessierter evangelischer Besucher in der letzten Fragerunde am Jäkobsbrunnen. Das ist wahrlich eine gute Frage! Zum einen lassen wir uns vielleicht zu leicht damit zufriedenstellen, dass wir dank der synodal-presbyterialen Ordnungen und Kirchenverfassungen strukturell ein Quantum Trost in dem »Mehr« an Beteiligungsmöglichkeiten haben, was Entscheidungsfindungen gelegentlich allerdings auch entsprechend aufwendig, langwierig und schwierig gestaltet.

Zum anderen ist aber vermutlich auch die Not in den Landeskirchen noch nicht groß genug, um die Mitglieder entsprechend zu mobilisieren. Dieses Phänomen kennen wir von vielen vakanten Kirchengemeinden: Sobald ein neuer Pfarrstelleninhaber die Vakanz beendet, bricht das ehrenamtliche Engagement wieder zusammen. Denn entweder verlassen sich alle Aktivposten wieder auf die bezahlte Fachkraft als den »Alleinunterhalter«, oder aber der Pfarrer selbst verhindert schleunigst jede Eigeninitiative unter den einfachen Kirchenmitgliedern. Solange sich Forderungen nach mehr Beteiligung und Demokratie in der Kirche nicht vernetzen, wird es auch keine evangelische Kirchenvolksbewegung geben. Schließlich hat uns die Reformation Martin Luthers anstelle des einen Papstes in Rom das Papsttum der vielen Talarträger gebracht, und offenbar scheint die Mehrheit im deutschen Protestantismus mit diesem Modell von Kirche glücklich und zufrieden zu sein.

Aus: KircheBewegen 2/2009 (gekürzt und redaktionell bearbeitet)

Stefan Bölts
geboren 1979, ist Referent für Kirchenreformen am Institut für Wirtschafts- und Sozialethik in Marburg.





Ich unterstütze . . .
Ich mache mit . . .

> aktueller Info-Brief
> aktuelle Newsletter
> Newsletter abonnieren
> Presse-Newsletter
bei

Frauenwürde e.V.
Schwangerschafts-
konfliktberatung


Beratung und Hilfe bei sexualisierter Gewalt in der Kirche


Aktuelle Aufbrüche
im In- und Ausland

AKTUELLES THEMA
Bischofsbestellungen
in Deutschland


Katholikentag Regensb.
28. Mai-1. Juni 2014


Bundesversammlung 21.-23. März 2014

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Ev. Kirchentag Hamburg
1.-5. Mai 2013

Aktion "Lila Stola"

Familien-Synode 2014










© 2006 Wir sind Kirche