20. Januar 2003 (Hannoversche Allgemeine Zeitung)
Getrennt am Tisch des Herrn - das schmerzt
Die Lust vieler Christen, Ende Mai zum ökumenischen Kirchentag nach Berlin zu fahren, hat einen herben Dämpfer bekommen. Ein gemeinsames Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken wird es nicht geben. Die Spitze der katholischen Kirche hat es abgelehnt.
Viele Christen sind enttäuscht, manche verzweifelt. 1996 beschlossen evangelische und katholische Laien, zum ersten Mal einen gemeinsamen ökumenischen Kirchentag zu feiern. Ende Mai soll es in Berlin so weit sein. 100 000 Teilnehmer werden erwartet. Aber eine offizielle gemeinsame Abendmahlsfeier wird es entgegen ursprünglichen Planungen nicht geben. Rom sagt Nein. Und die evangelischen Kirchenleitungen respektieren - wenn auch zähneknirschend - diese Zurückweisung.
Etliche katholische und evangelische Christen wollen sich damit nicht abfinden. Die evangelische Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord, mit 12 000 Mitgliedern die größte Gemeinde in Berlins Zentrum, will in einem evangelischen Gottesdienst und in einer katholischen Messfeier „wechselseitige Einladungen" aussprechen. Zusammen mit den katholischen Reformorganisationen „Kirche von unten" und „Wir sind Kirche" soll so die versperrte Tür zu einer interkonfessionellen Eucharistie aufgebrochen werden.
Dies ruft die katholischen Bischöfe auf den Plan. In einer Erklärung warnten sie jetzt vor „leichtfertigen Kompromissen". Solange Katholiken und Protestanten sich nicht auf Grundüberzeugungen verständigt hätten, dürfe es kein gemeinsames Abendmahl geben. Für die katholische Kirche erlangt das Sakrament der Eucharistie seine volle „Gültigkeit" durch den Priester. Dessen Amt ist an eine Kirchenorganisation gebunden, die sich lückenlos auf Jesus Christus zurückführen lässt. Aus evangelischer Sicht ist Christus selbst beim Abendmahl der Einladende. Seine Gültigkeit erhält das Sakrament durch ihn.
Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky verurteilte gemeinsame Abendmahlsfeiern als „schweren Schaden für die Ökumene". Katholische Priester, die sich nicht an das Verbot der Bischöfe halten, riskieren ihre Suspendierung. Diese schmerzliche Erfahrung musste ein Geistlicher auf dem Katholikentag 2000 in Hamburg machen. Sollten sich Priester auch in Berlin nicht an das Kirchenrecht halten, will der Kardinal im Einvernehmen mit dem Vatikan „Maßnahmen" ergreifen.
Aber auch die evangelische Kirchenleitung in Berlin droht gegenüber den Rebellen in Prenzlau mit Sanktionen. Zwar sehen protestantische Kirchenführer kein theologisches Hindernis für ein gemeinsames Mahl. Aber nach Aussage von EKD-Ratspräsident Manfred Kock ist „Nähe nicht zu erzwingen". Der berlin-brandenburgische Bischof Wolfgang Huber führte bereits Gespräche mit dem Gethsemane-Kirchenvorstand in Prenzlau - ohne Erfolg.
Dagegen fügt sich Hans Joachim Meyer, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), der Abgrenzungslinie seiner Bischöfe. Beim Jahresempfang der katholischen Laien am Wochenende in Hildesheim betonte er zwar, dass Katholiken und Protestanten in Deutschland „mehr eint als trennt". Aber eine „realistische Ökumene" brauche einen „langen Atem". Wenn der ökumenische Kirchentag in Berlin als „Misserfolg" dargestellt werde, so sei das eine Sicht „der Medien". Und danach, so Meyer, „wollen wir nicht schielen". Die Diskussion über das Abendmahl birgt ein Risiko: Die vielerorts längst inoffiziell praktizierte wechselseitige eucharistische Gastfreundschaft könnte durch schärfere Überwachungen zurückgedrängt werden. Dann hätten Ökumeniker das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten.
Jens Gundlach
29.Januar 2003
Weisner: Gemeinsames Abendmahl ohne gemeinsame Zelebration
Berlin (KNA) Die Kirchenvolksbewegung «Wir sind Kirche» will trotz Warnungen der Kirchenleitungen an konfessionsübergreifenden Abendmahlfeiern beim Ökumenischen Kirchentag festhalten. Mit der «eucharistischen Gastfreundschaft» werde lediglich praktiziert, was vielerorts bereits üblich sei, sagte «Wir sind Kirche»-Sprecher Christian Weisner am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Eine «Interzelebration», bei der Geistliche verschiedener Konfessionen auch die zentralen Gebete der Eucharistie gemeinsam sprechen, sei bewusst nicht geplant. Vor drei Jahren beim Katholikentag in Hamburg hatte eine solche Feier zur vorläufigen Suspendierung eines katholischen Priesters geführt. - Der Kirchentag findet vom 28. Mai bis 1. Juni in Berlin statt.
Weisner erklärte, in der säkularen Gesellschaft und bei großen Teilen des Kirchenvolkes sei es nicht mehr vermittelbar, dass das gemeinsame Abendmahl als Zeichen der Versöhnung den Christen nicht gelinge. Außerhalb des offiziellen Kirchentags-Programms sind nach seinen Angaben ein katholischer und evangelischer Gottesdienst mit «offener Kommunion» beziehungsweise einem «Abendmahl für alle«vorgesehen. Zudem sei ein Agape-Gottesdienst mit gemeinsamem Essen und Trinken geplant.