Christian Weisner: Ökumene wächst von unten

 

in: Ihr sollt ein Segen sein. Denk-Anstöße von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kirchen und Politik. Im Auftrag des Ökumenischen Kirchentages herausgegeben von Rüdiger Runge, Thomas Großmann, Volkmar Deile und Theodor Bolzenius

 

© 2003 Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh, ISBN 3-579-02389-6, www.gtvh.de

Verlag Herder GmbH & Co. KG, Freiburg im Breisgau, ISBN 3-451-28031-0, www.herder.de

 

Der Artikel ist dem Themenbereich Einheit suchen – in Vielfalt einander begegnen zugeordnet.

  

 

Aufgewachsen bin ich als Katholik in dem überwiegend evangelischen Schleswig-Holstein, in der Diaspora. Dieser griechische Begriff für Zerstreuung war in den fünfziger Jahren noch weit verbreitet. Und so lebten wir auch: als kleine Minderheit, der das Trennende zwischen den Konfessionen wichtiger war als das Gemeinsame. Nicht nur auf der Lohnsteuerkarte war das Bewusstsein, »rk« oder »ev« zu sein, viel stärker als Christ oder Christin zu sein. Gewiss, gegenüber dem, was in früheren Jahrhunderten und bis in die heutige Zeit an vielen Orten der Welt im Namen der Religion an kriegerischen Auseinandersetzungen geschah und geschieht, war dieser Zustand des – wenn auch eher lieblosen - Nebeneinanders schon ein Fortschritt.

 

Welch einen Epochenwechsel bedeutete da das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, das der von vielen auch außerhalb der katholischen Kirche geachtete Papst Johannes XXIII. einberufen hatte. Ursprünglich war es sogar als Ökumenisches Konzil im Vollsinne, unter Beteiligung nicht-römischer Kirchen gedacht.

 

Die damalige kirchliche Aufbruchstimmung ist für die, die sie nicht miterlebt haben, heute nicht mehr vorstellbar. Doch für viele reformorientierte Christen und Christinnen ist dieses Konzil bis heute Quelle der Hoffnung gegen alle restaurativen Tendenzen.

 

Dieses Konzil hat den Absolutheitsanspruch der römischen Kirche aufgehoben, das Verhältnis zum Judentum und zu den anderen Weltreligionen neu definiert. Der nachfolgenden Liturgiereform haben wir zu verdanken, dass auch katholische Gottesdienste in der Muttersprache gefeiert werden.

 

Die ökumenische Naherwartung auf Überwindung enger Konfessionsgrenzen war dann groß. Auf dem 1. Ökumenischen Pfingsttreffen 1971 in Augsburg haben mehrere Tausend Christinnen und Christen ihre Vorstellungen für eine neue, ökumenisch orientierte Kirche formuliert. In 148 Resolutionen wurden konkrete Schritte für das Zusammenwachsen der christlichen Kirchen in Deutschland gefordert wie gemeinsame Einrichtungen in Gemeinden und die gemeinsame Feier von Gottesdiensten.

 

Eucharistische Gastfreundschaft

 

Zu den wichtigsten Anliegen zählte 1971 die gegenseitige eucharistische Gastfreundschaft in der jeweils anderen Konfession: »In jeder christlichen Kirche soll es jedem Christen, der der Einladung des Herrn folgen will, möglich sein, an der Kommunion teilzunehmen. Falls er einem anderen Bekenntnis angehört, nimmt er als Gast daran teil. Die christlichen Kirchen verzichten auf ein Verbot, das ihre Glieder von der Teilnahme an der Kommunion einer anderen Kirche abhält. Diese Kommunion erlaubt eine brüderliche (heute würde es heißen: geschwisterliche) Gemeinschaft, ohne dass die Kirchen und der einzelne gezwungen sind, von ihrem Verständnis des Sakraments etwas preiszugeben.« (Resolution 20).

 

In Augsburg wurden der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aufgefordert, ”ein weiteres Treffen von Christen der verschiedenen Kirchen in etwa zwei Jahren wieder zu organisieren” – einen gemeinsamen Kirchentag. Doch mehr als dreißig Jahre sind vergangen, ehe dies Ende Mai 2003 mit dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin realisiert wird. Nur die Initiative Kirche von unten (IKvu) hatte bereits 1994 in Dresden einen »Ökumenischen Kirchentag von unten« veranstaltet. Und erst in den jüngsten Jahren gab es ökumenische Treffen zumindest auf lokaler Ebene.

 

      

Das Kirchenvolk ist zu der Überzeugung gelangt, dass jetzt die Zeit reif ist, die noch bestehenden konfessionstrennenden Hindernisse zu überwinden.

 

Wie ist es derzeit um die Ökumene bestellt? Die Theologinnen und Theologen sagen uns, dass die Streitpunkte des 16. Jahrhunderts, die damals zur Kirchenspaltung der Reformation geführt haben, längst behoben sind oder die Kirchen nicht mehr trennen müssen. Auch an der Basis hat sich in den jüngsten Jahrzehnten viel getan, eine ökumenische Praxis ist gewachsen. Das Kirchenvolk ist zu der Überzeugung gelangt, dass jetzt die Zeit reif ist, die noch bestehenden konfessionstrennenden Hindernisse zu überwinden.

 

Mein Leitbild der Ökumene ist dabei nicht Nivellierung oder Vereinnahmung, sondern das der versöhnten Verschiedenheit, der Einheit in Vielfalt. Aus der katholischen Tradition bin ich dankbar für die Geschenke der Ökumene, wie beispielsweise den muttersprachlichen Zugang zur Bibel, für die der Welt zugewandte Theologie eines Dietrich Bonhoeffer und einer Dorothee Sölle. Und ich weiß, dass auch evangelische Christen und Christinnen den Reichtum katholischer Glaubensformen neu entdecken.

 

Ein Stolperstein bleibt die Rolle des Papsttums, das Papst Paul VI. 1967 selber als »zweifelsohne das größte Hindernis auf dem Weg der Ökumene« bezeichnete. Und der 1995 von Papst Johannes Paul II. in seiner Ökumene-Enzyklika Ut unum sint allen Konfessionen angebotene Dialog mit dem Ziel einer ökumenischen Verständigung über das Amt der Einheit ist mühsam, solange die römische Kirche selber noch keine überzeugenden Modelle für die Kollegialität der eigenen Bischöfe findet.

 

Die Schwierigkeiten 1999 bei der Augsburger Erklärung zur Rechtfertigungslehre und die 2000 veröffentlichte Vatikan-Erklärung Dominus Iesus, die in ihren problematischen Teilen versucht, den Kirchen der Reformation das Kirche-Sein abzusprechen, sind den Menschen an der Kirchenbasis und auch der Öffentlichkeit nicht mehr zu vermitteln. Stattdessen erwecken die Kirchenoberen den Eindruck, als ob sie mehr an der Sicherung der eigenen Strukturen als an der Verkündigung der christlichen Botschaft interessiert seien.

 

Die im Spätsommer 2002 im Ökumenischen Weltkirchenrat von den Orthodoxen Kirchen durchgesetzte Entscheidung, keine ökumenischen Gottesdienste mehr zu halten sondern nur noch Andachten und Gebete, stoßen bei vielen Menschen zu Recht auf Unverständnis und tragen zur Kirchenverdrossenheit bei.

 

Vor diesem Hintergrund stellt die Einladung zum Ökumenischen Kirchentag in die jahrzehntelang geteilte Stadt Berlin für alle

Die Glaubwürdigkeit christlichen Handelns wird  auch an der Versöhnungsbereitschaft der Kirchen untereinander gemessen.

Kirchen eine besonderen Herausforderung dar, konkret und vorbildhaft zu zeigen, was Christsein am Beginn des dritten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung bedeuten kann.

 

Fast 500 Jahre nach der von Deutschland ausgegangenen Reformation haben die Kirchen in unserem Land eine große Chance und Verantwortung zugleich. Denn zu Recht wird die Glaubwürdigkeit christlichen Handelns auch an der Versöhnungsbereitschaft der Kirchen untereinander gemessen. Innerhalb wie außerhalb der Kirchen – und nicht nur in Deutschland – erwarten die Menschen von diesem Ereignis neue sichtbare Impulse für die Ökumene.

 

Dies gilt auch für die im Vorfeld so intensiv diskutierte Frage der Abendmahlgemeinschaft,

die nicht zum Balken im Auge der Christen werden darf. Bei der Ankündigung des Ökumenischen Kirchentags Anfang 1999 hatten die Präsidien des DEKT und des ZdK den Wunsch und die Hoffnung geäußert, dass bei gemeinsamen Veranstaltungen in Zukunft auch die Abendmahlgemeinschaft möglich sein wird.

 

Auch die große Mehrheit des Kirchenvolkes ist dazu bereit. Zumindest wird aber die Gewährung der eucharistischen Gastfreundschaft erwartet, die in vielen Gemeinden vor Ort längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

 

Hoffnungen nicht aufgeben

 

Für mich wäre es ein sehr bedauerliches Zeichen, wenn das Erinnungsmahl Jesu, das Quelle und Zeichen christlicher Glaubensgemeinschaft ist, von den Kirchenleitungen – in diesem Fall vor allem von der römisch-katholischen – gegen den Glaubenssinn des Kirchenvolkes zur konfessionellen Abgrenzung verwendet würde. Es ist unglaubwürdig, immer wieder für die Einheit der christlichen Kirchen zu beten, jedoch die konkreten Schritte dorthin zu unterlassen.

 

Deshalb werden Reformgruppen wie die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche und die Initiave Kirche von unten bei ihren Gottesdiensten in Berlin eucharistische Gastfreundschaft praktizieren. (Diese Gottesdienste finden außerhalb des Ökumenischen Kirchentages statt. Im Respekt vor den Lehrauffassungen und den geltenden Regeln der jeweils anderen Kirche werden auf dem Ökumenischen Kirchentag keine gemeinsame Eucharistiefeiern und Abendmahlsgottesdienste angeboten; auch die Gewährung eucharistische Gastfreundschaft ist nach katholischem Verständnis gegenwärtig nicht möglich; d. Hrsg.) Und sie werden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Ökumenischen Kirchentages dazu ermutigen, wo immer sie an den Tisch des Herrn geladen sind, nicht auf offizielle Erlaubnis zu warten, sondern allein ihrem Gewissen zu folgen.

 

Wenn der Kirchentag 2003 in Berlin nicht nur ein gemeinsames sondern ein ökumenisches Ereignis werden soll, wird er sich an den Augsburger Forderungen für eine ökumenische Praxis messen lassen müssen. Es wäre fatal, diese Hoffnungen aufzugeben – nicht nur für die ökumenische Bewegung, sondern für die Kirchen insgesamt. Die Tatsache, dass der Wunsch nach dem gemeinsamen Mahl bereits seit 30 Jahren besteht, führt das Argument ad absurdum, dass dies ein übereiltes Vorgehen wäre.

 

Bei der Eröffnung des ökumenischen Kirchentages am Vorabend des Himmelfahrtfestes sollten wir deshalb – anders als damals die Jüngerinnen und Jünger Jesu – nicht nur nach oben schauen. Denn: Ökumene lebt von unten.

 

 

Christian Weisner

Jahrgang 1951, war einer der Initiatoren der KirchenVolksBewegung »Wir sind Kirche«. Der Stadt- und Verkehrsplaner lebt in Hannover

 

eMail: weisner@wir-sind-kirche.de