Pressemitteilung

Hannover, 19. Juli 2004

Druckfreundliche Fassung Wir sind Kirche: Der Skandal in St. Pölten ruiniert das Ansehen der gesamten Kirche
Revision der Bischofsernennungsverfahren und der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt gefordert

 

Das abwiegelnde Verhalten von Bischof Kurt Krenn und das Zögern Roms angesichts des seit Ende vergangenen Jahrs bekannten Skandals im Priesterseminar St. Pölten haben dem Ansehen der gesamten römisch-katholischen Kirche, besonders aber dem Bischofs- und dem Priesteramt einen unermesslichen Schaden zugefügt. Solange es der Kirchenleitung nicht gelingt, in ihrem eigenen Verantwortungsbereich saubere Verhältnisse zu schaffen, hat sie jedes Recht auf moralische Bewertungen verloren.

Die KirchenVolksBewegung sieht in der beständigen Verdrängung und Verhinderung dringend notwendiger struktureller Reformen in der römisch-katholischen Kirche eine wesentliche Ursache für die kirchenschädigenden Ereignisse im Priesterseminar der Diözese St. Pölten. Die Untersuchung aller Vorfälle sowie die Außerdienststellung Krenns allein jedoch genügt nicht. Vielmehr sind eine grundsätzliche und damit in der gesamten Weltkirche gültige Revision der Bischofsernennungsverfahren und der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt erforderlich, um auf lange Sicht wieder das Vertrauen des Kirchenvolkes und der Öffentlichkeit gewinnen zu können

Die öffentlich gewordenen Vorgänge in St. Pölten machen in erschreckender Weise deutlich, dass mit dem quantitativen Priestermangel auch ein qualitativer Priestermangel einher geht. Angesichts dieser pastoralen Notsituation gewinnen die von zahlreichen Synoden und von der KirchenVolksBewegung seit langem erhobenen Forderungen nach Aufhebung des Pflichtzölibats sowie einer Öffnung der Zulassungsmöglichkeiten zum Priesteramt für verheiratete Männer ("viri probati") und Frauen eine brennende Aktualität.

Es sind nicht die Medien, die das Bild der Kirche beschädigt haben: es ist die Kirchenleitung allein, die durch ihr beharrliches Verschweigen, Vertuschen, Verleugnen und Verschleppen der Vorgänge für das schlechte Bild der Kirche verantwortlich ist. Wenn angesichts dieser Glaubwürdigkeitskrise die Zahl der Kirchenaustritte jetzt wieder rapide zunimmt, so ist dies eine bedauerliche, aber nur allzu verständliche Reaktion.

Intransparente Verfahren bei Bischofsernennungen
Die nach wie vor intransparenten Ernennungsverfahren für Bischöfe, bei denen der Klerus der Ortskirchen wie das Kirchenvolk so gut wie keine Mitwirkungsmöglichkeiten haben, führen immer wieder zu Fehlbesetzungen von Bischofsstühlen. Umso größer ist die Verantwortung des Papstes, dem einzigen, dem Krenn kirchenrechtlich verpflichtet ist. Das Jurisdiktionsprimat des Papstes bietet in solchen Fällen sogar über das Kirchenrecht Möglichkeiten, einen Bischofsstuhl für vakant zu erklären.

Es steht in einem völligen Missverhältnis, wenn ein Priester wie Gotthold Hasenhüttl umgehend von seinem Amt suspendiert wird, weil er evangelische Christen zur Kommunion eingeladen hat, beispielsweise aber der Bostoner Kardinal Bernard Francis Law, der Jahrezehnte lang den sexuellen Missbrauch durch Priester seiner Diözese gedeckt hat, sogar nach Rom befördert wird.

Die KirchenVolksBewegung warnt vor jedem Pauschalverdacht gegen Priester und Priesteramtskandidaten. Besondere Vorsicht erscheint jedoch bei den Priesterseminaren geboten, die - wie in St. Pölten - viele Priesteramtskandidaten aus anderen Diözesen aufnehmen, die dort möglicherweise als nicht geeignet abgewiesen worden sind.

Aus Causa Groer nichts gelernt
Die deutsche KirchenVolksBewegung unterstützt die Forderungen der österreichischen Plattform "Wir sind Kirche" nach sofortiger Außerdienststellung Bischof Krenns, nach einer unabhängigen Untersuchung der Vorfälle und der pastoralen Situation in der Diözese St. Pölten sowie nach Umsetzung der Reformen des Kirchenvolks-Begehrens. Hätte sich der Vatikan nach den Vorwürfen gegenüber dem Wiener Kardinal Groër vor neun Jahren grundlegend mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche befasst und entschieden gehandelt, hätte die große Krise, vor der die römisch-katholische Kirche heute in vielen Ländern steht, vermieden werden können. Die Untätigkeit der Kirchenhierarchie angesichts dieses Missbrauch-Skandals waren einer der Auslöser für das KirchenVolksBegehren 1995 in Österreich, aus dem die mittlerweile weltweite KirchenVolksBewegung entstanden ist.

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