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Alternativen
zum hierarchischen Prinzip unserer Kirche
Prof.
DDr. Gotthold Hasenhüttl, Prof. für Systematische Theologie
an der Universität des Saarlandes Inhalt1.
Die heutige Situation
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Heinrich
Böll wurde einmal gefragt, - es war vor 30 Jahren - wie er die Zukunft
er Kirche sähe? Er antwortete: "Düster für die Kirche, wenn sie
sich nicht mit jener ... Kraft verbindet ... die auf Gewalt verzichten
könnte, wenn die Kirche ihre Macht nicht zur Verfügung stellen würde
... aus der Einsicht und Erkenntnis, daß sich in dieser ... Kraft die
Gegenwart Christi verbirgt ... Die Kirche müßte den Gehorsam durch Vertrauen
ersetzen".[1] Mit diesen beiden Stichworten: Gehorsam - Vertrauen werden bereits die Alternativen bezeichnet, welches Prinzip für Kirche entscheidend, ja konstitutiv ist.
Ist die Kirche aber überhaupt vor eine solche Alternative gestellt?
Ist Kirche "semper reformanda" - immer zu reformieren oder
gar zu transformieren? Mitnichten, antwortete Papst Gregor XVI. (1832,
Enzyklika "Mirari vos" Nr. 6, D 2730 ff): "Es ist völlig
absurd und im höchsten Maß eine Verleumdung zu sagen, die Kirche bedürfe
einer ... Erneuerung ... als ob man glauben könnte, die Kirche wäre
Fehlern, Unwissenheit oder irgendeiner anderen menschlichen Unvollkommenheit
ausgesetzt". Für ihn ist die Kirche als hierarchische Institution
unschuldig, makellos und rein, sie ist göttlichen Ursprungs.
Genau an diesem Selbstverständnis der Kirche setzt heute die Kritik
an, und die Psychoanalyse wie auch die Soziologie zeigen die Anmaßung
und Unhaltbarkeit eines solchen hybriden Anspruchs auf. Dieses "höchste
Maß" an "Verleumdung" spricht selbst der Vorsitzende
der Deutschen Bischofskonferenz aus, der meint, daß eine Kirche, die
sich nicht verändert, tot sei, obwohl er sich gegen Form und Inhalt
des KirchenVolksBegehrens stellte, das genau eine solche Veränderung
einforderte. Kühn behauptet der Weihbischof von Wien, Helmut Krätzl:
"Niemand bezweifelt, daß sich die Kirche verändern muß".[2]
Und mit einem Seitenblick auf das KirchenVolksBegehren schreibt er:
"Jedenfalls ist es durchaus legitim, auch innerhalb der Kirche
zu demonstrieren, wenn ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht".
Auch Jesu Verkündigung war eine Demonstration. "Auch heute ist
Verkündigung ohne 'Demonstration' nicht denkbar. Wer sich gegen einen
Strukturwandel in der Kirche stellt, der könnte wohl am Ende seines
Lebens den Vorwurf hören: 'Mein Antlitz war in der Kirche entstellt,
und du hast nichts getan, um es wieder ansehnlicher zu machen'!"
Nicht die bedürfen einer "Maßregelung" in der Kirche,
die ihre Mißstände anprangern, sondern die, die nichts dagegen tun. Die Kirche müßte lernen, in vielen verschiedenen
Sprachen zu sprechen und ihre monolythische Struktur verändern. Nicht
nur "böse Menschen" gefährden das Zusammenleben und die Entfaltung
der Menschen, sondern die Strukturen selbst zwängen Menschen in die
Entfremdung, das System an sich kann für Menschen äußerst gefährlich
sein. Das erkennt freilich Papst Johannes Paul II. nicht, er setzt vielmehr
all die ins Unrecht, die Alternativen zur bestehenden Kirchenstruktur
entwerfen. Ganz im Sinne Gregor XVI. meint er, daß das Erbe der Kirche
nicht verflossene Vergangenheit sei, sondern eine kraftvolle Quelle
auf dem Weg des Glaubens.[3]
Und immer wieder betont er, daß wir keine Reformatoren der Kirche brauchen,
keine Strukturveränderer, sondern Heilige! Als ob man gegen die "Heiligkeit"
wäre, wenn man erkennt, daß die strukturell bedingte Sünde in der Kirche,
die Menschen daran hindert, das Heil zu finden und selbst geheilt zu
werden. Wer für die Veränderung in der Kirche ist, ist nicht gegen die
"Heiligkeit", wohl aber gegen die "Scheinheiligkeit".
Schon gleich nach dem 2. Vat. Konzil, als sich reaktionäre Kräfte in
unserer Kirche zu formieren begannen, fragte der holländische Theologe,
Priester und Prior eines Augustinerklosters, Robert Adolfs, 1966: "Wird
die Kirche zum Grab Gottes?" Und er meint, wenn die Kirche ihre
"häretische Struktur" in der modernen Welt nicht aufgäbe,
sich nicht radikal erneuere, wird sie zum "leeren Grab", in
dem sie Jesus sucht, der auferstanden ist. Die Kirche spielt die Rolle
der römischen Patrouille vor dem Grab Jesu. Er selbst ist längst von
Jerusalem nach Galiläa gezogen, die Kirche ist ihm nicht gefolgt.
Und in Anlehnung an Dostojewski's Großinquisitor, der Jesus einkerkert,
damit die Kirche in ihrer Machtentfaltung freies Spiel hat, schreibt
H. D. Hüsch[4]:
"Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft
nahegelegt, ... aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen,
was die Kirche immer schon gestört: Seine Leichtigkeit, und vor allem
Liebe ... alle Menschen gleich zu lieben ... alles zu verzeihen und
zu helfen, sogar denen, die ihn verspotteten. Großzügig bis zur Selbstaufgabe
... (denn) Gott ist doch die Liebe. Und die Kirche ist die Macht ...".
So ist es zwar erschreckend, aber nicht verwunderlich, wenn z.B. in
Deutschland seit 1990, Jahr für Jahr ca. 150.000 Katholiken die Kirche
verließen. Es ist töricht zu meinen, es gäbe dafür nur zwei Gründe:
"die Kirchensteuer und die Vollstreckung der lange zuvor vollzogenen
inneren Kündigung. Es gibt einen dritten. Und der sollte die Kirche
sehr viel gründlicher nachdenken lassen: die Entchristlichung des kirchlich-etablierten
Christentums".[5]
Es ist ja so, daß man kaum auf Ablehnung der jesuanischen Botschaft
stößt. Eine überwältigende Mehrheit in Europa steht positiv zu Jesus
Christus und auch viele Jugendliche können sich mit seiner Frohbotschaft
identifizieren, ganz anders aber wird das kirchliche Christentum empfunden.
Dabei muß man bedenken, daß das 2. Vat. Konzil viele Hoffnungszeichen
gesetzt hat und Kirche sogar für Nichtchristen attraktiv war. Man sah
in der Kirche eine Gemeinschaft, die die Fenster in die Welt hinaus
weit öffnete - aber schon 2 Jahre (1967) nach dem Konzil wurden alle
Fenster schleunigst geschlossen, und die Hierarchie begann ein Fenster
nach dem anderen zuzumauern. In den letzten 30 Jahren wurden alle Fragen
auf dogmatischem und ethischem Gebiet negativ beantwortet, eine Ausnahme
bilden nur manche Äußerungen der Sozialenzykliken. Alle Anfragen, Probleme
und Nöte, die die Ethik und Moral betrafen, wurden abgewiesen und mit
alten Leerformeln begründet. Angefangen von der Frage, ob Ehepaare die
Zahl ihrer Kinder selbst bestimmten dürfen ("Humanae Vitae"
1968; die Mehrheit der Bischöfe und der Kommission war eindeutig dafür;
"Dives in misericordia" 1980 stellt die Empfängnisverhütung
auf die Stufe der Fruchtabtreibung), ob die Ehelosigkeit einer Menschengruppe
in der Kirche als Gesetz zur Pflicht gemacht werden kann (Papst Paul
VI. hat schon auf dem Konzil die Diskussion darüber verboten; Enzyklika
"Sacerdotalis coelibatus", 1967, Johannes Paul II. schärfte
1984 und 1988 das Zölibatsgesetz ein), ob eine künstliche Befruchtung
zulässig ist (über die "Würde der Fortpflanzung", 1987), ob
gleichgeschlechtliche Liebe für manche Menschen einer natürlichen Neigung
entsprechen kann (gegen die Homosexualität,1986), bis zur Frage, ob
die Frau nicht nur gleichwertig, sondern auch dem Mann gleichberechtigt
ist und dies auch in der Kirche (Inter Insignores,1976, "Mulieris
dignitatem",1988, "Christifideles laici", Katechismus
der Katholischen Kirche Nr. 1577; "Über
die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe", 1994) - alle diese
Fragen wurden keiner Lösung zugeführt und der veränderten Situation
und dem Selbstverständnis des Menschen nicht Rechnung getragen.
Ebenso verhält es sich mit den Dogmen, den Glaubensfragen.[6]
Die Erklärung zur katholischen Lehre über die Kirche ("mysterium
ecclesiae", 1973) übergeht nicht nur das 2. Vat. Konzil, in dem
die kollegiale Struktur der Kirche gelehrt wird, son-dern fällt zurück
auf absolutistische Strukturen, wie sie nur totalitäre Staaten ken-nen
(die Unfehlbarkeit des Papstes ist der Kern der Aussagen über die Kirche).
Auch das Schreiben der Glaubenskongregation über die Kirche als communio
(1992) fordert für die Hierarchie die "unmittelbare Gewalt"
von Gott (III, 13). In ähn-lichem Geist ist das Schreiben der Glaubenskongregation
"Über einige Fragen bezüglich des Dieners der Eucharistie"
(1983), in dem eine andere Kirchenstruktur, als die bestehende, vehement
abgelehnt wird. So wurden auch die theologiekriti-schen Ansätze der
Befreiungstheologie allesamt abgewiesen (1984, 1986). Und seit 1989
muß jeder Priester und Religionslehrer grundsätzlich einen Eid, in Form
einer totalen Unterwerfungsformel, leisten. Darin wird "religiöser
Willens- und Ver-standesgehorsam" auch für die Lehräußerungen des
Papstes, die nicht definitiv verpflichtend sind, verlangt . Die Bischöfe
wurden schon 1972 in Pflicht genommen, so daß jeder neue Diözesanbischof
schwören muß, dem Papst "treu ergeben und gehorsam" zu sein,
ihm die "höchste Ehre" zu erweisen und darauf bedacht zu sein,
"die Rechte und die Autorität der römischen Pontifices auszudehnen
und zu ver-teidigen". Es ist nicht bekannt, daß je ein Bischof
diesen Eid nicht geleistet hat. Um diese Linie zu unterstreichen, wurde
mit dem Schreiben über die kirchliche Berufung der Theologen (1990)
eine radikale Bevormundung der Theologie durch das römische Lehramt
eingefordert und im selben Jahr mit dem Schreiben über die Interpretation
des Dogmas der päpstlichen Theologenkommission, alle theolo-gischen
Überlegungen, die über die Grenzen des Lehramtes hinausgehen, strikt
verboten. Ein Denkverbot wurde erlassen und man erinnert sich an den
Ruf Schillers in Don Carlos (3,10): "Sire, geben Sie Gedankenfreiheit".
Einen krönen-den Abschluß bildet die neue "Ordnung für die Lehrüberprüfung"
(29.06.1997), die bei einem dringlichen Lehrprüfungsverfahren, nicht
einmal vorsieht, den Autor einer Schrift, in der angeblich "offensichtliche
Irrtümer" enthalten seien, anzuhören, sondern innerhalb von zwei
Monaten von ihm die "Richtigstellung" fordert, widri-genfalls
er exkommuniziert wird. Eine "Beschwerde" dagegen ist nicht
zulässig. Jesu Wort: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet
werdet!" ist für die kirchlichen Behörden hier wohl bereits ein
"offensichtlicher Irrtum".
Es ist hier nun nicht der Ort
über den faktischen Umgang mit Theologen, Priestern und Laien zu sprechen
und über die unzähligen Maßregelungen und Willkürakte, denn diese lassen
sich vielleicht auf die Sündhaftigkeit der Hierarchen zurückführen.
Hier geht es vielmehr um die Frage, ob grundsätzlich durch solche Lehräußerungen
und Vorschriften der kirchlichen Behörden das Christentum in Gefahr
ist, und zwar so, daß dieses nicht nur in einem irdenen Gefäß weitergegeben,
sondern zerbrochen wird. Christentum verläuft sich im Sand. Und genau
das ist das Empfinden so vieler Menschen, die in einer solchen Kirche
das Antlitz Jesu Christi nicht mehr erkennen können, das sie suchen.
Dabei geht es nicht einmal primär um die erwähnten Inhalte, sondern
um das formale Prinzip, wie Äußerungen der Amtskirche vorgetragen
werden. Es ist darin eine Kirche zu sehen, die herrscht, die Macht ausübt
und keinen wirklichen Dialog mit dem modernen Menschen sucht. Und bei
all den Lehräußerungen beruft sie sich auf eine göttliche Autorität,
auf den Willen Christi. Das ist der entscheidende Punkt. |
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2. Die Kirchengründungsfrage
und das Wesen (Grundstruktur) der Kirche |
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Hat
Jesus Christus wirklich eine hierarchische Institution Kirche gewollt?
Darauf ist exegetisch und dogmatisch klar mit Nein zu antworten. Jesus
hat zu seinen Lebzeiten keine besonders geformte oder strukturierte
Gemeinschaft beabsichtigt, auch nicht als gesonderte Glaubensgemeinschaft.
Die Kirche selbst hat nie gewagt, verbindlich zu erklären, daß der historische
Jesus eine Kirche gegründet hat. Die
Argumente: 1) Jesus verkündete das Reich, den Bereich Gottes, der uns
nahe ist, aber nicht eine Sondergemeinschaft. 2) Jesus lebte in der
Naherwartung. Eine Gemeinschaft zu gründen, bestand keine Veranlassung.
3) Jesus wählte die 12 und die 70 (72) Jünger aus. Diese Auswahl ist
symbolisch zu verstehen. Die 12 stehen für das ganze Volk Israel und
die 70 (72) für die Heidenvölker, die damals mit dieser Zahl angegeben
wurden. Es wird also keine Institution damit bezeichnet, sondern der
universale Heilswille. Allen Menschen soll Bereich des Heils offen stehen.
4) Die Worte an Petrus (Mt 16,18), in denen das Wort Kirche vorkommt,
wird von fast allen Exegeten als Gemeindebildung angesehen. Zudem ist
es ein Verheißungswort, d.h. erst in Zukunft wird Kirche sein. Wegen
des Wortspiels nimmt man eine aramäisch sprechende Gemeinde an, die
die kirchliche Entwicklung als dem Willen Jesu entsprechend verstand.
Ferner wird hier keine Institution oder gar eine Hierarchie begründet,
sondern Fundament der kirchlichen Gemeinschaft ist der Glaube, den Petrus
bekennt. Daher läßt auch Mt sofort anschließend Jesus sagen, daß Petrus
ein Satan ist, wenn er Jesus vom Leidensweg abbringen will. 5) Die Kirche
selbst hat erst in der Mitte des 5. Jh. (Leo I.) dieses Wort an Petrus
hierarchisch-institutionell verstanden. Kein Bischof von Rom hat sich
zuvor auf dieses Bibelwort so bezogen, daß dadurch eine hierarchische
Vormachtstellung abgeleitet wurde. All
das besagt jedoch nicht, daß Kirche als Glaubensgemeinschaft nicht eine
Folge jesuanischen Wirkens ist. Sein Aufruf zur Nachfolge, seine Mahlgemeinschaft,
seine Glaubensforderung, sie verbanden die Menschen, die durch sein
befreiendes Wirken Gottes Nähe sahen. All diesen Menschen schenkte Jesus
seine befreiende Vollmacht, ohne jeden Unterschied. So kann selbst der
Tridentinische Katechismus (1566) die Kirche definieren als die Gemeinschaft
der Glaubenden in aller Welt[7],
und er beruft sich auf Augustinus, der die Kirche als "communio
sanctorum", als Gemeinschaft der durch Christus Geheiligten beschreibt.
So ist es durchaus richtig, daß sich nach Ostern Menschen zusammengefunden
haben, die ihr Leben an Jesus Christus orientieren wollten. Und A. Loisy,
der um die Jahrhundertwende exkommunizierte Theologe, hat recht, wenn
er sagt, daß Jesus nicht die Kirche verkündet hat, sondern das Reich
Gottes.[8]
Kirche hat sich in einem Geschichtsprozeß grundsätzlich legitim aus
Jesu Verkündigung entwickelt. Daher sprechen schon die Kirchenväter
nicht von einer Gründung der Kirche, sondern von einer "Geburt"
aus der durchstochenen Seite Jesu am Kreuz, oder von ihrer Konstituierung
durch das Wirken des Hl. Geistes.[9]
Die
geschichtlichen Bedingungen dafür, daß Kirche entstehen konnte, waren:
1) die Aufgabe der Naherwartung. Die Wiederkunft Jesu Christi wurde
nicht mehr als unmittelbar bevorstehend verstanden, wie dies bei den
ersten Jüngern nach Ostern noch der Fall war. 2) Das jüdische Volk hat
in seiner Gesamtheit die Botschaft Jesu nicht angenommen. Nur ein Teil
fand in Jesus die von der Tora befreiende Vollmacht. 3) Auf Grund dieser
zwei Tatsachen fiel die Entscheidung, besonders bedingt durch das Wirken
des Paulus, auch den Heidenvölkern das Evangelium zu verkünden. Juden
und Heiden bildeten die Glaubensgemeinschaft. Die Menschen wurden Christen
genannt und die Gemeinschaft derer, die ihr Leben an Jesus Christus
ausrichten wollten, Kirche. Sie
war keine Institution und Folge der geschichtlichen Entwicklung nach
Jesu Tod. Die Aussage - vom KirchenVolksBegehren aufgegriffen - "Wir
sind Kirche", war eine Selbstverständlichkeit. Dieses Grundverständnis
ging freilich in der Kirche nie ganz verloren, so daß Pius XII. (1946)
schreiben konnte, daß alle Glaubenden die Kirche sind. Für sie gilt:
"Wir gehören nicht nur zu Kirche, wir sind die Kirche".[10] Nur zögerlich folgten den Gedanken das 2. Vat.
Konzil und die Bischofssynode (Rom 1987), wo es heißt, die Katholiken
"sind die Kirche".[11]
Wir können jedoch schon im NT erkennen daß die Frage nach einer Struktur,
die der Kirche zu geben ist, die junge Gemeinde bewegte. Menschen ist
es eigen, andere dominieren zu wollen und diese beherrschende Stellung
institutionell abzusichern. Gerade das oft mißbrauchte Matthäusevangelium
kämpft, um das Jahr 70, gegen Herrschaftsstrukturen. Wir alle kennen
Mt 23,7 ff. Niemanden sollen wir Lehrer, Hl. Vater, Wegweiser nennen,
sondern all das ist nur Jesus Christus. Ihr alle, ohne Ausnahme, seid
Geschwister. Es ist eine erste Gemeinderegel, die hier angesprochen
wird, wie die Glaubenden miteinander umgehen sollen. Ganz besonders
deutlich hat Paulus von der Kirche Gottes gesprochen. Seine Lehre von
der Kirche entfaltete er in den Korintherbriefen. Wo zwei oder drei
im Namen Jesu versammelt sind, ist für ihn Kirche genauso real, wie
in der gesamten Gemeinschaft der Glaubenden. Das Allgemeine (Gesamtkirche)
ist dem Konkreten (Ortskirche) nicht übergeordnet. Wo Menschen sich
versammeln, Gemeinschaft pflegen, die sich an der Lebensform Jesu orientiert,
ist Kirche Gottes ganz da. Das Universale ist in Concreto. Der damaligen,
vielleicht ältesten Gemeinde in Jerusalem (in der Petrus und Jakobus
lebten) gibt er keine Sonderstellung oder gar eine Überordnung. Alle
Gemeinden sind gleich wichtig. Zwischen allen Gemeinden und zwischen
allen Glaubenden untereinander gibt es nur eine Beziehung: die der Gleichheit.
Sie ist die Grundlage für die Ermöglichung der Liebe. Dann wird von
der Gemeinschaft der Glaubenden, von der Kirche, Gott ausgesagt. In
Korinth meinten einige, daß sie höher stehen und näher bei Gott sind,
weil sie bessere Begabungen (Charismen) haben als andere. Dadurch wird
nach Paulus echte Beziehung zerstört. Mehr sein wollen als andere, konstituiert
eine Gemeinschaft, in der Gott nicht gegenwärtig ist. Gehen Menschen
miteinander verstehend um, teilen sie miteinander das Brot, die Lebensgrundlage,
dann sagt Paulus, sieht selbst ein Ungläubiger, daß Gott mitten unter
euch ist (1Kor 14,25). Kirche ist daher eine Verhältnisbestimmung von
Mensch zu Mensch. Wann ist diese richtig? Wenn die Beziehung so gelebt
wird, daß bei aller Verschiedenheit und Vielfalt (der Charismen) der
Christen, die Grundlage der Gleichheit und damit der Liebe gewahrt wird.
Konkret heißt dies (bei Paulus): die Beziehung, die Kirche, Gemeinschaft,
Communio der Glaubenden konstituiert, muß herrschaftsfrei sein. Wo ein
Mensch einen anderen dominiert, ihn be- oder gar unterdrückt, wo also
einer über den anderen Herrschaft und Autorität beansprucht, ist Macht
und nicht Liebe im Spiel. Wo in einer Ehe z.B. der Mann über die Frau
herrschen will, ist die Beziehung verdorben, ist keine Partnerschaft,
ist Liebe ausgeschaltet. Überall, wo Befehl und Gehorsam, Herr und Knecht
die Beziehung bestimmen, ist sie zutiefst beschädigt. Nicht Knechte,
sondern Freunde nenne ich euch, sagt der johanneische Jesus. In der
Beziehung, die durch Liebe bestimmt ist, werden die Unterschiede nicht
aufgehoben, sondern gerade das andere als anderes voll anerkannt, zugleich
aber auf der gleichen Ebene gesehen. Mt nennt es die Brüderlichkeit,
heute besser: Geschwisterlichkeit. Paulus selbst, trotz seiner Autorität,
beansprucht keine Herrschaft über seine Gemeinde und erliegt nicht der
Versuchung der Machtausübung "im Namen Gottes". Wir wollen
nicht Herr eures Glaubens sein, sondern wir sind eure Mithelfer in Freude
(2Kor 1,24). Alle Begriffe, die eine arché, eine Herrschaft, eine Obrigkeit
usw. ausdrücken, sind aus diesem Kirchenverständnis ausgeschlossen.
So gibt es selbstverständlich keine Hier-arche, denn keine Herrschaft
ist heilig, sondern jede höchst unheilig. "Zur Freiheit hat uns
Christus befreit" (Gal 5,1). Diese Vollmacht der Freiheit hat nur
eine Grenze, nämlich die Freiheit des anderen (des Andersdenkenden)
und dies nennt man genau "Nächstenliebe". Sie hört auf den
anderen und bildet Gemeinschaft. Sie ist die heilige An-arche, d.h.
Herrschaftsfreiheit. Sie ist das Teilenkönnen, nicht nur materiell,
sondern ebenso Freud und Leid. Und nun das Interessante an dem paulinischen
Kirchenverständnis: gerade weil in der Gemeinde von Korinth Unordnung
herrscht, verweist er auf die herrschaftsfreie Beziehung. Also: um Ordnung
in der Gemeinde zu schaffen, betont er das Prinzip der Herrschaftsfreiheit.
Ja, könnte man sagen, Freiheit kann doch mißbraucht werden! - Sicher,
aber wieviel mehr Machtmißbrauch ist in der Geschichte und der Kirche
geschehen! Weil Paulus das offenbar ahnte und in der staatlichen Gesellschaft
am eigenen Leib zu spüren bekam, setzte er keine Autorität, keinen Prokurator
oder Hierarchen ein, der Ordnung in der Gemeinde bewirken sollte. Nichts
davon tat er, vielmehr erwartete er gerade vom Verzicht auf Macht, daß
sich dadurch kirchliche Gemeinschaft, echte Beziehung der Menschen konstituiert,
die Gottes Wort zur Sprache bringt. Herrschaft und Macht bauen nicht
auf, sondern zerstören die Liebe, die Beziehung, die Gemeinschaft und
verraten so die christliche Freiheit. Paulus gibt sehr genau die kirchlichen
Strukturelemente an, die von der Aufhebung der Herrschaft des Menschen
über den Menschen in Christus zeugen: es sind die Begabungen, die Charismen,
die jeder Glaubende von Christus zum Nutzen der Gemeinde empfangen hat.
Wo jeder Christ durch seine Fähigkeiten und Gaben hingestellt ist, dort
wirkt diese Beziehung als Ordnungsstruktur, wenn nur kein Herrschaftsanspruch
erhoben wird. Damit ist eine Gemeinschaft von Menschen grundgelegt,
die total anders ist als alle bisherigen Gesellschaftsstrukturen. Alle
Karten werden auf die verantwortete christliche Freiheit gesetzt und
nicht auf Machtstrukturen. In diesem Verständnis von Kirche steckt eine
revolutionäre Kraft, die immer wieder an die Pforten der Machtkirche
klopft, zu einer friedlichen Transformation und Revolution in der Kirche
aufruft, wenn das herrschaftsfreie Grundprinzip verraten wird. Eine
solche Kirche wäre auch fähig, staatliche Gesellschaftsordnung umzustrukturieren
und mehr Gerechtigkeit sichtbar zu machen. Die Geschichte ist jedoch
genau umgekehrt verlaufen. |
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Nach
der Darstellung der Apostelgeschichte entstanden die ersten institutionellen
Formen in Jerusalem durch einen Konfliktfall. Die Christen lebten weiterhin
in der vorgegebenen jüdischen Religion, die jedoch durch die jesuanische
befreiende Vollmacht relativiert
war. Hellenistische Juden schlossen sich der Jesusbewegung an. Diese
Anhänger Jesu wurden von der öffentlichen Unterstützung ausgeschlossen.
Unter den Christen kam es zu Streitigkeiten. 7 Männer, analog zu jüdischen
Ortsvorstehern, wurden bestellt, um für diese Christen zu sorgen. Je
weiter sich durch die Verfolgung (Stephanuserzählung) die Jesusanhänger
von der jüdischen Gemeinde entfernten, umso mehr suchte man die Glaubensgemeinschaft
zu ordnen, um eine eigene soziologisch-religiös bestimmte Struktur zu
erlangen. Nach Lukas (in der Apg) wird gemäß jüdischen Vorbildes verfahren
und Presbyter bestellt. Sie sollen bei Meinungsverschiedenheiten eine
Art "Schiedsgericht" darstellen. Die Ältestenordnung entsteht.
Aus einer sozial bedingten Notsituation heraus wird, historisch bedingt,
der Kirche eine Hilfsstruktur gegeben (ähnlich einer Notstandsgesetzgebung).
Sie ist eine menschliche Institution, die nützlich sein kann, aber nie
für die Kirche wesentlich werden darf. Treffend sagt dazu Ratzinger:
"Kirchliche Institutionen ... drohen, sich als das Wesentliche
auszugeben, und sie verstellen so den Blick zum wirklich Wesentlichen.
Darum müssen sie immer wieder wie überflüssig gewordene Gerüste abgetragen
werden ... damit ... der lebendige Herr sichtbar werde".[12]
Und er nennt dies einen dauernden "Befreiungsakt" in der Kirche.
Dies gilt nicht nur für die jüdische Presbyterialstruktur, die natürlich
mit dem Priesteramt noch gar nichts zu tun hatte, sondern ebenso für
die spätere, in der griechischen Welt eingeführte Episkopalstruktur.
Die Episkopen waren Finanzbeamte und dieses weltliche System schien
kirchlicherseits brauchbar zu sein. Wir spüren heute noch in der Kirche,
daß dort, wo Geld ist, sich auch ein Machtpotential ausbreiten kann.
Schließlich verfährt die Kirche nach römisch-kaiserlichen Vorbild; die
Vorstellung des Pontifex maximus wird tragend, und nach dem Zusammenbruch
des Weströmischen Reiches kommt es zu einer extrem monarchischen Struktur
der Kirche. Das hierarchische Prinzip war geschaffen. Die Kirche war
keine Communio mehr, sondern eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Zwei Stände
gab es nun in der Kirche: die Laien und die Hierarchen bzw. Kleriker.
Eine besondere Vollendung bekam diese Zwei-Klassen-Gesellschaft noch
durch die Einführung der Priesterweihe im 5. Jh.[13]
Bis dahin wurden Christen für den Dienst in einer Gemeinde, durch Gebet
und Handauflegung, vergleichbar mit dem heutigen Handschlag, beauftragt.
Das NT kennt selbstverständlich keine Priester. Der Hebräerbrief polemisiert
scharf gegen Opfer und Priestertum (Hebr 7,27; 9, 12; 10,11-18). Das
Wort Priester (iJereu‰") taucht für ein kirchliches Amt erstmals
im 3. Jh. auf. Es wird aber noch nicht als ein Stand (Ordo) begriffen,
sondern als Gemeindefunktion. Zwar hat sich Über- und Unterordnung schon
ausdifferenziert, aber die Machtposition war noch kein Besitz,
der durch eine Weihe erworben wurde. Daher bestimmte das Konzil von
Chalkedon (451, Kanon 6), daß jede "absolute" Weihe ungültig
ist, d.h. ein kirchliches Amt ist immer für die Gemeinde. Ist dies nicht
der Fall, ist die Priesterweihe ungültig.[14] Spätestens im 11. Jh. war der Priesterstand
und damit die Hierarchie als eigene Struktur der Kirche etabliert. Sie
war nun das göttliche Element in der Kirche, die Unterordnung des Laienvolkes
besiegelt und die Ungleichheit zweier Klassen festgeschrieben, wie es
das 1. Vat. Konzil (1870) einschärfte. Es
ist wichtig zu erkennen, daß durch die ganze Kirchengeschichte hindurch
gegen diese unbiblische Entwicklung protestiert wurde. Der Protest richtete
sich gegen Herrschaft und Reichtum in der Kirche. Besitz und Hierarchie
wurden als zusammengehörig empfunden. Dabei ging es nur vordergründig
gegen den Mammon, der Protest bezog sich stets auf die Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Denn der Besitz bewirkt Ungleichheit, Entsolidarisierung, Gemeinschaft
wird zerstört, und wer das Geld hat, hat das Sagen. Besitz bezog sich
aber auch auf die hierarchische Weihe selbst, die als ein Besitzgut
verstanden wurde. Zwei-Stände-Kirche bedeutet in sich (abgesehen von
einer möglichen Sündhaftigkeit der Würdenträger) Entsolidarisierung;
ein Dialog auf gleicher Ebene ist nicht mehr möglich. Befehl und Gehorsam
statt Liebe herrschen. Schon gleich nach dem Sieg der Großkirche 381,
als sie Staatsreligion wurde, protestierte Pricillian, der asketische
Bischof von Avila, gegen Besitzstandswahrung und hierarchische Herrschaft.
Man machte nicht viel Federlesens; 384 wurde er verurteilt und enthauptet.
Nicht besser erging es im Mittelalter den Katharern und Albigenser (12.-13.
Jh.), gegen die der Hl. Krieg (Kreuzzug) ausgerufen wurde, um die Gegen-Kirche
auszurotten. Die Waldenser waren ein Vorspiel zu den Minoriten, für
die im 14. Jh., als Spiritualen bekannt, die Scheiterhaufen brannten
bis hin zu Wycliff, Hus und schließlich zur protestantischen Reform.
Im Mittelalter träumte man von dem Anbruch einer Kirche des Hl. Geistes.
Stets galt die Forderung, die Kirche solle Communio, Solidaritätsgemeinschaft
sein und auf Heilige Herrschaft und Besitzstand verzichten. Das 12.
und 13. Jh. durchhallte der Ruf: "Es gibt zwei Kirchen: Die eine
flieht (den irdischen Besitz) und vergibt (Mt 10,22 f), die andere besitzt
und mordet".[15]
Herrschaft und Besitz entsolidarisieren, Verzicht, Vergebung und Herrschaftsfreiheit
schaffen Gemeinschaft, eine Gemeinde des guten Geistes Jesu Christi.
Von Anfang an verbindet sich mit der Glaubensgemeinschaft die Forderung
nach sozialer Gerechtigkeit, die die Bedingung für eine Beziehung ist,
die durch Liebe bestimmt wird. Genau dieses Anliegen vertritt heute
die Befreiungstheologie, indem sie eine Kirche, die sich als Option
für die Armen versteht, die nicht von Herrschaft und Hierarchie, sondern
von echter Geschwisterlichkeit bestimmt ist, fordert. Genau deshalb
hat die römische Kirche die Befreiungstheologie in ihrem eigentlichsten
Anliegen verurteilt. Die Alternative zum hierarchischen Prinzip wird
abgelehnt. Dabei
hat, ohne Zweifel, das 2. Vat. Konzil einen ersten wesentlichen Schritt
in diese Richtung getan. Es geht davon aus, daß unter allen Christen
in der Kirche eine "wahre Gleichheit" (vera aequalitas) herrscht
(LG 32) und alle am "gemeinsamen Priestertum" (sacerdotium
commune fidelium) Anteil haben (LG 10). Insofern damit die unmittelbare
Nähe jedes Christen zu Gott ausgedrückt werden soll und keine andere
"priesterliche" Vermittlung notwendig ist, ist dieser Ausdruck
hilfreich, der sich auf 1Petr 2,5-10 (iJera‰teuma) bezieht. Der 1. Petrusbrief
greift Ex 19,6 auf, wo die Erwählung des ganzen Volkes Israel durch
Gott betont wird. Natürlich war niemand der Meinung, daß alle Israeliten
Priester seien, sondern das "allgemeine Priestertum" ist eine
Metapher, die die Gottunmittelbarkeit aller ausdrückt. "Mit Recht
kann daher der Begriff 'communio' als die ekklesiologische Leitidee
des Konzils angesehen werden".[16] Bemerkenswert ist der Hinweis des Ökumenischen
Dekrets des Konzils auf die "göttliche Dreifaltigkeit". Sie
ist "Vorbild und Urbild" (UR 2) der kirchlichen Gemeinschaft
(LG 4). Verschiedene Theologen sehen daher in der Trinität den Communiogedanken
der Kirche begründet. So wie Vater, Sohn und Geist auf gleicher Ebene
sind, es keine Hierarchie in Gott gibt, so auch keine in der Kirche.
Die Beziehung Gleicher konstituiert das Wesen der Kirche. Wo bleibt
die Hierarchie? Klar lehrt das 2. Vat. Konzil, daß die hierarchische
Struktur der Kirche ein menschliches und kein göttliches Element in
der Kirche ist.[17] Wo es nur Hierarchie gibt, ist die Kirche "nicht
wirklich gegründet".[18]
Wenn man konsequent ist, dann ist eine Konferenz, bei der nur Bischöfe
anwesend sind, keine Kirchenversammlung, und das Wirken des Hl. Geistes
ist nicht zu erwarten. Eines jedoch ist sicher, daß alle menschlichen
Elemente in der Kirche, also auch die hierarchische Struktur jederzeit
reformierbar, ja transformierbar ist. Ratzinger warnt richtig: "Monokratie,
Alleinherrschaft einer Person, ist immer gefährlich. Selbst wenn die
betreffende Person aus hoher sittlicher Verantwortung heraus handelt,
kann sie sich in Einseitigkeit verlieren und erstarren".[19]
Ich meine, treffender kann man das Papsttum kaum kritisieren. |
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Nun
ist die Frage, ob nicht ein hierarchisches Kirchenverständnis viel schwieriger
mit der biblischen Botschaft zu vereinbaren ist, als ein demokratisches.
Auch demokratische Strukturen sind sicher nicht die beste Möglichkeit,
aber heute sind sie die human bewährtesten. Als sich die Gesellschaft
im 19. Jh. radikal zu wandeln begann, tauchte zum erstenmal das Argument
der prinzipiellen Andersartigkeit der kirchlichen Gesellschaftsordnung
gegenüber staatlichen Strukturen auf. Dies aber nicht im Namen des NTs,
einer herrschaftsfreien Kirche, sondern gegen die Demokratiebewegung
im Namen eines obersten Souverän, dem Papst. Vom 4. bis zum 19. Jh.
sah man bewußt die Kirche in Analogie zu weltlichen Verfassungen, und
ich habe noch in Rom gelernt, daß die Kirche eine vollkommene Gesellschaft
sei, mit einem Herrscher von Gottes Gnaden und dem Recht, Menschen in
Gefängnisse zu stecken und zu verurteilen. Jetzt aber heißt es, die
Kirche ist als Gemeinschaft ganz anders als der Staat, denn sonst wäre
auch der Herrscher in der Kirche von Volkes und nicht von Gottes Gnaden.
Nur der Hierarch ist Subjekt des Handelns, das Volk ist sein Objekt.
Daher sei der Kirche die Demokratie wesensfremd, zumal man über Glaubenswahrheiten
nicht abstimmen kann. Aber gilt dies etwa für die Ernennung zu einem
Gemeindevorsteher, für einen Episkopus oder Pontifex maximus? Es ist
sicher richtig, daß nichts durch eine Wahlentscheidung wahr werden kann,
sondern Wahrheit ist nur im Glaubensvollzug selbst. Aber auch
über Glaubenssymbole, über Glaubensausdrücke wurde fast immer abgestimmt.
Alle Konzilien sind Diskussionsforen gewesen, wo am Ende eine Abstimmung
stand, und die Mehrheit entschieden hat, wenn auch, wie beim letzten
Konzil, besonderer Wert auf eine möglichst große Übereinstimmung gelegt
wurde. So
gab es immer in der Kirche demokratische Elemente, wenn sie auch nur
innerhalb der Hierarchie und auch dort beschränkt durch den Papst galten.
Der Glaubensausdruck wurde monopolisiert, und der Eindruck entstand,
daß die Hierarchie einem dummen Volk die Wahrheit beibringen muß. Genau
dieser Eindruck bewirkt, daß Jesus Christus in der Kirche nicht mehr
erkannt wird. Dagegen war bereits Thomas von Aquin der Meinung, daß
jeder Glaubende einen Glaubenssinn (instinctus fidei) hat, durch den
er beurteilen kann, ob das, was ein Hierarch sagt, wirklich Glaubenswahrheit
ist oder nicht! Wage also, deinen Glaubensverstand zu gebrauchen, er
steht über jedem Gehorsamsakt, denn er ist geistgewirkt! Vox populi
- vox Dei! Das Gottesvolk kann Stimme Gottes sein und Gotteserfahrung
vermitteln. Paulus zeigt uns, wie sehr jeder Christ seine Fähigkeiten,
seine Gaben, seine Charismen hat, und damit zum Ganzen der Kirche beiträgt.
Insofern Demokratie - dem Wort nach - Herrschaft des Volkes bedeutet,
ist Kirche keine Demokratie, weil sie biblisch grundsätzlich jede Herrschaft
des Menschen über den Menschen ausschließen muß. Sie ist aber eine Demokratie,
insofern gleichberechtigt jeder Glaubende mitbeteiligt ist am Leben
und der Gestaltung der Glaubensgemeinschaft. W. Seibel S.J. meint, daß
das NT eine größere Affinität zur Demokratie als zur Monarchie, die
heute in der Kirche herrscht, hat. "Wohl aber finden sich in den
rechtsstaatlichen Demokratien zahlreiche Elemente, die im Evangelium
eine solidere Grundlage haben, als der noch herrschende Absolutismus.
Die Kirche ist in einem ganz anderen Maß als jede profane Gesellschaft
eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, in der Unterschiede der
Herkunft, des Geschlechts oder der gesellschaftlichen Stellung keine
Rolle spielen. Diese in der Taufe gründende Gleichheit aller vor Gott
müßte auch in den Strukturen ihren Ausdruck finden, und dafür bieten
die modernen Demokratien eine Reihe von Formen und Mechanismen, die
die Kirche ohne Schaden für ihr Wesen entsprechend übernehmen könnte,
wie sie sich auch Elemente anderer Verfassungsformen ohne Bedenken zu
eigen gemacht hat. Weder Gewaltenteilung noch Machtkontrolle noch Partizipation
der Betroffenen an Entscheidungen widersprechen den vom NT vorgegebenen
Normen ... Obwohl sich die Lebenswelt der Menschen, ihre Denk- und Bewußtseinsformen
tiefgreifend geändert haben, hält die Kirche am Modell des Obrigkeitsstaats
fest und fordert wie dieser von ihren Mitgliedern die Mentalität von
Untertanen, die nur Objekte von Leitung und Belehrung sind. Das ist
ein wesentlicher Grund für die Vertrauenskrise, der gerade ihre Leitungsorgane
heute ausgesetzt sind".[20]
Wahres Christentum, jesuanische Frohbotschaft kann in ihr so nicht mehr
vernommen werden, und das ist der entscheidende Grund, warum
dem heutigen Menschen die Kirche kaum mehr etwas zu sagen hat. In der
heutigen Struktur der Kirche findet sich der Niederschlag eines Menschenbildes,
in dem die einen zum Gehorchen, die anderen zum Befehlen da sind. Die
Gleichheit vor Gott wird verraten. Der Glaubende wird seiner christlichen
Freiheit beraubt. |
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1) |
Jesus
selbst hat keine Kirche gegründet. Er hat ihr daher a fortiori keine
institutionelle Struktur gegeben; ein hierarchisches Prinzip hat mit
dem Wesen der Kirche nichts zu tun. Das bedeutet jedoch nicht, daß jede
Glaubensgemeinschaft mit institutionellen Elementen dem Anliegen Jesu
widerspricht. |
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2) |
Da
das NT das Herr-Knecht-Verhältnis zurückweist, wir Freunde oder Brüder,
Geschwister, genannt und alle Machtgelüste der Jünger Jesu getadelt
werden, ist eine strukturelle Unter- und Überordnung in der Kirche auszuschließen.
Freundschaft kennt keine strukturelle Unterordnung, sondern meint dialogische
Beziehung. So erklärte die 2. LA Bischofskonferenz (Puebla 1979): "Die
Zivilisation der Liebe lehnt Unterwerfung und Abhängigkeit ab". |
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3) |
Paulus,
der eine ausgeprägt nachösterliche Ekklesiologie entwickelt, kennt nur
ein Ordnungsprinzip in der Kirche: die Charismen, die uns vom guten
Geist geschenkt werden, und durch die jeder zur Gemeinschaft in Christus
beiträgt. Es ist das Prinzip der Herrschaftsfreiheit, das Appell an
die christliche Freiheit ist, die Freiheit des anderen zu respektieren. |
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4) |
In
der Geschichte hat sich die Kirche in ihrer Struktur an weltlichen Vorbildern
orientiert, so daß es in den ersten 5 Jahrhunderten zu einer hierarchischen
Verfassung kam, die zu einem neuen Priestertum führte. Verschiedene
Situationen, vor allem Notsituationen, haben dazu beigetragen. |
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5) |
Daher
sind alle institutionellen Strukturen der Kirche veränderbar. Keine
muß sein, es gibt viele Möglichkeiten. Jede institutionelle Form der
Kirche ist relativ. Ja, es ist keineswegs gesagt, daß alle Ortskirchen
oder Kirchen in verschiedenen Ländern, die gleiche institutionelle Struktur
haben müssen. Eine Glaubensgemeinschaft kann sich sehr wohl in vielen
Formen verwirklichen, strukturell, liturgisch, sozial usw. Gerade heute
in der pluralistischen Gesellschaft ist Pluralität instiutionell gefordert.
Die Vielfalt in der Einheit und die Einheit in der Vielfalt. |
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6) |
Alle
Institutionen in der Kirche, die Herrschaft und Macht besagen, sind
auszuschließen, weil sie der jesuanischen Botschaft widersprechen und
ein pervertiertes Menschenbild zur Grundlage haben. Sie erzeugen eine
verkrüppelte und keine christliche Freiheit. |
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7) |
Demokratische
Strukturen in der Kirche, als Hilfsstrukturen, - keine Institution gehört
zum Wesen der Kirche, verschiedene Ordnungsstrukturen widersprechen
diesem jedoch nicht - können heute hilfreich sein und Menschen Zugang
zur christlichen Botschaft ermöglichen. |
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8) |
Schon
unter den jetzigen Bedingungen können neue Strukturen gefunden werden.
Oberste Maxime müßte, wie es in den echten Basisgemeinden LAs üblich
ist, sein, daß alle gleichberechtigt sind. Sowohl der Priester wie der
Bischof haben nur eine Stimme im kollegialen Gremium, können jederzeit
überstimmt werden und fügen sich dem Beschluß. Einem beschämenden Herrschaftsmechanismus
ist z.B. die Österreichische Bischofskonferenz 1994 verfallen, als sie
bestimmte, daß ein Bischof nur
einem geweihten Priester die Leitung einer Gemeinde übertragen darf.
Seit Jahrzehnten gibt es in Zaire (Republik Kongo) den Mokambi: Er ist
Laie, meist verheiratet und leitet eine Pfarrei mit allen Rechen eines
Pfarrers. Koordinator einer Gemeinde, Prediger, Eucharistieleiter und
selbstverständlich -leiterin, Sozialarbeiter, Jugendbeauftragte, Altenbetreuer
usw. - all diese vielen Dienste, sind Charismen in der Kirche und haben
grundsätzlich gleichen Stellenwert. Sie bilden in ihrer ergänzenden
Tätigkeit die eine Kirche. |
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9) |
Jede
Zwei-Klassen-Gesellschaft, eine Zwei-Stände-Kirche, hätte damit ein
Ende gefunden und die Monopolstellung des hierarchischen Prinzips in
der Kirche wäre erloschen. |
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10) |
So könnte über den Weg der Demokratie, im dialogischen Sinne, die charismatische Grundstruktur der Kirche verdeutlicht und sichtbar werden, die in unserer Welt dadurch wirksam wird, daß sie zur Befreiung von Herrschafts- und Machtmechanismen führt und alle Unmenschlichkeit verbannt. Dann wird die Kirche stets bereit sein zur Ausfahrt auf das offene, noch unbekannte Meer, und eine solche Kirche der Zukunft wird Christentum verwirklichen. Könnte dann nicht wieder der alte Ruf von Nichtchristen zu hören sein: Seht, wie sie einander lieben! |
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[1] Interview mit W. Keßler, in: Kolping Blatt (Köln) 19,1969, Nr. 4, 3. [2] Theol.-prakt. Quartalschrift, 2, 1997, 115. [3] Vgl. Ansprache des Papstes 1996 in Frankreich. FAZ, 193, 1997, 3. [4] Hans Dieter Hüsch, Über Gott und die Welt und die Kleinkunst, CD. Intercord (INT 880.071) 1991; zit. nach: R. Lay, Nachkirchliches Christentum. Der lebende Jesus und die sterbende Kirche, Düsseldorf 1995, 11 ff. [5] R. Lay, a.a.O. 9. [6] Sei es über die Taufe (Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre "Über die Kindertaufe", 1980), oder über die Zukunft und Hoffnung der Menschen (Schreiben "Zu einigen Fragen der Eschatologie", 1979), stets wurde mit althergebrachten Klischees geantwortet. [7] Tr. Kat. X,2: Ecclesia est populus fidelis per universum orbem dispensus. [8] A. Loisy, L'Évangile et L'Église, Bellevue, 1903, 155: "Jésus annonçait le royaume, et c'est l'Église qui est venue". [9] Leo XIII., Enzyklika "Divinum illud munus" (1897, D 3328). [10] AAS 38, 1946, 143; 149. [11] Zit. nach H. Haag, Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?, Freiburg 1997, 33. [12] J. Ratzinger, Zur Gemeinschaft gerufen. Kirche heute verstehen, Freiburg 1991, 133; 138. [13] Vgl. H. Haag, a.a.O. 46. [14] "Niemand darf auf absolute Weise (ajpolelumenw~") ordiniert werden, weder zum Priester noch zum Diakon ... Wenn ihm nicht auf deutliche Weise eine örtliche Gemeinde zugewiesen ist ... das hochheilige Konzil (beschließt), daß seine Handauflegung (ceirotomi‰a) null und nichtig ist ... und daß er daher bei keiner einzigen Gelegenheit Funktionen ausüben darf (PG 104, 558). [15] A. Brenon, Häresien im Mittelalter: "Es gibt zwei Kirchen ...", in: Concilium 33, 1997, 354. [16] M. Kehl, die Kirche. Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg 1992, 51 f. Vgl. J. Werbick, Kirche. Ein ekklesiologischer Entwurf für Studium und Praxis. Freiburg 1994, 317 ff. [17] LG 8: "Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft", ist das menschliche Element in der Kirche. Nur so konnte auch das "Kirche-Christi-sein" anderen Kirchen nicht abgesprochen werden (LG 8; UR 3). [18] Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche (AG 21). [19] J. Ratzinger, Wesen und Auftrag der Theologie, Freiburg 1993, 75. [20] W. Seibel S.J., Stimmen der Zeit, 213, 11, 1995, 722. |