Open letter to the US Catholic bishops: It's over - Es ist vorbei (deutsche √úbersetzung)

 

Deutsche Übersetzung des am 9. November 2018 im National Catholic Reporter erschienenen Offenen Briefes an die katholischen Bischöfe der USA

 

Liebe Brüder in Christus, Hirten, Hirten, Mitpilger,

Wir sprechen euch an, während ihr euch dem diesjährigen nationalen Treffen in Baltimore nähert, denn wir wissen, dass es nirgendwo mehr etwas zu verbergen gibt.

Es ist vorbei.

All die Manipulationen und Entstellungen der letzten 33 Jahre, all die Versuche, abzulenken und zu vertuschen - all das hat die Kirche, aber vor allem euch, an diesen Punkt geführt.

Es ist vorbei.

Sogar das FBI ermittelt mittlerweile. Man hat angeordnet, dass ihr keine Dokumente vernichten dürft. Das Justizministerium führt eine nationale strafrechtliche Untersuchung durch um zu klären, wie ihr mit dem Skandal um den sexuellen Missbrauch durch Kleriker umgegangen seid. In unserer Geschichte beispiellos. Wir möchten, dass ihr wisst, dass ihr in diesem Moment nicht allein seid, dass ihr nicht verlassen wurdet. Aber diesmal muss es anders sein. Und diesmal wird es nicht einfach sein.

Von der Fabel bis zum heiligen Text, wir wissen, wie das läuft. Der Punkt ist erreicht, an dem alle erkennen, dass der König keine Kleider trägt, und dass die gerechten Kläger das Menetekel an der Wand lesen können und wegbleiben. Dass die religiösen Autoritäten die schlimmsten Strafen des Meisters erhalten. Als eine eigene Klasse religiöser Herrscher sind die lautesten unter euch ziemlich gut darin geworden, das Gesetz anzuwenden und göttliche Autorität zu beanspruchen, indem sie diejenigen ausgrenzen, die gegen die Gesetze verstoßen. Der anhaltende Missbrauchsskandal deutet jedoch darauf hin, dass ihr nicht sehr gut in der Lage wart, eine Bestandsaufnahme von euch selbst vorzunehmen.

Wir wissen nicht genau, warum dieser Moment - der Grand Jury-Bericht von Pennsylvania, der Sturz von Theodore McCarrick - die Öffentlichkeit so erregt und die Kirche an diese äußerste Grenze der Entlarvung und der Verletzlichkeit gebracht hat. Es gibt Theorien darüber, auch, dass die Opportunisten unter uns versuchen, diesen Augenblick zu benutzen, um den einzigen Papst zu stürzen, der tatsächlich endlich einmal Bischöfe und einen Kardinal entmachtet hat, für ihre Verbrechen und ihre Vertuschungen.

Aber das ist ein anderes Problem.

Es ist schon lange so, wir wissen das alle. Die erste landesweite Geschichte wurde im Sommer 1985 auf vier Seiten in diesem Magazin veröffentlicht. Das Schlimmste geschah während des Pontifikats des schnell heiliggesprochenen Johannes Paul II., eines Riesen auf der Weltbühne, aber auch eines Pfarrers, der die Wölfe seine eigene Herde durchstreifen ließ. Sein idealisiertes Konzept des heldenhaften Priestertums hat ihn offenbar unfähig gemacht, die Erfahrung glaubwürdiger Zeugen zur Kenntnis zu nehmen, auch nicht die wenigen Bischöfe, die es wagten, diese idealisierte Welt mit beunruhigenden Berichten zu stören. Er beförderte Marciel Maciel Degollado, den Gründer der Legionäre Christi, eine Persönlichkeit, die das Schlimmste im Missbrauchsskandal verkörpert, bis zum Schluss. Maciel, ein versierter Kriecher, umging jegliche Kontrolle mit seiner Fähigkeit, viele junge Priester und viel Geld im Vatikan zu verteilen.

Es geht um eine Fäulnis im Herzen der Kultur, die mit der Leitung der katholischen Gemeinschaft betraut ist.

Unstrittig ist, dass wir für diesen Zeitpunkt in der Geschichte der amerikanischen Kirche - und vielleicht in der Geschichte der Weltkirche - keinen Präzedenzfall haben. Es geht hier nicht um strittige Fragen - Zölibat oder die filioque Klausel, oder den Vorrang der Schrift, oder ob die Erde das Zentrum des Universums ist, oder ob Frauen ordiniert werden sollten, oder um eines der anderen heißen Themen, die uns in den letzten Jahrzehnten in Atem gehalten haben. Es geht vielmehr um eine Fäulnis im Herzen des Kulturkreises, der mit der Leitung der katholischen Gemeinschaft betraut ist. Eine Fäulnis, die so allgegenwärtig ist, dass sie jeden Aspekt des Lebens der Gemeinschaft berührt hat, indem sie alle Gewissheiten und Vermutungen darüber, wer wir sind und wer ihr seid, zerstört hat, eine Gewissheit die einmal geholfen hat, diese Gemeinschaft zusammenzuhalten.

Die Gläubigen, die in der Vergangenheit so leidenschaftlich daran gearbeitet haben, euch zu befähigen - die Gläubigen, die so verraten wurden, die einfach nicht glauben konnten, dass Ihr Euch auf eine so bewusste Vertuschung einlassen würdet; aber auch solche wie George Weigel und seine blinde, unkritische Heiligenlegende über Papst Johannes Paul II.; Dr. Mary Ann Glendon und der verstorbene Pater Richard John Neuhaus und ihre naive Feier und Verteidigung von Maciel; der Rest des Chores bei First Things und ähnlichen Veröffentlichungen; das beredte Schweigen so vieler anderer katholischer Einrichtungen; die Absurdität des Scharlatans William Donohue und seiner dummen "katholischen" Liga - sie halfen, eure schwache Erzählung aufrechtzuerhalten, da viele von diesen genau diejenigen verunglimpft haben, die die schwierigen Fragen aufgeworfen haben und der Wahrheit gefolgt sind.

Es ist vorbei.

Keiner von diesen hat einen überzeugenden Grund so weiter zu machen. Einige von diesen versuchen nun, diese Krise schwulen Priestern anzulasten. Es könnte sein, dass Ihr versucht seid, euch an diese falsche Vorstellung zu klammern, aber dies würde nur den ohnehin schon unerträglich langen Todeskampf verlängern.

Schwule Priester und Bischöfe sind sicherlich unter uns - wahrscheinlich gibt es einen größeren Anteil von Schwulen im katholischen Klerus als in der Gesamtbevölkerung, wenn man an die Anekdoten darüber denkt und das nicht öffentliche Geschwätz von Seminarrektoren und Ordensführern glaubt.

Es wird dringend eine ernsthafte Diskussion über die Kultur des Klerus gebraucht und eine Aufklärung zu diesem Thema und noch viel mehr über Sexualität. Es ist aber nicht wirklich wahrscheinlich, dass es diese Diskussion in nennenswertem Umfang geben wird, denn zu viele Bischöfe und zu viele Priester, wenn sie ehrlich wären, müssten sich zu einer Orientierung bekennen, die die Kirche noch immer als "ungeordnet" bezeichnet. Solange die Mehrheit der glaubwürdigen Experten ihr Verständnis der Dinge nicht plötzlich ändert, ist die sexuelle Orientierung kein Thema, das mit dem sexuellen Missbrauch irgendetwas zu tun hat.

Für den Missbrauch von Kindern ist die sexuelle Orientierung kein bestimmender Faktor. Wenn es so wäre, müssten wir gerade die heterosexuelle Orientierung als Ursache untersuchen, denn mehrheitlich wird Missbrauch von heterosexuellen Männern an Jungen und Mädchen verübt. Ihr könnt diesen falschen Weg gehen, wenn ihr wollt, aber ihr müsst dann auch bereit sein, auch das letzte bisschen Glaubwürdigkeit zu verlieren, was euch an möglicherweise noch geblieben ist.

Es ist vorbei.

Ihr seid in einer Kultur gefangen, die euch zu lange vor den Folgen der Taten eurer eigenen schlimmsten Instinkte geschützt hat. Die Mauern, die eure Kultur einst vor der Öffentlichkeit geschützt haben, sind heute genauso irrelevant und zerstört wie die Gräben und Mauern früherer Jahrhunderte. Es gibt kein Verstecken mehr. Ihr habt die Exzesse von Macht, Autorität und Privilegien, die sich über Jahrhunderte angesammelt haben, eingeatmet wie Süchtige, die den Tiefpunkt erreicht haben. Eine grundsätzliche Entscheidung für die Genesung ist für euer Überleben von wesentlicher Bedeutung.

Es ist vorbei.

Ihr habt den Tiefpunkt erreicht, nicht weil der letzte Sturm schlechter Nachrichten das Ergebnis eurer Entschlossenheit war ins Reine zu kommen und die Wahrheit zu sagen. Der Tiefpunkt ist das Ergebnis einer weiteren Untersuchung anderer. Kurz gesagt, ihr saht euch zu Worten Reue bewegt, weil ihr einmal mehr erwischt worden seid. Ja, das meiste davon sind alte Nachrichten. Ja, die Vertuschung wurde hauptsächlich von Bischöfen betrieben, die nicht mehr im Amt sind oder gar gestorben sind. Aber, auch Medien, die einmal gezögert haben, es mit euch aufzunehmen, aus Angst, als anti-katholisch diffamiert zu werden, sie schweigen nicht länger.

Ihr seid zu einem sicheren Clickbait geworden. Und ihr werdet es auch weiterhin sein, denn Diözese nach Diözese werden mehr Dokumente veröffentlicht und enthüllt, und immer mehr Grand Jurys befassen sich mit dem Innenleben dieser Institution über die letzten 50 Jahre und noch weiter. Aber, der Schmerz, dieser Schmerz ist selbstverschuldet.

Ihr Bischöfe, ihr wart überzeugt vom Geschehen und seinen möglichen Folgen, für die jeder einzelne von euch und ihr alle zusammen Legionen von Anwälten beschäftigt habt.

Bitte hört auf zu behaupten, dass ihr hättet nicht gewußt, was vor 2002 vor sich gegangen ist. Wenn der Skandal 2002 explodierte, dann deshalb, weil eine lange Zündschnur schon lange Explosion für Explosion in Städten und Staaten ausgelöst hatte und 17 Jahre lang umfassend aufgezeichnet wurde, bevor dann der Funke dann auf Boston übersprang. Nach all diesen Explosionen wart ihr euch sicher darüber, was vor sich ging und welche möglichen Folgen ihr einzeln und gemeinsam mit Legionen von Anwälten zu bewältigen habt. Ihr wusstet genug, so dass ihr geheime Akten unter Verschluss gehalten habt. Ihr habt diese versteckt, weil ihr wusstet wie schlimm das alles war.

Es ist vorbei.

Es ist unbestreitbar, dass Ihr Euch auf die schlechten Nachrichten eingestellt habt. Ihr habt eine Charta zum Schutz der Jugend beschlossen. Aber, 16 Jahre hat es gedauert, bis ihr darüber nachgedacht habt, auch euch selbst in die Liste derjenigen aufzunehmen, die zur Verantwortung gezogen werden müssen. Ihr habt ein bundesweites Amt eingerichtet, für aufwendige Studien bezahlt, nationale und lokale Fachgremien errichtet, Versöhnungsdienste gemacht, Schulungen zum Kinderschutz und Hintergrundüberprüfungen vorgeschrieben und Milliarden für Vergleichszahlungen ausgegeben. Die Kirche ist unbestritten jetzt ein sicherer Ort für Kinder wegen all dieser Bemühungen. Aber das alles geschah nur als Reaktion auf äußere Kräfte.

Das Einzige, wozu ihr nicht gezwungen werden könnt, ist das, was ihr tun müsst, was unsere sakramentale Tradition erfordert: eine tiefe persönliche Untersuchung, das Aussprechen der Wahrheit, das Betteln um Vergebung und den Entschluss, etwas zu ändern.

Die Untersuchung beginnt mit der Frage, die nur Ihr beantworten könnt, einzeln und als Gruppe: Wie sind wir und unsere Brüder in der Vergangenheit als Führer dieser klerikalen Kultur an den Punkt gekommen, an dem wir das Wohl der Kinder außer Acht lassen konnten, die von unseren eigenen Priestern sexuell gefoltert worden waren, nur um diese Priester und unsere eigene Kultur zu schützen? Einer eurer Brüder, der Chicagoer Kardinal Blase Cupich, hat bereits einige geeignete Schritte aufgezeigt. Die Bischöfe müssen "die Autorität abgeben", sagte er, und eine größere Rechenschaftspflicht gegenüber den externen Behörden garantieren. Er sagte auch, dass "Privileg, Macht und Schutz einer klerikalen Kultur" "aus dem Leben der Kirche ausgerottet werden müssen" und er sagte: "alles andere ist eine Nebensache".

Das sind wichtige Punkte, die es zu berücksichtigen gilt. Der Retreat, den ihr für Januar geplant habt, wäre der perfekte Ort, um genau das zu tun. Ein Vorschlag: Nehmt an der Konferenz teil aber lasst alles zu Hause, die römischen Krägen und die schwarzen Anzüge, die Seide und Spitze und die Brustkreuze. Gott wird euch trotzdem erkennen. Macht diesen kleinen Schritt in Demut und trefft euch als wirkliche Brüder. Sprecht mit diejenigen unter euch, die selbst gelitten haben, die wissen, was es heißt, Schmerz, Sucht oder Krankheit durchzustehen. Fragt sie, ob sie euch helfen, aus diesem dunklen Moment herauszukommen. Sie könnten den Weg kennen.

Wenn es vorbei ist, und hier machen wir einen Vorschlag, der dem journalistischen Interesse zuwiderläuft: Seid still. Macht keine großen Ankündigungen.

In den folgenden Monaten, in denen die föderale Untersuchung wahrscheinlich mehr Dokumente hervorbringt und diese brennende Zündschnur weiterhin Explosionen auslösen wird, können einige von Euch teuer für das bezahlen, was Ihr in der Vergangenheit getan habt oder was ihr nicht getan habt. Wir werden wissen, wie euer Retreat verlaufen ist, wie ihr euch in diesen Momenten verhaltet.

Wir werden wissen, ob ihr wirklich den Tiefpunkt erreicht habt und im besten Interesse der Gemeinschaft im Herzen auf dem richtigen Weg seid oder ob ihr noch auf der Suche nach billiger Gnade und einem billigen Ausweg seid.

Es ist vorbei.

Im Namen der Betroffenen, im Namen der zerrissenen Familien, im Namen der Eltern, die kein Ende ihrer Qualen kennen, im Namen des Leibes Christi, der jahrzehntelang unerbittlich erniedrigt wurde, muss es vorbei sein. Diese Zeit muss anders werden.

Wir beten für euch,

Eure Schwestern und Brüder, eure Mitpilger, die Kirche.

 

Open letter to the US Catholic bishops: It's over
> www.ncronline.org 9.11.2018

 

Übersetzung aus dem Amerikanischen ins Deutsche: Bernhard Rasche-Remling


 

Zuletzt ge√§ndert am 20­.11.2018