Dezember 2017 – „Kirche In“ (Kolumne „Unzensiert“)

Außer Gesten nichts gewesen

Anfang dieses Jahres hatte Kardinal Walter Kasper erklärt: „Dieses Jahr darf nicht zu Ende gehen mit schönen Worten und ein paar berührenden Gesten“. Da erwartete der langjährige Ökumene-Minister des Papstes „noch in diesem Jahr konkrete Fortschritte“ vor allem bei der Abendmahlsgemeinschaft. „Aber die Entscheidung liegt bei der deutschen Bischofskonferenz.“

Verbrüderungsgesten – vor allem von Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, und dem EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford Strohm – sowie gemeinsame Verlautbarungen hat es im Jahr des Reformationsgedenkens mehr als genug gegeben. Doch trotz aller Ermutigungen von Papst Franziskus: nicht einmal beim großen Versöhnungsgottesdienst im März in Hildesheim oder beim Ökumenischen Fest im September in Bochum gab es eine gemeinsame Mahlfeier. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat dagegen sogar versucht, die ökumenische Entwicklung zu bremsen, indem er einen zunehmenden Dissens in moral- und sozialethischen Fragen ausmachte.

Die Warnung der Journalistin Christiane Florin vor „Scheinriesentum“ und „Selbstverzwergung“, die sie vor der EKD-Synode aussprach, gilt für beide Großkirchen. Bei allem Respekt für den kirchlichen Einsatz für soziale Gerechtigkeit und die Aufnahme von Geflüchteten: beide Kirchen sind nicht mehr die Moralapostel, auf die alle hören. Bei der Abstimmung im Deutschen Bundestag über die „Ehe für alle“ wurde deutlich, dass die Kirchen den Begriff Ehe nicht gepachtet haben. Und die Zahl der Austritte ist in beiden Kirchen weiterhin erschreckend hoch.

In einem zunehmend säkularer werdenden Europa und angesichts der weltweiten materiellen wie geistigen Not sollten die christlichen Kirchen rasch zu einer überzeugenden Einheit finden. Nur gemeinsam können wir heute den Menschen das Evangelium, die christliche Hoffnungsbotschaft, glaubhaft und glaubwürdig verkünden. Bezeugen wir in einer erbarmungslosen Welt gemeinsam die von Jesus verkündete und praktizierte Barmherzigkeit! Aber erst wenn es gelingt, Versöhnung auch in der Abendmahlsfrage zu erreichen, können wir überzeugend für Versöhnung in der Welt eintreten. Und durch gemeinsames Engagement auch wieder gesellschaftliche Relevanz gewinnen.

Im kommenden Jahr bieten das Ende des Konzils von Konstanz vor 600 Jahren, der Beginn des Dreißigjährigen Krieges vor 400 Jahren und 100 Jahre Weltkriegsende genügend Anlässe, konkret den Frieden zu suchen. Dies ist auch das Motto des Katholikentages in Münster, der Stadt des westfälischen Friedens. Reformation und Ökumene bleiben aber Daueraufgaben – für beide Kirchen.

Christian Weisner
Wir sind Kirche Deutschland
www.wir-sind-kirche.de

 

 

 

Zuletzt geändert am 22­.11.2017