Kolumne „Unzensiert“, Zeitung KIRCHE IN, Mai 2026

Demokratie braucht Kirchentage

Kann es das geben, dass Christ:innen aus der ganzen Republik, alt und jung, evangelisch und katholisch, konservativ und fortschrittlich, sich für eine halbe Woche zum intensiven Austausch treffen? Ja, in Deutschland gibt es das in einer langen Tradition: 1848 fand der erste Katholikentag in Mainz statt, seit 1949 gibt es Evangelische Kirchentage, die sich mit den Katholikentagen abwechseln,  und seit 2003 gab es bislang drei Ökumenische Kirchentage.

Der 104. Deutsche Katholikentag findet im Mai 2026 über das Himmelfahrtwochenende in der „Synodenstadt“ (1971-1975) Würzburg statt. Sein Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ aus dem Markusevangelium bezieht sich auf den blinden Bartimäus, dem erst in der Begegnung mit Jesus die Augen aufgehen, als die Umstehenden ihm dies zurufen. Dieses Leitwort ist eine Aufforderung an die Kirche von heute: Werde zu einer Gemeinschaft der Ermutigung zu sein – innerkirchlich wie auch in der Gesellschaft.

Trotz der zurückgehenden Kirchenmitgliedszahlen haben Katholiken- wie Kirchentage immer noch eine große Breitenwirkung, auch in den Medien. In Würzburg werden neben vielen anderen Persönlichkeiten u.a. der katholische Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ein engagierter evangelischer Christ, ein Podium haben.

Gastgeber der Katholikentage ist das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, der seit 1848 bestehende und weltweit einmalige Zusammenschluss katholischer „Lai:innen“, gemeinsam mit dem jeweiligen Ortsbischof. Wir sind Kirche ist seit 1996 bei allen Katholiken- und Evangelischen Kirchentagen aktiv dabei. Unsere „Gespräche am Jakobsbrunnen“ mit prominenten und kompetenten Gästen aus Kirche und Gesellschaft sind immer wieder eine große Chance, unsere Reformpunkte unter das Kirchenvolk zu bringen. Seit dem Jahr 2020 werden die Reformpunkte des KirchenVolksBegehrens ja auch auf dem Synodalen Weg in Deutschland und darüber hinaus intensiv behandelt.

Ich finde es sehr gut, dass Kardinal Mario Grech, der Generalsekretär der weltweiten Bischofssynode, zum diesjährigen Katholikentag eingeladen wurde und kommen wird. Damit zeigt Grech, dass „die Deutschen“ mit ihrer Art, Kirche zu sein und Theologie zu betreiben, ein wichtiger Teil der Weltkirche sind. Viel zu lange hatte es gedauert, bis der Vatikan sich mit der Vorgehensweise des Synodalen Weges in Deutschland hat anfreunden können. Zu groß war das Misstrauen in der römischen Zentrale gegenüber den Reformdiskussionen im Luther-Land. Erst mit dem Glaubenspräfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández und mit dem Chef der vatikanischen Bischofsbehörde Robert Francis Prevost, dem jetzigen Papst, der Deutschland sehr gut kennt, ist ein konstruktiver Dialog über Reformen möglich. Dieser muss weitergehen!

So wie Demokratie Religion braucht (Hartmut Rosa), brauchen Gesellschaften Dialogformen, und das über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Katholiken- und Kirchentage praktizieren dies seit Generationen in beispielhafter Weise. Sie sind weit mehr als ein binnenkirchliches Ereignis. Für das kulturelle und spirituelle Zusammenwachsen Europas könnte ein Europäischer Kirchentag sehr hilfreich sein. Initiativen dazu gibt es, unterstützen wir sie.

Christian Weisner, Wir sind Kirche-Bundesteam  
weisner@wir-sind-kirche.de

Zuletzt geändert am 27­.04.2026