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Incontro 1997 in Rom

Bericht von der internationalen KirchenVolksBegegnung

Rom und das Kirchenvolk

Wenn sich die Gebeugten aufrichten

Mit einem Manifest wurde die erste internationale KirchenVolksBegegnung in Rom abgeschlossen. Über 500 Delegierte aus 16 Ländern trafen sich. Der Text beginnt: »Hier in Rom hat Papst Johannes XXIII. vor 35 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Die Gläubigen in aller Welt haben auf dieses Konzil große Hoffnungen gesetzt: Es möge eine glaubwürdige Kirche daraus hervorgehen, frei und geschwisterlich, arm und dienend. Denn:

  • Wir wollen und brauchen eine Kirche der Liebe, in der alle gleichwertig und angenommen sind. Wir brauchen eine katholische Kirche, in der alle Menschen willkommen sind mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihren Bildern von Gott, mit ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft.
  • Wir brauchen eine Kirche, die Gottes Schöpfung bejaht und die für Gerechtigkeit und Versöhnung eintritt und die die bedingungslose Liebe von Jesus Christus zu allen Menschen widerspiegelt.
Mit der Gewißheit, daß Gottes Geist seine Kirche auf neue Wege schickt, haben Millionen von Christinnen und Christen das KirchenVolksBegehren mit getragen. Wir stehen hier für diese Menschen. Wir sprechen für sie und erklären, unseren Weg innerhalb der Katholischen Kirche gehen zu wollen. Unser Traum ist eine Versammlung des Volkes Gottes, in der alle echt vertreten sind und mitentscheiden können. In diesem Sinne unterstützen wir den Aufruf aus dem Weltkirchenrat, im Jahr 2000 einen Prozeß zu beginnen, der zu einem allumfassenden Konzil der christlichen Kirchen führt, auf dem sich alle christlichen Konfessionen gleichwertig begegnen, um Frieden zu finden und Dialog und Versöhnung zwischen den Kirchen stattfinden zu lassen. Einen Dialog, der den Respekt und der auch die nichtchristlichen Religionen miteinschließt.«

Der Beginn der KirchenVolksBegegnung war turbulent: Die erste Lila-Stola-Aktion in Rom, der Ewigen Stadt. In der Kirche St. Ignacio wurden, nach dem Abschluß ihrer römischen Studien, deutsche Theologie-Studenten zu Priestern geweiht. Eigens hierfür war Bischof Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, nach Rom geeilt. Doch nicht nur er. Acht couragierte Katholikinnen aus Großbritannien und Deutschland standen morgens um 8.30 Uhr, vor der Kirchentür – angetan mit der lila Stola, dem Zeichen dafür, daß nicht nur Männer, sondern auch Frauen zum Dienst als Diakonin, Priesterin und Gemeindeleiterin in der katholischen Kirche bereit sind. Eine dreiviertel Stunde lang warben die Frauen freundlich für diese Forderung nach Gleichberechtigung für alle Getauften, ohne Benachteiligung des weiblichen Geschlechts. Da brausten – Minuten vor Beginn des Festgottesdienstes – vier blaugraue Alfa-Romeos heran. Je zwei Sicherheitsbeamte sprangen aus den Autos. Auf jede Frau mit lila Stola kam ein Sicherheitsbeamter. Pässe wurden kontrolliert, das Transparent der Frauen beschlagnahmt. Mit der seltsamen Begründung, eine »politische Versammlung von mehr als zwei Personen müsse in Italien angemeldet werden«, und mit Einsatz körperlicher Gewalt löste die italienische Polizei die Lila-Stola-Aktion auf. Zum Ende des festlichen Weihegottesdienstes jedoch verteilten Frauen aus den Niederlanden das Informationsblatt der Lila-Stola-Aktion. Auch sie waren mit der lila Stola angetan. Die Holländerinnen waren der Polizeiaktion am frühen Morgen entgangen, denn ihr Bus steckte im römischen Verkehrsgewühl. Wirkt der Heilige Geist auch durch einen Stau?

Anderes geschah auf dem Platz vor der Basilika St. Paul vor den Mauern. In dieser Kirche hatte Papst Johannes XXIII. einst das Zweite Vatikanische Konzil angekündigt. Der Zutritt zur Basilika war den Kirchenvolksbegehrern aus allen Kontinenten auf »höhere Weisung« hin verweigert worden. Sie formten sich draußen zu einem großen Kreis. Es sind weit über 500 Menschen versammelt. Der Reihe nach werden große, bunte Transparente entfaltet: auf Brasilianisch, Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Veliswe Mary Mkhwanezi aus der südafrikanischen Delegation singt und tanzt. Die Österreicher singen ein Lied zum Heiligen Geist. We are church. Die US-Amerikaner tragen T-Shirts mit den Ergebnissen einer aktuellen, landesweiten Umfrage des Gallup-Instituts: »75 Prozent der Katholiken sind für verheiratete Priester, 67 Prozent der Katholiken sind für Frauen im Priesteramt, 72 Prozent für die Bischofswahl durch die Ortskirche und Diözese, 87 Prozent der Katholiken treten ein für die freie Entscheidung bei der Empfängnisverhütung, 74 Prozent bejahen die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie.« Die gottesdienstliche Lesung bei diesem weltweiten Morgengebet stammte aus dem Neuen Testament und handelte von der gekrümmten Frau. Alle KirchenVolksBegehrer nahmen eine geduckte Haltung ein, krümmten sich, als von der gekrümmten Frau die Rede ist. Als Jesus diese Frau aufrichtet, da stehen die Gebeugten auf. Halleluja wird gesungen und das Lied der Bürgerrechtsbewegung »We shall overcome«. Die Spannung steigt, als eine lange Buskolonne zum Vatikan aufbricht.

»Es ist das erste Mal in unserer Geschichte kritischer Katholiken in Italien, daß die Polizei uns freundlich mit Blaulicht eskortiert«, sagt Luigi Sandri und schmunzelt. Sandri und viele Frauen und Männer aus der römischen Basisgemeinde St. Paul haben ein Jahr lang die erste weltweite KirchenVolksBegegnung vorbereitet. Wird der Papst den Brief mit den Forderungen von Wir sind Kirche entgegennehmen? Mehrfach hatten Elfriede Harth, Thomas Plankensteiner, Schwester Maureen Fiedler und Luigi de Paoli, die internationalen Sprecher von Wir sind Kirche, in Briefen den Papst darum gebeten. Und siehe: Die Kirchenreformer werden auf den Petersplatz gelassen. Nur die Transparente müssen draußen bleiben. Nicht jedoch die Lieder, die den Heiligen Geist anrufen und die Kirchenreform fordern.

Konfrontation am Bronzetor. Rüde weisen vatikanische Sicherheitsbeamte und Schweizer Gardisten die KirchenVolksBegehrens-Sprecher ab. Hinter ihnen haben sich die 500 Delegierten aus aller Welt versammelt und singen. Elfriede Harth blieb hartnäckig. Mit Erfolg. Die drei internationalen Sprecher der KirchenVolksBewegung wurden eingelassen und übergaben dem ungarische Benediktinerpater Adam Somoryai vom vatikanischen Staatssekretariat den Brief der Kirchenreformbewegungen an den Papst. Adam sagt zu, am selben Tag wird der Papst den Brief lesen. Unterdessen mischt sich der Chef der deutschen Abteilung von Radio Vatikan, Pater Eberhard von Gemmingen, unter die KirchenVolksBegehrer. Er meint, daß man »ganz oben« im Vatikan höchst genau die Reformbewegung der Katholiken verfolge. Die Erklärung liegt nahe: Alle Bewegungen in der Weltkirche werden von Bischöfen oder Oberen kontrolliert. Einzig die entstehende Reformbewegung ist nicht von oben steuerbar. Sie wächst von unten, aus dem Kirchenvolk, findet sich über Kontinente hinweg zusammen und wird stärker. Das beunruhigt. Das wirkt auf die leitenden Herren im Vatikan. Mahlfeier und Gottesdienst. Als Kirche dient eine nach allen Seiten hin offene Halle auf dem Großmarkt Mercato Generali. Dahinter zwölf Stockwerke hohen Mietskasernen. Die Gemeinde der Kirchenreformer bietet ein buntes, bewegtes Bild. Auf leeren Gepäckwagen, erhöht, sitzt die zweite Reihe der Mitfeiernden, unter ihnen Theologie-Professoren wie etwa Norbert Greinacher. Pavel Gajewski, ein junger polnischer Priester, steht dem Gottesdienst vor – auf Polnisch, Italienisch und Deutsch. In sieben Sprachen wird gefeiert und gesungen. Wer sein Gebet gesprochen hat, tritt an seinen Platz zurück. Alle feieren gemeinsam, alle sprechen die Worte des Hochgebetes mit. Kraft, Ermutigung und Zuversicht gehen von diesem Gottesdienst von Wir sind Kirche aus. Während in Rom gebetet und gefeiert wurde, fasteten in Los Angeles verheiratete Priester in Solidarität und Gebet mit der KirchenVolksBegegnung in Rom. In Irland, England, den Niederlanden und in Deutschland versammelten sich vielerorts Katholikinnen und Katholiken, um für eine offenere und glaubwürdigere Kirche zu beten.

Thomas Seiterich-Kreuzkamp





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