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24.2.2012 - Süddeutsche Zeitung
„Es ist positiv, wenn sich so viele engagieren“


Generalvikar Peter Beer über den schwierigen Dialog mit katholischen Laien, notwendige Reformen und schrumpfende Gemeinden

Noch diese Woche sollen die kommentierten Empfehlungen des Zukunftsforums veröffentlicht werden. Die Vorfreude ist trotzdem gedämpft. Generalvikar Peter Beer erklärt, warum die Gläubigen so lange auf Antworten warten mussten.

Als Kardinal Marx vor drei Jahren das Zukunftsforum einberufen und die Gläubigen zum Dialog aufgerufen hat, gab es eine richtige Aufbruchstimmung. Davon ist nicht viel geblieben, stattdessen rumort es in der Diözese, viele sind enttäuscht. Was ist schief gelaufen?

Es sind viele Ereignisse passiert, die nicht vorhersehbar waren und die den ganzen Prozess beeinflusst haben. Das Jahr 2010 hat mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle unglaublich viele Kräfte gebunden. Das schwerwiegendste und traurigste Ereignis war der Tod des Leiters des Projektbüros, Diakon Ulrich Reitinger, der die Seele des Unternehmens im operativen Geschäft war, etwa was die Kommunikation betraf. Einen solchen Verlust kann man nicht so einfach wegstecken. Hinzu kamen weitere Fragen, die man nicht beiseite schieben konnte, etwa die Reform des Ordinariats, die aus rechtlichen und anderen Gründen dringend notwendig war. Dadurch ist es natürlich zu Verzögerungen gekommen. Es hätte besser und schneller laufen können.

Bei der Diözesanversammlung in Freising hat Kardinal Marx dem Begriff Demokratie eine Absage erteilt. Welches Ziel hat der Dialog, wenn über demokratische Prozesse nicht gesprochen wird?

Das ist so nicht richtig. Kardinal Marx sprach sich für synodale Prozesse aus. Er ist aber dagegen, Demokratie als politische Größe ohne Differenzierung in theologische Kontexte zu übertragen. Es geht um die Frage, welche Formen der Beteiligung es bei der Gestaltung des Zukunftswegs der Kirche gibt. Das ist die Kernfrage, die wir auch sehr ernst nehmen. Die unterschiedlichen Charismen, Kompetenzen und Fähigkeiten, die wir in der Kirche haben, sollen fruchtbar gemacht werden, um die schwierige Lage bewältigen zu können, in der sich die Kirche und die Gesellschaft befinden.

Haben Sie nicht damit gerechnet, dass so viele an dem Dialog teilhaben wollen und die Erwartungen so groß sind?

Wir haben in der Tat eine Masse von Rückmeldungen bekommen und uns die Frage gestellt, wie wir damit umgehen sollen. Die Vielfalt der Rückmeldungen war schon überraschend, hat uns aber auch sehr gefreut! Es ist positiv, wenn sich so viele engagieren. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn man teilweise vor lauter Empfehlungen, Ratschlägen und Tipps, die sich manchmal auch widersprechen, fast erdrückt wird.

Hat sich das Ordinariat letztlich zu viele Reformen auf einmal aufgeladen?

Was ist die Alternative? Es ist genau so, wie wenn ein Haus brennt und sie fahren mit dem Feuerwehrwagen vor und sagen, jetzt kümmere ich mich mal ausschließlich darum, dass der Schlauch gerade liegt. Dann überprüfen wir nach Vorschrift, ob der Schlauch mit der DIN-Norm übereinstimmt und fangen dann damit an, das Erdgeschoss zu löschen. Dann warten wir, bis das gelöscht ist und diskutieren dann darüber, wie wir uns in den ersten Stock vorkämpfen. So läuft es nicht und so ist es auch hier nicht gelaufen. Wir stellen uns unserer Verantwortung und packen bei allen eigenen Grenzen die Dinge an.

Warum hat denn die Bistumsleitung nicht gleich gesagt, wir brauchen mindestens ein Jahr, um auf die Empfehlungen des Zukunftsforums zu antworten?

Das kann sein, dass das ein Fehler war. Es war so viel guter Wille da, den Erwartungen und Hoffnungen möglichst zeitnah gerecht zu werden und dem auch in möglichst übersichtlichen Zeitangaben Ausdruck zu verleihen. Es hat halt dann leider nicht geklappt. Das Motiv war gut, der Effekt suboptimal. Manche fühlen sich gegängelt, manche hingehalten, manche enttäuscht. Das tut mir leid, ich kann es verstehen. Es bleibt nichts anderes übrig, als ins Gespräch zu kommen und auch die Enttäuschungen zu thematisieren.

Wann werden die kommentierten Empfehlungen denn nun veröffentlicht?

Die Kommentierungen sind abgeschlossen. Sie werden am heutigen Freitag im Internet veröffentlicht.

Wie stehen Sie zum Ultimatum von „Wir sind Kirche“, das am Aschermittwoch abgelaufen ist?

Ultimaten sind meiner Meinung nach nicht der Stil, den wir pflegen sollten, um miteinander zu kommunizieren. Wir haben mit dem Diözesanrat eine demokratisch legitimierte Vertretung der Laien und mit ihm finden kontinuierlich Gespräche statt. Und ich sehe keine Notwendigkeit neben diesem Gremium einen anderen Kommunikationsstrang mit dieser Gruppe zu beginnen.

Hat man Angst vor „Wir sind Kirche“?

Nein, warum? Strittige Themen anzusprechen ist richtig, wobei meiner Meinung nach gilt: Es hat nicht Recht, wer am lautesten schreit. Es geht darum, die Anliegen zu verstehen, die hinter bestimmten Forderungen stehen, und sie theologisch einzuordnen und differenziert zu diskutieren.

Auch von Pfarrern kommt Kritik. Sie haben das Gefühl, dass Sie ihnen eine Strukturreform der Pfarreien aufzwingen, aber nicht mit ihnen reden.

Ich bestreite nicht, dass diese Situation eine einschneidende Veränderung darstellt, und es auch manchmal Ratlosigkeit gibt. Man war es bisher gewohnt, dass sich wenig ändert. Daher sind solche großen Veränderungen auch für viele eine persönliche Herausforderung. Heute werden im Vergleich zu bisher manche Fragen vor dem Hintergrund der Veränderungen virulenter wie: „Welches Ziel möchte ich erreichen?“, „wie arbeite ich mit einem Team zusammen?“, „welche Führungsqualitäten habe ich?“ oder „wohin möchte ich mich persönlich entwickeln?“. Das ist eine Herausforderung, die mit Ängsten, Unsicherheiten und Enttäuschungen verbunden ist. Das führt zu einer großen Ernsthaftigkeit und Tiefe in der Diskussion darüber, wie wir uns selbst verstehen.

Viele Pfarrer sagen, dass sie bei diesem Prozess nicht ausreichend begleitet und beraten worden sind.

Wir haben die Regionalteams, die vor Ort zuständig sind und an deren Spitze ein Weihbischof steht. Wir haben die Gemeindeberatung und die Supervision und wir haben verschiedene Studientage, etwa für die Seelsorger und Seelsorgerinnen. Dass das jetzt nicht jeder, alles auf einmal, sofort und zum gleichen Zeitpunkt hat, ist auch klar. Dennoch gilt: Wir müssen alles unternehmen und uns weiter anstrengen, um möglichst umfassend Unterstützung anzubieten. Dies bedeutet für das Ordinariat die neue Aufgabe des change managements. Erste verstärkte Ansätze dazu haben wir mit der Einrichtung eines Grundsatzressorts verwirklicht. Hier sollen Unterstützungsmaßnahmen konzipiert, gebündelt und geplant werden. Qualitätssicherung und Organisationsentwicklung werden hier angegangen. Ich hoffe sehr, dass damit ein Beitrag dazu geleistet wird, unsere Leute vor Ort dauerhaft bedürfnisgerecht zu begleiten.

Viele Pfarrer fürchten, abgestraft zu werden, wenn sie Kritik offen äußern. Müssen Pfarrer Angst vor der Bistumsleitung haben?

Nein. Dennoch möchte ich als Generalvikar schon noch kritisch anmerken dürfen, wie wir miteinander kommunizieren. Wenn man sich dazu entschließt, nicht miteinander zu reden, sondern beispielsweise in der Zeitung möglichst schlecht übereinander, dann finde ich das weniger prickelnd. Es geht nicht darum, Kritik zu unterbinden oder zu vertuschen. Es geht darum, mit Kritik verantwortlich und konstruktiv umzugehen und zwar auf beiden Seiten. Die Pfarrer haben das Recht und die Pflicht, vom Ort ihres Wirkens aus die Situation in Loyalität zu ihrer Gemeinde zu bedenken, aber es gibt auch noch die Perspektive, die das Ganze im Blick behalten muss und auch die Loyalität zum Bischof miteinschließt.

Was sagen Sie Pfarrern, die das Gefühl haben, zu Managern von Pfarrverbänden zu verkommen?

Gewisse Managementaufgaben gehören mit dazu, aber primär sollte der Priester ein spiritueller Mensch sein, der für die Seelsorge da ist. Auf Grund der aktuellen Entwicklungen lässt sich aber das Problem nicht verschweigen, dass Ideal und Realität auf Grund der Aufgabenfülle oft fast unweigerlich auseinanderklaffen. Jeder muss sich daher die Frage stellen, wo er Schwerpunkte setzen und was er delegieren kann. Dazu müssen wir auch ein Modell für die kooperative Seelsorge befördern. Das alles sind Lern- und Entwicklungsprozesse, die mit Sicherheit noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Ich vertraue unseren Seelsorgern und Seelsorgerinnen, Haupt- und Ehrenamtlichen, dass wir gemeinsam weiter kommen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir gute Leute haben, die selbstbewusst mit großer Verantwortung und viel Kreativität sich den verschiedenen Herausforderungen mit großem persönlichem Einsatz stellen.

Aber der katholischen Kirche bleibt doch nichts anderes übrig, als stärker auf Laien auch in der Gemeindeleitung zu setzen?

Wir haben Gemeinden, die immer kleiner werden. Da ist man auf Kooperation angewiesen, und außerdem gibt es in begründeten Ausnahmen Gemeinden, wo Laien unter bestimmten Bedingungen für einen klar begrenzten Zeitraum in der Gemeindeleitung neben einem priesterlichen Leiter tätig sind.

Wenn die Gemeinden immer kleiner werden und Leute noch weiter fahren müssen, um in den Gottesdienst zu gehen, riskiert die Kirche dann nicht noch mehr Gläubige zu verlieren?

Das ist ein gewichtiger und immer wieder vorgebrachter Einwand, und wir müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen. Es gilt zu fragen, was heißt hier weit fahren? Was ist Gottesdienst? Wie wird Gemeindeleben gestaltet? Was macht sinnerfülltes Gemeindeleben aus? Einfache Antworten auf schwierig e Fragen, wie zum Beispiel die Weglänge direkt proportional zur Zahl der Gläubigen zu sehen, werden nicht weiterführen.

Interview: Franziska Brüning und Christian Krügel Generalvikar Peter Beer verteidigt die geplanten Reformen im Erzbistum – und setzt auf weitere Gespräche mit den Kritikern. Foto: Alessandra Schellnegger





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