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11.7.2011 - Süddeutsche Zeitung
Katholische Kirche will Gläubige ernster nehmen


Dialogforum fordert neuen Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen / Missbrauchsfälle werden geprüft

Von Matthias Drobinski

Mannheim – Die katholische Kirche soll die Gläubigen häufiger an Entscheidungen beteiligen, sie soll die Rolle der Frauen stärken und anders als bisher mit Geschiedenen und Homosexuellen umgehen – dies fordert die Mehrheit der 300 Delegierten eines Gesprächsforums der Deutschen Bischofskonferenz in Mannheim. Mit dem Forum haben die katholischen Bischöfe einen Dialogprozess begonnen, der bis zum Jahr 2015 gehen und die Kirche aus der Krise führen soll, in die sie durch das Bekanntwerden zahlreicher Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche geraten ist.

Die Teilnehmer des Gesprächsforums, an dem zwölf Bischöfe und 13 Weihbischöfe teilnahmen, zogen insgesamt ein positives Fazit. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagte, man nehme die Wünsche der Delegierten ernst. Die Kirche müsse wieder sprachfähig werden, es gelte, das „Priestertum aller Gläubigen“ neu zu entdecken. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der gemeinsam mit Marx und dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck das Treffen vorbereitet hatte, sagte, das Treffen werde nicht folgenlos bleiben, „das kann man nicht in die Tube zurückdrücken.“ Overbeck betonte, das Dialogforum habe die große Gemeinschaft des katholischen Glaubens sichtbar gemacht. Es bestehe kein Anlass, von einer sich spaltenden Kirche zu reden. Allerdings müsse man bei der Debatte in Deutschland auch die Belange der Weltkirche berücksichtigen.

Auch die Vertreter der katholischen Verbände lobten den Auftakt des Prozesses und die Offenheit der Gespräche. Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sagte, man habe eine „ernsthafte Diskussion mit Tiefgang geführt, ohne einander anzuklagen“. Einig sei man sich auch in der Situationsanalyse gewesen. Wenn aber in den kommenden zwei Jahren sich nichts ändere, befürchte er, dass eine „Kultur der Folgenlosigkeit“ entstehe. Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Dirk Tänzler, bedauerte, dass weniger als die Hälfte der Bischöfe an dem Treffen teilgenommen haben. Christian Weisner, Sprecher der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“, blieb kritisch: „Wir brauchen jetzt Ergebnisse“, sagte er. Dass konservative Bischöfe wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht in Mannheim gewesen seien, erinnere ihn an eine Eheberatung, „zu der nur ein Partner kommt.“

Die 300 Delegierten hatten die Bischöfe aus den katholischen Gemeinschaften, Laienvertretungen und Verbänden ausgewählt, hinzu kamen Vertreter der Priester, Orden und der Hochschulen. In diesem Jahr soll die Situationsanalyse im Mittelpunkt ihrer Beratungen stehen, in den kommenden Jahren die „Verantwortung der Kirche in der freien Gesellschaft“, die „Verehrung Gottes heute“ und das Glaubenszeugnis in der Welt; im Jahr 2015, 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, soll der Beratungsprozess abgeschlossen sein.

Am Mittwoch werden die Bischöfe offiziell erklären, dass sie das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen beauftragt haben, die Missbrauchsfälle in den Bistümern umfassend zu untersuchen. Das Institut soll Zugriff auf sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre in den 27 deutschen Diözesen erhalten, meldet der Spiegel; in neun Bistümern sollen sogar Akten bis ins Jahr 1945 zurück ausgewertet werden.





Meinungsseite (Seite 4)

Im Zeichen der Schildkröte
Erstmals nach 40 Jahren befasst sich die katholische Kirche auf breiter Basis mit ihrer Zukunft

Von Matthias Drobinski

Es ist ein großer Schritt für die Bischöfe und ein kleiner für die katholische Kirche. Ein Teilnehmer hat das Ergebnis eines Treffens in Mannheim so auf den Punkt gebracht: Die Kirche will in den kommenden fünf Jahren herausfinden, wo sie steht, wie sie ihre Botschaft den Menschen nahe bringen kann und wie es überhaupt weitergeht mit der größten Institution der Bundesrepublik. Ja, tatsächlich, es war ein großer Schritt für viele Bischöfe, für konservative Hirten wie den Limburger Franz-Peter Tebartz van Elst genauso wie den liberalen Stuttgarter Gebhard Fürst. Sie haben sich in wechselnde Stuhlkreise gesetzt und zugehört, was die 300 geladenen Katholiken, das treue Kirchenvolk, ihnen zu sagen haben. Sie haben die Wünsche registriert: Die Kirche solle wieder sprachfähig werden, sich auch Geschiedenen oder Homosexuellen zuwenden, das Kirchenvolk will stärker an Entscheidungen beteiligt werden. Und entgegen den ursprünglichen Planungen saßen nicht nur Bischöfe in der Abschluss-Pressekonferenz, sondern auch Vertreter der Delegierten.

Vierzig Jahre ist es her, dass die katholische Kirche in Deutschland sich zum letzten Mal auf derart breiter Basis so intensiv mit der eigenen Zukunft befasst hat: Im Januar 1971 kamen ebenfalls 300 Frauen und Männer zusammen, Bischöfe, Theologen und Laien, im Würzburger Dom zu einer Synode, die 1975 endete. Der Vergleich mit damals ist so ungerecht wie erhellend. In Würzburg trafen sich die Vertreter einer Kirche im Aufbruch, optimistisch und manchmal auch ein bisschen naiv. Die katholische Kirche war noch tief und selbstverständlich in der Gesellschaft verankert, und auf höchstem intellektuellen Niveau diskutierte der katholische Sachverstand jene insgesamt 18 Beschlüsse, die zur Grundlage der kirchlichen Arbeit wurden.

Heute sitzen Betroffene im Stuhlkreis und bilanzieren eine tiefe Krise, in der die Kirche steckt. Da sind die Missbrauchsfälle, die im vergangenen Jahr offenbar wurden; das genaue Ausmaß soll nun das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen ermitteln. Da sind die Austrittswelle und der demographische Wandel; einer Kirche anzugehören, das ist längst nicht mehr selbstverständlich. Viele Themen sind die gleichen wie vor 40 Jahren: die Rolle der Frauen und der Laien, die Bewertung von Sexualität und Homosexualität, die Frage nach Gott in der modernen Gesellschaft. Das ist das Elend katholischer Dialog-Versuche: Eine ganze Generation ist vergangen, ohne dass sich etwas geändert hat, weder an den Forderungen der Reformer noch am Nein der obersten Kirchenleitung in Rom. Das macht die Diskussionen oft bitter - und arm an Intellektualität und Überraschung. Anders als die Würzburger Synode werden diesmal, am Ende des Prozesses im Jahr 2015, keine verbindlichen Beschlüsse stehen. Es droht die gut organisierte Enttäuschung: Die Bischöfe hören zu, sammeln Vorschläge und Visionen - und lassen sie dann liegen, weil sie nichts ändern wollen, weil sie nichts ändern können.

So gesehen ist er klein, der Schritt, den die katholische Kirche an diesem Wochenende getan hat. Nur knapp die Hälfte der Diözesanbischöfe ist nach Mannheim gekommen. Ob die anderen den Prozess mittragen oder ob sie ihn für Gelaber halten, oder gar für den Versuch, gegen Rom faktisch eine deutsche Nationalkirche zu profilieren, muss sich erst noch zeigen. Andererseits - was wäre die Alternative? Weitermachen wie bisher und die Sorgen in den Gemeinden als undankbare Meckerei abtun? Das Problem fromm erklären, wonach es doch viel wichtiger sei, zu beten und über Gott zu reden als über Strukturen - ganz so, als ob das eine das andere ausschlösse? Sich beleidigt zurückziehen und die böse kirchenfeindliche Welt beschimpfen? Dann sollten die Katholiken in Deutschland doch besser die Schildkröte zu ihrem Wappentier machen: Mühsam ist"s, es gibt einen dicken Panzer, aber es geht voran.





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