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8.5.2010 - DIE ZEIT
Laienbewegung der Kirche. Die zweite Reformation


von Klaus Harpprecht

Während das Kirchenvolk auf Wandel drängt, bleiben die katholischen Hierarchen stur. Die engagierten Laien können Europas Kirche aus den Angeln heben



© Rolf Haid dpa/lsw
Mitglieder der katholischen Laienbewegung "Wir sind Kirche" halten eine Mahnwache


Dem Papst ist »eine Kirche der kleinen, aber treuen Schar« lieber als »die große Menge Halbentschiedener«. Das hat Benedikt XVI. in einer Aufwallung frommen Trotzes gesagt, als er noch Josef Ratzinger hieß und der vatikanischen Glaubenskongregation vorstand. Es ist wahr: Die Heilige Schrift sagt von den Lauen, dass sie ausgespien werden aus dem Munde des Herrn. Aber haben sich die Wankelmütigen nicht längst von der Kirche gelöst? Es sind, neben alten Mütterchen und konservativ versteinerten Greisen, eben nicht die »Lauen«, sondern die Entschiedenen, die unterm Kreuz ausharren – freilich in wachsender Opposition zur vatikanischen Orthodoxie.

»Wir sind Kirche« nennen sie wohlbedacht ihre »KirchenVolksBewegung«, deren bekennende Anhängerschaft längst die Millionenmarke überschritten hat. Diese Katholiken betrachten sich nicht als Randfiguren in der altehrwürdigen Kathedrale römischer Konfession. Sie lassen sich nicht als Sektierer belächeln. Sie sagen von sich selber, dass sie dem Herzen der Kirche näher sind als die Hierarchen, näher als der allzu deutsche Papst, der seinen Kritikern mit gefrorener Seele begegnet, näher als die Bischöfe, die sich am Ende stets gehorsam den vatikanischen Ordnungsrufen fügen, manche widerstrebend, manche heimlich maulend, andere freilich – wie die Erzbischöfe von Regensburg, Köln oder Augsburg – dankbar für die Rechtfertigung.

Die aufbegehrenden Laien und einige couragierte Priester sehen sich als »kleine Schar« – jedoch nicht als jene verschworene Gemeinschaft der Unbeirrten, von der Josef Ratzinger sprach, nicht als die Festungswachen, die jedem misstrauen, der an die Pforten klopft. Sie sind eine Schar, die auf Reformen drängt, und sie könnten die Mehrheit von morgen sein. Sie sind die Saat, die aufgehen muss, wenn die Kirche leben soll. Unerschrocken wehren sie sich dagegen, dass Benedikt mit seinem hartköpfigen Widerstand gegen jede essentielle Veränderung die Katholiken weiter ins Abseits befördert. Nur noch elf Prozent aller deutschen Bürger »vertrauen« der katholischen Kirche, der offiziell 26 Millionen Menschen angehören. Die Zahl hat sich seit 1990 um mehr als acht Prozent verringert. Jedes negative Signal provoziert eine neue Austrittswelle. Fatal sind, so zeigte die gereizte Debatte über die Schläge, die Bischof Walter Mixa einst als Pfarrer austeilte, Leugnen, Lügen und halbherzige Geständnisse.

Es gibt keinen Zweifel, dass die Versündigungen in katholischen Internaten und in den Sakristeien die Kirchenflucht antreiben. Die Erstarrung des Papstes aber, als der Proteststurm um die Kirchtürme zu fegen begann, tat das Ihre. Kannte er nicht die Abwege seiner geistlichen Brüder genau genug? Fragte sich das Haupt der Glaubenskongregation, die als Erbinstanz der Inquisition auch über eine sittenrichterliche Autorität verfügt, denn niemals, was enthaltsame Wächter der Keuschheit dazu qualifiziert, über die Verfehlungen des Fleisches zu urteilen? Die Tradition, die seinen Instinkt geprägt hat, gebot ihm Schweigen. Es brauchte massive Pressionen, ehe er sich zum Gespräch mit den Opfern bereit fand – auf der entlegenen Mittelmeerinsel Malta, von den Medien abgeschirmt.

Schon einmal verweigerten Priester und Laien dem Vatikan den Gehorsam

Diese Unbeweglichkeit aber vertieft den Graben zwischen Kirchenoberen und Kirchenvolk und verleiht auch der Debatte über den Zölibat neue Dringlichkeit. Über 80 Prozent der deutschen Katholiken forderten schon Jahre vor den öffentlichen Skandalen die Abschaffung des Zölibates. Das Heirats- und Sexverbot bestimmt vor allem die Scheu junger Männer vor dem Beruf des Priesters. Die Folgen: Die Zahl der katholischen Geistlichen verminderte sich seit 1990 um fast ein Drittel. Die Seelsorge verkümmert. Nur noch jede dritte Gemeinde verfügt über einen ortsansässigen Pfarrer.

Es ist keineswegs undenkbar, dass die Zölibatsdebatte zum Auftakt einer großen Reform wird, die – zumindest im nördlichen Europa – eine zweite Reformation einleiten könnte. Die Resistenz des Vatikans wird das Verlangen nach dem Wandel nur steigern. So nahm das Kirchenvolk zornig zur Kenntnis, dass der Regensburger Erzbischof Müller kurzerhand den Diözesanrat und die Dekanatsräte abschaffte. Umso entschiedener bestehen die Oppositionsbewegung »Wir sind Kirche« und das »Zentralkomitee der deutschen Katholiken« auf dem Mitspracherecht der Laien, auch bei der Wahl von Bischöfen – und werden von mehr als 80 Prozent des Kirchenvolkes unterstützt. Über 70 Prozent sprechen sich für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt aus.

Nein, die engagierten Laien beugen sich nicht länger devot den Befehlen des Vatikans. So weigerte sich die »KirchenVolksBewegung«, dem Geheiß des Heiligen Vaters zu folgen und auf die Beratung in Schwangerschaftskonflikten zu verzichten. Ihre Mitglieder kümmern sich auch nicht um das Verbot, das Abendmahl nach protestantischem Ritus zu feiern oder die evangelischen Brüder und Schwestern an der katholischen Kommunion teilnehmen zu lassen – obschon die Priester, die vor sieben Jahren beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin zum gemeinsamen Eucharistie-Gottesdienst riefen, von ihren Bischöfen mit harten Strafen heimgesucht wurden. Der Prominenteste unter den Unbotmäßigen, der Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl, wurde vom Priesteramt suspendiert und verlor die Lehrbefugnis.

Der deutsche Professor Ratzinger hingegen, der sich vorzugsweise in der geordneten Welt theologischer Abstraktionen aufhielt (es sei denn, dass es die vatikanischen Intrigen zu meistern galt), verschließt sich beharrlich den Realitäten dieser Welt. Er scheint nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass sich sein europäisches Kirchenvolk nicht im Geringsten um die geistlichen Weisungen gegen die Empfängnisverhütung kümmert. Die römischen Nachbarn des Vatikans halten es mit dem deutschen Satiriker Erich Kästner, der einer seiner Liebsten heiter melancholisch zurief: »Komm, lass’ uns den Geburtenrückgang pflegen und mach’ den Vorhang zu« – des Papstes wegen –, »damit er es nicht sieht!« Tatsächlich hat die Geburtenrate Italiens im vergangenen Jahr den deutschen Tiefstand erreicht, und das einst erzkatholische Spanien ist nicht mehr weit davon entfernt. Man tut, als ob.

Doch die Kirchenopposition will die fatale Gewohnheit, sich blind zu stellen, nicht länger hinnehmen. Es entging ihr nicht, dass der Pontifex bei seiner Afrikareise angesichts des millionenfachen Sterbens an der Aids-Seuche keine Veranlassung sah, das dogmatisch starre Verbot der Kondome aufzuheben. Damit versagte er den Afrikanern ruhigen Gewissens das einzig verfügbare Mittel, die Epidemie in Schach zu halten.

Die Protestbewegung »Wir sind Kirche« beginnt nun, in andere Kontinente hinüberzuwirken. Zumal in Südamerika entstehen Inseln des Widerstandes. Benedikt selber sorgte für Unmut, als er den Indios einreden wollte, dass ihre Ahnen die Ankunft der Boten Jesu Christi an ihren Gestaden voller Sehnsucht erwarteten. Vor den Mönchen aber gingen die conquistadores an Land, und mit ihnen brachen Mord, Sklaverei, die Gier nach Gold und tödliche Seuchen herein. Der tapfere Bischof Las Casas, der heute als »Befreiungstheologe« gälte, war im 16. Jahrhundert ein unbestechlicher Zeuge der Kolonisation. Während er seine Berichte über die Gräuel schrieb, berieten die hohen geistlichen Herren im Vatikan, ob Indianer eine Seele hätten oder nur menschenähnliche Tiere seien.

Der »Vertrauensverlust ohnegleichen«, von dem Hans Küng kürzlich schrieb, ist nicht nur eine Prüfung für den europäischen Katholizismus: Er wird künftig auch die Milliarde katholischer Christen draußen in der Welt nicht unberührt lassen. Zu Recht fordert der Tübinger Rebell die Einberufung eines neuen Konzils. Denn Papst Benedikt scheint das zweite Vatikanum entschlossen zu korrigieren. Die Indizien sind unübersehbar: Wiederaufnahme der modernefeindlichen Piusbrüder, Aufwertung der Tridentinischen Messe, die von Benedikt selber in Latein und mit dem Rücken zur Gemeinde gelesen wurde, samt Aufruf zur Bekehrung der Juden. Die Anmaßung hat eine düstere Vorgeschichte, da ohne sie der religiös begründete Judenhass und die mittelalterlichen Pogrome nicht denkbar gewesen wären. Küngs Appell kann in der Tat das Signal für eine zweite Reformation sein. Sie muss keine Spaltung bedeuten, wenn die europäischen Bischöfe und endlich auch der Papst begreifen, dass die Kirche ohne eine tief greifende Reform zur Randexistenz in unserer Gesellschaft verurteilt ist.

Die wichtigste Forderung der Reformer lautet: dass der alte Herr auf dem Stuhl Petri dem Anspruch des absoluten Gehorsams und dem Dogma der Unfehlbarkeit entsagt. Außerdem müssten die Bischöfe sich bereit erklären, die Heirat ihrer Priester zu dulden, ohne ihnen das Amt zu entziehen. Ein drittes Konzil, wie Küng es fordert, sollte mit der Reform der Liturgie, der Sicherung religiöser Toleranz, der Förderung der Ökumene und des interreligiösen Dialogs beauftragt werden.

Die Kritiker werden wieder zur Kirchenspaltung getrieben

Luthers Reformation war seinerzeit als Kampf gegen den Ablasshandel in die Welt getreten. Doch der abtrünnige Augustinermönch wollte keineswegs eine Spaltung der Kirche. Der Widerstand des Vatikans gegen die innere Reinigung ließ ihm keine Wahl. So könnte die heutige Zölibatskrise das auslösende Element der zweiten Reformation werden, zumal das kritische Kirchenvolk eine neue Gemeinsamkeit mit den Kirchen der ersten Reformation anstrebt, während Papst Benedikt sich von ökumenischen Gesprächen mit den Protestanten fernhält. Das ist eine ungute Konsequenz seiner Isolierung hinter dem Panzerglas des theologischen Traditionalismus. Er bringt damit seine Kirche, gegen alle Absicht, dem Protest und dem Protestantismus näher.


URL: www.zeit.de/2010/19/Reformation





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