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Hannover/Fulda, 21. September 2004
O f f e n e r
B r i e f
an die
Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Sehr geehrte Herren Bischöfe!
Im Mittelpunkt Ihrer
Beratungen auf der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im
Bonifatius-Jubiläumsjahr stehen die Mission und die Glaubensweitergabe in
unserer Gesellschaft.
Voraussetzung für jede Mission ist ein lebendiger
Glaube. Angesichts der weitverbreiteten
tiefen innerkirchlichen Resignation – gerade auch bei den haupt- und
ehrenamtlich Tätigen – erwartet das Kirchenvolk deshalb jetzt von Ihnen eine
ehrliche Offenlegung der Lage der Kirche in Deutschland:
· Ungezählten Menschen wird
das Glauben in der Kirche durch das
Festhalten an überholten kirchlichen Strukturen erschwert oder gar unmöglich gemacht. Hunderttausende haben schon
durch ihre Kirchenflucht ein Zeichen gesetzt, Millionen haben sich in die
innere Emigration zurückgezogen. Die junge Generation tut sich schwer, das Wort
der Kirche im Glauben anzunehmen. Besonders
Frauen finden es zunehmend unerträglich, wie sehr sie durch die patriarchal
bestimmten kirchlichen Strukturen in ihrem Bemühen gehindert werden, ihre
Berufungen und ihren Glauben noch in der Kirche zu leben.
· Durch den dramatisch
zunehmenden Priestermangel befindet sich die Pastoral in einem epochalen Umbruch, auf den die Kirche in Deutschland
nicht vorbereitet ist. Die kirchenrechtliche Verknüpfung von Amt und
Gemeindeleitung führt dazu, dass die Hälfte unserer Pfarreien in naher Zukunft
ohne ordinierte Seelsorger und regelmäßige Eucharistiefeier sein wird – oder
gar nicht mehr existieren wird. Statt Vertrauen in die Kompetenz des
Kirchenvolkes zu zeigen und mehr Verantwortung in seine Hände zu legen, werden
immer wieder priesterzentrierte Pastoralkonzepte vorgelegt, die den bevorstehenden Kollaps der Seelsorge und
der Gemeindestrukturen verschleiern und sich als Sackgasse erweisen. Die
Überbrückung der Notlage durch ausländische Seelsorger ist keine Lösung!
· Die Verlautbarungen des Vatikans – hingewiesen sei nur auf die jüngste
Liturgie-Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ und das von der
Glaubenskongregation mit Approbation des Papstes veröffentlichte Schreiben
„Über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt“ – vertiefen
die Kluft zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk immer mehr.
· Die Zahl der Menschen und
Gemeinden, die innerkirchliche Reformen wie die Frauen-Ordination oder die
Aufhebung des Pflichtzölibats fordern, wird immer größer. Zahlreiche Voten
von Räten, Kommissionen, Verbänden, Synoden und Pastoralgesprächen und
nicht zuletzt der große Zuspruch zu reformorientierten Veranstaltungen des
diesjährigen Katholikentags in Ulm zeigen die Notwendigkeit von Reformen
immer deutlicher.
Die römisch-katholische Kirche steht vor
dramatischen Herausforderungen, die nur von Kirchenvolk und Bischöfen gemeinsam
bewältigt werden können. In dieser Situation fordern wir Sie als Bischöfe auf,
im Sinne des Apostel Paulus „nicht als Herr über den Glauben, sondern als
Diener unserer Freude” zu handeln (2 Kor 1,24):
· Wer die Erneuerung des Glaubens
und der Verkündigung des Evangeliums will, kann dies glaubwürdig nur unter
Einschluss struktureller Reformen tun. Glaubensfragen
und Strukturfragen dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Offenheit und Transparenz sind unabdingbare Voraussetzungen, um auf lange Sicht
wieder das Vertrauen der Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen zurück zu
gewinnen.
· Der jetzt stattfindende
„Kirchenumbau“ darf nicht veraltete Strukturen stabilisieren, sondern muss an
den wirklichen Herausforderungen der Zeit und den Bedürfnissen der Menschen Maß
nehmen. Bei allen Sparmaßnahmen ist danach zu fragen, welche pastoralen und
spirituellen Auswirkungen sie für die Gläubigen haben. Kirche muss den Menschen
nahe bleiben.
· Nur wenn die Kirchenmitglieder
an den Entscheidungsprozessen mitwirken können, werden sie die notwendigen
Änderungen auch mittragen und mitverantworten. Die gegenwärtige Finanzkrise
kann neue christliche Phantasie frei setzen. Eine mehr auf das ganze Volk
Gottes begründete Kirche bietet neue prophetische Chancen.
Statt Resignation und
Frustration brauchen wir wieder eine offene, den Menschen zugewandte,
erfreuliche und erfreuende Kirche. Zeigen Sie deshalb in christlicher
Zuversicht den Mut:
· die so genannten Laien
in ihrem Engagement für die Weitergabe des Glaubens zu bestärken und den
Priestermangel als Chance für ein neues Bewusstsein der Mit- und
Selbstverantwortung in den Gemeinden zu verstehen!
· das Drängen der Frauen als
Zeichen von Identifizierung mit der Kirche zu sehen. Gerade die Visionen von
Frauen für ein erneuertes Amt bieten Chancen für eine zukunftsweisende
Pastoral!
· den Jugendlichen – auch bei der Vorbereitung des katholischen
Weltjugendtages 2005 – Freiräume
für Gestaltungsmöglichkeiten und Eigenverantwortung zu gewähren, da nur
so eine Beheimatung in der Kirche gelingen kann!
· das Engagement gerade
auch kritischer Katholikinnen und Katholiken als klares Zeichen der Liebe
zur Kirche und als Alternative zu tatsächlicher oder innerer Emigration und zu
erkennen!
· die besondere Verantwortung für die Ökumene in unserem Land, von dem
die Reformation ausgegangen ist, zu ergreifen und ein klares Bekenntnis für das
Verbindende im Glauben als Schritt auf dem Weg zur kirchlichen Einheit
abzugeben!
Das Kirchenvolk erwartet von Ihnen keine billige
Anpassung an den so genannten „Zeitgeist“. Notwendig ist jedoch das
"Heutigwerden" (aggiornamento) der Kirche, um die „Zeichen der Zeit“ zu
erkennen und die befreiende Botschaft Jesu glaubwürdig und überzeugend zu
verkündigen.
Dies kann nur in Gemeinschaft (communio) zwischen Kirchenleitung und
Kirchenvolk geschehen, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein
unverzichtbares Lebensprinzip von Kirche ist.
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Sigrid Grabmeier |
Karl Graml |
Christian Weisner |
für das Bundesteam der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche