Die privatisierte Not
Mehr Verantwortung für den Einzelnen erhöht langfristig die Kosten
für alle
Den einen
oder anderen mag es ja immer noch wundern, wieso sich Sozial- und
Christdemokraten in ihren Bemühungen, den Sozialstaat zu reformieren, nur noch
graduell unterscheiden. Wirklich erstaunlich ist das nicht. Denn innerhalb der
beiden Parteien hat sich nahezu zeitgleich eine bemerkenswerte Umorientierung
in der Frage vollzogen, für wen sie Politik machen. Es ist nicht mehr der
Bürger, der der vorsorgenden Fürsorge des Staates bedarf, um den Unbilden des
Lebens zu trotzen.
Neues
Leitbild für das politische Handeln ist der mündige Mensch, der
selbstverantwortlich sein Schicksal in die Hand nehmen möchte und nicht vom
Staat vorgeschrieben bekommen mag, was gut für ihn ist. Die logische
Schlussfolgerung, die die Modernisierer in beiden Parteien daraus gezogen
haben, heißt: weniger Staat und mehr Eigenverantwortung in allen
Lebensbereichen – und die ist ablesbar in den von den Parteitagen abgesegneten
Reformprogrammen. Mit denen haben die beiden großen deutschen Volksparteien
nach jahrelangem parteiinternem Ringen endgültig die ideologische Kehrtwende in
Richtung Liberalismus vollzogen.
Dessen
Leitbild war seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert ein Gemeinwesen, in dem
staatlichem Handeln zugunsten individueller Freiheit enge Grenzen gezogen
werden und in dem die Bürger die Verantwortung für ihr materielles Wohlergehen
selbst übernehmen. Dieses Wohlergehen werde sich, davon waren die Verfechter
des Liberalismus überzeugt, schon automatisch ergeben, wenn nur jedermann
ungehindert von staatlichen Fesseln seine Talente und seinen Fleiß zur freien
Entfaltung bringen könnte.
Der
Staat als Hemmschuh für Wachstum und unternehmerische Initiative? Es klingt wie
die aktuelle Analyse von Schröder und Merkel, Clement und Merz: Warum kommt die
Wirtschaft nicht in Schwung? Weil bürokratische Fesseln die freie Entfaltung
dynamischer Unternehmen nachhaltig bremsen – also weg mit dem Kündigungsschutz!
Warum sind Millionen Arbeitnehmer ohne Arbeit? Weil das fein gesponnene soziale
Netz jede Eigeninitiative lähmt, auf Kosten der Leistungsbereiten – also wird
das Arbeitslosengeld gekürzt. Warum sind die Staatsfinanzen zerrüttet? Weil der
Staat eine überbordende Fürsorge an den Tag legt – also werden Zuwendungen
gekürzt.
Den
Protagonisten des Politschwenks weg vom solidarisch (SPD) beziehungsweise
paternalistisch (CDU) motivierten Sozialstaat hin zu einem wirtschaftsliberal
orientierten Staat kommen die Finanzprobleme der Sozialsysteme dabei durchaus
gelegen. „Es geht ökonomisch nicht anders“ ist ein wunderbares Argument, um
jede politische Debatte darüber im Keim zu ersticken.
Das
genau aber ist die Crux des derzeitigen Reformprozesses. Denn anders als zu den
Hochzeiten des Liberalismus im 19. Jahrhundert lässt sich Not nicht mehr so
einfach wie damals privatisieren. Da ist die bundesdeutsche Verfassung davor,
die festschreibt, dass die Bundesrepublik nicht nur ein Rechts-, sondern auch
ein Sozialstaat ist. Mit anderen Worten: Der Staat hat die Pflicht, den in Not
geratenen Bürgern mindestens das Existenzminimum zu garantieren. Deshalb gibt
es die Sozialhilfe. Und die wird über Steuern finanziert.
Solange
diese Grundversorgung aber garantiert ist, läuft jede Kürzung staatlich
verordneter Vorsorge zugunsten privater Gefahr, langfristig die Kosten für die
Steuerzahler zu erhöhen. Denn diese Grundversorgung gibt es quasi umsonst, die
private Vorsorge hingegen erfordert einen möglicherweise sogar hohen
Konsumverzicht im Vergleich zu den zu erwartenden Leistungen. Die logische
Konsequenz: Diejenigen, die sich keinen erkennbaren materiellen Vorteil
versprechen, werden zugunsten des Konsums auf eine private Vorsorge verzichten.
Wie
virulent das Problem ist, zeigt aufs schönste die Riester-Rente. Obwohl sogar
noch massiv vom Staat gefördert, bleibt die Nachfrage bislang weit hinter den
Erwartungen zurück. Ändert sich das nicht, dürfte in etwa 30 Jahren, wenn all
die Kürzungen in der Rentenversicherung tatsächlich zu Buche schlagen, die
Altersarmut rapide ansteigen. Die dann Erwerbstätigen und ihre Arbeitgeber
können sich vielleicht über niedrige Rentenbeiträge freuen. Die Steuern
allerdings dürften im Jahr 2030 deutlich höher sein als heute.
Dieses
Problem haben die Reformer in SPD und CDU durchaus erkannt. Nur nach einer
Lösung fahnden sie bisher vergeblich. Immer häufiger wird laut darüber
nachgedacht, ob bei der privaten Vorsorge nicht vielleicht die Freiwilligkeit
durch Zwang ersetzt werden könnte, die Riester-Rente also obligatorisch für
alle werden sollte. Als Rechtfertigung wird dabei gern die
Kfz-Haftplichtversicherung angeführt, die schließlich auch vom Staat
vorgeschrieben und trotzdem mit privaten Firmen abgeschlossen wird.
Der
Vergleich allerdings hinkt ganz erheblich. Denn wer kein Geld für eine solche
Versicherung hat, wird es sich überlegen, ob er sich ein Auto leisten kann. Und
wer nur Geld für die Versicherung eines Kleinwagens hat, wird sich kaum ein
Luxusmodell zulegen. Wer aber kein Geld für eine private Altersvorsorge hat,
weil diese für ihn etwa infolge gesundheitlicher Risiken exorbitant teuer ist,
kann den natürlichen Alterungsprozess nicht einfach aufhalten. Das aber hieße
für den Gesetzgeber, dass er, sollte er die private Vorsorge verpflichtend
machen, nur zwei Möglichkeiten hätte: Entweder müsste der Staat die private
Vorsorge entsprechend den individuellen Risiken bezuschussen. Oder er müsste
die Versicherer zwingen, alle Bürger ohne Risikoprüfung zu gleichen Bedingungen
aufzunehmen.
Was
aber wäre damit gewonnen? Im ersten Fall würden die Steuerzahler für
individuelle Risiken der Privatversicherten zur Kasse gebeten. Im zweiten Fall
hingegen würde wieder eine klassische Solidargemeinschaft entstehen, in der
individuelle Risiken für die Prämienhöhe keine Rolle spielen und damit die
Grenzen zum staatlichen Solidarsystem verschwimmen. Der wesentliche Unterschied
dabei wäre nur, dass die privaten Unternehmen die Prämien so kalkulieren würden,
dass ihnen unterm Strich auf jeden Fall ein Gewinn bliebe, um ihn an ihre
Aktionäre auszuschütten.
Dass
sie zwar viel von Freiheit reden, im Ernstfall die Bürger aber lieber doch zu
ihrem Glück zwingen, haben die Parteien jedenfalls schon bewiesen: Jeder, der
nicht gesetzlich pflegeversichert ist, muss sich privat versichern – egal, ob
er will oder nicht.
Quelle: http://www.zeit.de/2004/12/Argument_2fsoz__Freiheit