Caritas und Diakonie

Sozialkonzerne zwischen Dumpinglöhnen und Nächstenliebe

 Christen fordern einen Kurswechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik

(vgl. http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Christen_fordern_Kurswechsel_in_Wirtschafts_und_Sozialpolitikndex.htm

 Gilt das, was katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik von Wirtschaft und Sozialpolitik fordert auch für Kirche, Caritas und Diakonie? Heißt es doch bei Mt. 7.2: Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. Die Vorfälle in Hannover sind, wie der Kundige weis, leider keine Einzelfälle

(vgl. http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Lohndumping_bei_Kirche.htm, http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Druck_auf_Mitarbeiter_evangelisches_Johannisstift.htm, http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Diakonie_als_Lohndruecker.htm, http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/verdi_legt_sich_mit_Kriche_an.htm.).

 Auf diesem Hintergrund wurden 20 Thesen entwickelt und angeregt, diese auf einem Podium des Ökumenischen Kirchentags in München zu diskutieren. Die Thesen wurden dem Netzwerk ÖKT 2010; c/o Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands e.V. sowie den Zeitschriften Orientierung und Publik Forum übermittelt. Die Thesen lauten wie folgt:

 These 1: Caritas und Diakonie sind große Anbieter auf dem Sozialmarkt und wollen ihren Marktanteil behaupten.

 These 2: Kommunale Anbieter von sozialen Dienstleistungen sind an Tarifverträge gebunden. Die Lohn- und Gehaltsstruktur wird von gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitervertretungen erkämpft und vertreten. Die Tarifstruktur verhindert ein Absinken der Löhne und Gehälter bei den Kommunen.

 These 3: Die Kostenträger (Bund, Land, Kommunen, Versicherungen) wollen möglichst billig Pflichtleistungen bzw. freiwillige soziale Leistungen auf dem Sozialmarkt einkaufen.

 These 4: Um Kosten zu senken, lagern kommunale Anbieter soziale Dienstleistungen aus. Über Ausschreibung und Projektfinanzierung erhält der günstigste / billigste Anbieter den Zuschlag.

 These 5: Die Abhängigkeit von Geldgeber und die Fixierung auf das kostengünstigste Angebot schränkt die inhaltliche und am christlichen Profil orientierte Arbeit von Caritas und Diakonie stark ein bzw. macht sie gar unmöglich. Das christliche Profil bleibt dabei vielfach auf der Strecke.

 These 6: Günstige bzw. billige Angebote lassen sich vielfach nur mit einer Lohn- und Gehaltsstruktur verwirklichen, die deutlich unter der Lohnstruktur der Kommunalen Anbieter liegt.

 These 7: Die gesetzlichen Rahmenbedingungen incl. Personalmeßzahlen (Vorgaben von SGBs und den finanziellen Rahmenbedingungen) lassen werde ein caritatives, diakonisches oder Arbeiterwohlfahrt - gemäßes Profil zu. Einzig und allein Preis entscheidet über sein oder nicht sein am Markt.

 These 8: Die Teilhabe von Caritas und Diakonie am Sozialen Markt ist oft nur mit niedrigeren Löhnen für ihre Mitarbeiter als im kommunalen Bereich möglich. Caritas und Diakonie beteiligen sich somit aktiv an der Lohn- und Gehaltspirale nach unten. 

 These 9: Das Mitspielen von Caritas und Diakonie bei diesen finanziellen Vorgaben ist darüber hinaus oft nur mit Lohndumping oder mit zeitlich befristeten Arbeitsverträgen möglich.

 These 10: Zeitlich befristete Arbeitsverträge werden in der Regle von festangestellten und unkündbaren Kirchenmitarbeiter (Priestern, Diakonie Pfarrer) befürwortet und eingerichtet. Für sie gilt offenbar das Prinzip: Wasch mich aber mach mich nicht Nass.

 These 11: Zeitlich befristete Arbeitsverträge und fast zwangsweise niedrigeren Löhne bei Caritas und Diakonie gehen daher oft zu Lasten ihrer Mitarbeiter, besonders zu Lasten von Berufsanfängern (Generation Praktikum). Zeitlich befristete Arbeitsverträge und unsichere finanziellen Zukunftsperspektiven gerade für junge Berufseinsteiger beeinträchtigen eine geplante Familiengründung.

 These 12: Caritas und Diakonie können nur unter Außerachtlassung und Negierung der Prinzipien der katholische Soziallehre bzw. der evangelischen Sozialethik am Sozialmarkt existieren.

 These 13: Da Caritas und Diakonie um jeden Preis im Sozialen Markt mitspiele wollen, vermeiden sie die Skandalisierung der durch den Gesetzgeber vorgegebenen Rahmenbedingungen und der sozialen Ausbeutung ihrer Mitarbeiter, um nicht als schlechte Anbieter dazustehen.

 These 14: Durch die Professionalisierung bei Caritas und Diakonie konnte „guten Gewissens“ die cariatiaive und diakonische Verantwortung der einzelnen Kirchengemeinden an die jeweiligen Wohlfahrtsverbände delegiert werden. Das Gespür für soziale Verantwortung der Kirchengemeinden für ihr jeweiliges Umfeld hat dadurch vielfach sehr gelitten.

 Mögliche Perspektiven:

 These 15: Caritas und Diakonie trennt sich von allen sozialen Einrichtungen. Sie überführt sie in eine gemeinnützige gGmbH, die unabhängig von den Kirchen geführt wird. Die Mitarbeiter haben dort die Möglichkeit, ihre Interessen gewerkschaftlich vertreten zu lassen.

 These 16: Bistümer und Landeskirchen entwickeln strikt zahlenmäßig beschränkte Modellangebotspakte im Bereich Kinder-, Jugend-, Erwachsenen-, Altenarbeit. (Inkl. Pflegeheime und Krankenhäuser). Je ein Angebotspaket wird im großstädtischen, kleinstädtischen, ländlichen Bereich aufgebaut.

 These 17: Bistümer und Landeskirchen verzichten auf jegliche Finanzierung durch Staat und Sozialversicherungen. Sie richten diese Modellpakete je nach ihren finanziellen Möglichkeiten ein (Kirchensteuern, Stiftungen, Spenden) aus. Die Nutzer tragen nach ihren Möglichkeiten zur Finanzierung bei.

 These 18: Diese Angebote orientieren sich strikt an den Prinzipien der kath. Soziallehre bzw. der ev. Sozialethik auch und insbesondere was die Lohn- und Gehaltsstruktur betrifft. (Mt. 10.10).

 These 19: Caritas und Diakonie übernehmen die Aufgabe der fachlichen Begleitung und inhaltlichen Weiterentwicklung im sozialen Bereich. Die fachlichen Begleitung und inhaltlichen Weiterentwicklung nach den Prinzipien der der kath. Soziallehre bzw. der ev. Sozialethik obliegt den entsprechenden Instituten und / oder Fakultäten.

 These 20: Bewusst stellt Kirche nur wenige, aber fachlich und inhaltlich herausragende Angebote zur Verfügung um als Beispiel (Modell Sauerteig - Mt 13.33) der Gesellschaft vorzuleben, was Caritas und Diakonie heißt. Nur so kann Kirche verhindern, ein nivellierter Anbieter unter vielen auf dem sozialen Markt zu sein.

 Zusammensetzung des Podiums:

Vertreter der kath. Soziallehre und ev. Sozialethik, Manager von Caritas und Diakonie, Mitarbeiter von Caritas und Diakonie (Mitarbeitervertretung), Vertreter der Kostenträger (Kommune, Pflegeversicherung, Krankenkasse)

Der Moderator sollte fachlich qualifiziert in kath. Soziallehre und ev. Sozialethik sein, über intime Kenntnis über das Innenleben von Caritas und Diakonie verfügen, Kenntnisse der politischen Rahmenbedingungen und der einschlägigen Gesetzte (Sozialgesetzbücher, Rahmenverträge u.ä.) haben.

 Ziel der Podiumsdiskussion sollte sein:

-         Eine fruchtbare Auseinandersetzung zwischen Theorie (kath. Soziallehre und ev. Sozialethik) und der Praxis von Caritas und Diakonie (Manager, Mitarbeitervertretung und Mitarbeiter) anzuregen zu und institutionalisieren.

-         Den real existierenden „Sozialmarkt“ an hand der Leitlinien von kath. Soziallehre und ev. Sozialethik zu hinterfragen.

-         Den Blick der Kirchenleitungen bzw. der theologisch Verantwortlichen für Caritas und Diakonie auf das Spannungsfeld zwischen kath. Soziallehre und ev. Sozialethik und dem real existierenden sozialen Markt und die real existierende Praxis von Caritas und Diakonie zu schärfen.

-         Eine Diskussion über diese Problemfelder in den Fachgremien, der interessierten (Fach-) Öffentlichkeit anzuregen.

 02.08.2009

Hans-Albert Link

Dipl. Theologe

Dipl. Sozialarbeiter