Zwangsheirat ist Vergewaltigung

 

Frauenrechtlerin Serap Cileli macht auf das trostlose Schicksal

muslimischer Mädchen und Frauen aufmerksam

 

Brutale Unterdrückung, körperliche Gewalt, Inzest, Isolation und Resignation - darum

ging es in dem Vortrag "Moslemische Frauen und Mädchen im Zwiespalt zwischen

häuslicher Tradition und Moderne" am Freitagabend in der Christuskirche.

 

HANAU .Jungfräulichkeit ist für türkische Mädchen etwas Existenzielles, weiß die deutsche

Schriftstellerin und Frauenrechtlerin türkischer Herkunft, Serap Cileli. Es gehe um Leben und

Tod, warnt sie. Die Jungfräulichkeit sei eine öffentliche Angelegenheit.

 

Frauenrechte sind Menschenrechte, mahnt Cileli. Sie durchzusetzen sei eine gesellschaftliche,

politische und juristische Aufgabe. Gefragt seien Zivilcourage und Solidarität mit den Opfern.

Dass es Wege aus der Kultur der Ehre und der Schande gibt und wie diese aussehen

können, zeigen die Biografie und das mutige Engagement von Serap Cileli.

 

Amnesty International Hanau und das evangelische Forum Hanau hatten die Autorin zum

Vortrag "Moslemische Frauen und Mädchen im Zwiespalt zwischen häuslicher Tradition

und Moderne" eingeladen. Begrüßt wurden sie und ihr Mann Ali am Freitagabend in der

Hanauer Christuskirche von Andreas Technau von Amnesty International Hanau.

 

Muslime im Publikum

Unter den zahlreichen Besuchern im voll besetzten Saal waren auch vier Muslime, die zwar

interessiert zuhörten, sich an der anschließenden Diskussion jedoch nicht beteiligten.

Gekommen waren neben vielen Senioren auch ein seit 30 Jahren in Offenbach

praktizierender Frauenarzt, eine Sozialarbeiterin und eine Grundschullehrerin, die mit der

Problematik aus ihrer Praxis vertraut sind.

 

Serap Cileli schilderte das trostlose Schicksal muslimischer Mädchen und Frauen. Sie

trug Beispiele für Gewalt gegen Frauen, sexuellen Kindesmissbrauch, Kindbräute,

Zwangsheirat und Ehrenmorde vor. Und sie beschrieb ihren eigenen Freiheitskampf:

"Zwangsverheiratung ist Vergewaltigung auf Lebensdauer. 26 Jahre lebte ich als Opfer

gefangen in einen viereckigen Rahmen aus Schande, Sünde, Verboten und Ehre."

 

Mit ihren Auftritten will Serap Cileli die Öffentlichkeit wachrütteln. Große Aufmerksamkeit

erregte einst der sogenannte Ehrenmord an der jungen Türkin Gönül Karabey. Die junge Frau

wurde am 13. Juni 2005 in Wiesbaden vom eigenen Bruder hingerichtet. Die Täter kommen

aus den Familien der wehrlosen Opfer und sind oft minderjährig, um die Strafverfolgung

durch die deutsche Justiz zu umgehen, sagt Cileli.

 

"Frauenrechte sind Menschenrechte. Männliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern ist

keine Privatsache! Wir dürfen nicht zulassen, dass der gesellschaftliche Schutz der Privatsphäre

zum Schutz des Gewalttäters verkommt", appellierte die Autorin an ihr Publikum. Es gebe

keine religiöse oder kulturelle Rechtfertigung für Gewalt und Gewaltanwendung an Frauen

und Kindern. Deshalb dürfe es auch keine Akzeptanz für Gewalt geben, die kulturell oder

religiös begründet werde. " Wir brauchen in erster Linie den politischen Willen, das heißt: Wir

müssen Integration fordern, Druck machen mit Gesetzen und Aufklärung. Deutschkurse sind

für die Integration Jugendlicher wichtig. Sie kosten Geld. Lippenbekenntnisse allein helfen

nicht weiter."

 

Das Kopftuch-Tragen werde als politisches Statement missbraucht

Serap Cileli warnte ihre Zuhörer davor, sich von den Masken der Islamisten, ihren geschliffenen

Reden an Tagen der offenen Tür täuschen zu lassen. Das Tragen von Kopftüchern werde von

Islamisten in Deutschland seit zehn Jahren als politisches Statement missbraucht.

 

Von nationalistischen türkischen Migranten und der Re-islamisierung der türkischen Gesellschaft

gehe eine große Gefahr für Deutschland aus. Die bekannt gewordenen Verbrechen sind nur

eine Spitze des Eisbergs. Es fehle an Zahlen, beklagte Cileli. Weltweit seien in 14 Ländern

rund 5000 Ehrenmorde verübt worden. Zwischen 1996 und 2005 habe es in Deutschland

59 "Schandmorde" gegeben. In Pakistan sind es pro Jahr 1500, in der Türkei bis 400 Morde

an Frauen. Viele würden als Selbstmorde oder , Unfälle der Opfer kaschiert.

CHRISTINE FAUERBACH

 

Frankfurter Rundschau, 26.2.07, S. 36