Zum Frieden verdammt

Christen und Muslime in Nigeria

 

In Nigeria wird auf kleiner Bühne das gleiche Stück gespielt wie im großen Welttheater. Einen Kampf der Kulturen zwischen Islam und Christentum, zwischen Tradition und Moderne versuchen religiöse Führer jedoch zu verhindern

 

 .........Erst wenn man das alles kennt, die Toten, die Vertriebenen, die Säuberungen und dann noch das »wir«, das es bei der Betrachtung eines Brotstands geben kann, sollte man Pastor James Wuye besuchen. Er legt seine dunkelbraune Handprothese zwischen die Papierstapel auf seinem Schreibtisch. Die Prothese ist aus Deutschland, seine Hand verlor der Pastor im Kampf gegen Muslime. Er war der Anführer einer christlichen Miliz, bewaffnet mit Speeren, Macheten und Hass.

 

Zusammen mit einem Imam, der früher sein Gegner im Straßenkampf war, hat der Pastor das Interfaith Mediation Centre aufgebaut. In winzigen Schritten Vertrauen wiederaufbauen zwischen blutig verfeindeten Nachbarn, Gemeinden, Stadtvierteln – das war die Hauptaufgabe in den vergangenen Jahren.

 

Der Pastor erinnert sich, wie bei den Kämpfen um die Scharia zwei bewaffnete Christenmädchen zu ihm sagten: »Geh aus dem Weg, Frau! Gib uns deine Hose, und zieh unsere Röcke an, wenn du nicht kämpfen willst.« Christliche Männer, sagt er, räucherten die Häuser von Muslimen aus »wie bei Ratten«, draußen warteten Christenfrauen, um die Fliehenden zu töten. Der Pastor wendet sich einen Moment dem Imam zu: »Stell dir vor, die sind jetzt ganz normale Ehefrauen und Mütter.«

 

Der Pastor und der Imam, das ist ein Markenzeichen geworden. Das berühmte Duo hat ein Buch geschrieben und Nigerias Polizei geschult. Vergangenes Jahr bekamen beide den Bremer Friedenspreis, neulich waren sie nach Kenia eingeladen. Bei alldem aber ist wichtig: Der Begriff interreligiös ist hier wörtlich zu nehmen, es gibt keine neutrale Zone, keinen säkularen Schonraum, das Ziel ist nicht weniger Religion, nicht weniger glauben, sondern – besser glauben.

 

Toleranz sei für ihn ein negativer Begriff, sagt der Pastor, richtig sei: Akzeptanz. »In Akzeptanz liegt Heilung, Heilung für dich selbst. Denn du kannst den anderen ja nicht ändern.« Die Linie zwischen Christentum und Islam sei fein, aber sie schneide tief. Im Alltag, bei den Werten, gebe es viel Gemeinsames, aber die Spiritualität sei sehr unterschiedlich. »Wir predigen keinen Chrislam, wir sagen: Bleib, wer du bist, lebe deinen Glauben, und tue es so gut, wie du kannst!«

 

So schließt sich der Kreis zwischen Politik und Religion. Pastor und Imam lehren auf Seminaren, wie Christen und Muslime gemeinsam gegen die nigerianischen Plagen kämpfen sollen. Ihr Handbuch propagiert Good Governance mit einschlägigen Zitaten aus Bibel und Koran, mit Gleichnissen von Mohammed und Jesus.

 

»Unsere Leidenschaft für Religion ist so stark, mit Religion kannst du hier jemanden dazu bringen, Vater und Mutter umzubringen«, sagt der Pastor. »Aber wenn wir wirklich alle gottesfürchtig wären, dann hätte Nigeria nicht solche Probleme.«

 

DIE ZEIT, 23.3.06, S. 17

Quelle: http://www.zeit.de/2006/13/Nigeria?page=1