Zum
geplanten EU – Beitritt der Türkei (Literatur)
Hans-Peter
Raddatz ("Von Gott zu Allah?", "Von Allah zum Terror?",
" Allahs Schleier - Die Frau im Kampf der Kulturen")
"Die
türkische Gefahr?
Risiken und
Chancen"
Herbig
München, heute erschienen
288 Seiten,
€ 22,90
Turkislam und Leitkartell . Ein düsteres Bild der "modernen Türkei" und ihrer Leitkultur
Hans-Peter Raddatz: Die türkische Gefahr? .
Risiken und Chancen. Herbig - Verlag. München 2004. 287 Seiten. 22.90 €.
Ob jemand ein Glas als halbvoll oder halbleer bezeichnet. wird allgemein als Maßstab dafür genommen. ob er Optimist oder Pessimist sei. Ob Hans-Peter Raddatz Optimist oder Pessimist ist, kann zumindest hinsichtlich der Frage, wie ,.europareif" die Türkei ist, eindeutig beantwortet werden: Er sieht in diesem Fall das Glas als halbleer an - bestenfalls. Raddatz, der zuvor schon drei Bücher über den Islam publiziert hat, wird sich auch mit seinem Band "Die türkische Gefahr?" bei den Befürwortern eines EU-Beitritts Ankaras kaum Freunde machen, und bei den meisten Türken erst recht nicht. Der Orientalist und Systemanalytiker kennt die Region nicht nur theoretisch, sondern aus konkreter Anschauung und alltäglicher Lebenswirklichkeit. Auch in der Türkei hat er gelebt und gearbeitet. So mag es ihm leichter fallen, aus Alltagserfahrungen Anspruch und Wirklichkeit dieses Staates und seiner vorwiegend islamischen Bevölkerung .,schonungslos" zu beleuchten. Das Buch formuliert griffig, bisweilen sogar polemisch. Es wird damit türkische Polemiken herausfordern. Dieselbe Schonungslosigkeit wendet er allerdings auch auf die eigenen Eliten in Europa, in Deutschland zumal, an, die längst - unter amerikanisch-geostrategischem Druck - beschlossen haben, der Türkei den von ihr gewünschten vorgeblichen Platz an der Sonne zuzugestehen, und zwar gegen erhebliche Bedenken eines nicht geringen Teils der europäischen Bevölkerungen und gegen religiöse und kulturelle Hindernisse, deren Höhe von den Eliten völlig falsch eingeschätzt werde. Der Autor sieht da eine längerfristige und gefährliche Deformation des demokratischen Systems am Werk.
Raddatz glaubt nicht, daß die Türkei hier und heute eine wirkliche Demokratie ist; noch hält er für erwiesen. daß sie in jenem Maße verweltlicht sei, wie es die allgemein zu hörenden Stereotype bis hinein in die Wissenschaft vorgeben. Er glaubt auch richt, daß sich die Verhältnisse wesentlich ändern werden, wenn die Beitrittsgespräche einmal laufen. Weder werde die spezifische Form des in einer langen Geschichte , wurzelnden "Turkislam", die der Staatsräson trotz allen Geredes über den Laizismus zugrunde liege, aufgegeben sein, noch werde die türkische Gesellschaft ihre wichtigsten Probleme auch nur im Ansatz gelöst haben: Kurdenfrage, traditionelle Strukturschwäche der türkischen (islamischen) Wirtschaft, Autoritarismus, traditionelle Verflechtung der Elite mit zumindest dunklen, bisweilen sogar mafiosen Geschäften. Erdogan sei 2002 vor allem aus Verzweiflung gewählt worden über den weitgehend mafiosen Charakter des türkischen Staates, der endemisch und ein Erbe der Geschichte sei. Daß Erdogan nun plötzlich, nach zwei Jahren, als gemäßigt gelte, vor allem bei den Europäern, gibt ihm zu denken. Raddatz fühlt sich an spatbyzantinische Zeiten erinnert, in denen die Byzantiner die sie bedrängenden Osmanen als "gemäßigter" empfanden als ihre lateinischen Mitchristen zu Rom. 1453 wurde ihr Reich dann vernichtet. Raddatz zieht Parallelen zu einem kulturell, auch religiös defätistischen Europa, das da einem Bald-Mitglied von demnächst 90 oder 100 Millionen gegenüberstehe, das genau wisse, was es wolle. Demographie und Einwanderung erläutern, was er meint. Kritische Anmerkung der aufnehmenden Gesellschaft( en) würden als "dumpfes Stammtischgerede" diskreditiert und weggewischt.
Die viele Jahrhunderte wahrende türkische Wander- und Reichsgeschichte sieht Raddatz als turkistischen "Ethno-Dschihad", unter dem bis heute auch die Kurden zu leiden hatten. Im Osmanischen Reich sieht er vor allem eine militärisch aggressive "Beute- und Tributmaschine" und in dessen sprichwörtlich gewordener Toleranz insbesondere nackte wirtschaftliche Notwendigkeit - weil die christlichen Minderheiten und die Juden den Staat wirtschaftlich am Leben gehalten hatten. Auch zu dem Reformer Atatürk fallen harsche Worte, die dessen totalitäres Gebaren geißeln, das außerdem nicht ausgereicht habe, um den "Turkislam" seines geschichtlichen elan vital zu berauben und das Land wirklich zu verweltlichen. Er beschwort die fatale Dynamik der abgeschlossenen Gecekondus, jener Armenviertel im Umkreis der türkischen Großstädte, die fälschlicherweise als "Urbanisierung" angesehen würden und sich jetzt auch in Deutschland ausbreiteten, das manche in Ankara und Istanbul schon im internen Sprachgebrauch "westtürkischen Gebieten" zurechneten. Liegt hier Alarmismus vor, wird gar Hysterie genährt? Der Autor glaubt, daß sich ein europäisches, insonderheit deutsches "Leitkartell" aus Wirtschaft und Politik mit der Elite der Türken irgendwie zusammengefunden hat respektive eine Interessengleichheit beider besteht. Tatsächlich, bei Raddatz ist das Glas der Türkei allenfalls halb leer - wenn überhaupt. Von den Chancen eines türkischen EU-Beitritts ist nirgendwo die Rede. WOLFGANG GONTER LERCH
FAZ, 25.10.04, S. 8
Umschlagtext
Die
schonungslose Untersuchung einer Thematik, die an politischer Brisanz kaum zu
übertreffen ist
Während
Globalisierung und Zuwanderung den Sozialabbau verstärken, sehen die
Eurokraten, unter dem Druck der USA,
die Türkei
bereits auf einem "unumkehrbaren Weg" nach Europa. Am Beispiel
Deutschlands zeigt der Autor, wie sich pro-
islamische
Kräfte illegitime Macht aneignen und den EU-Beitritt der Türkei "von
oben" herbeiführen.
Dabei
scheint unerheblich, daß dieses Land trotz diverser Ansätze zur
Demokratisierung weiterhin von ethnischen Konflikten,
einem
zunehmend radikalen Islam und Korruption geprägt bleibt. Durch anhaltendes
Bevölkerungswachstum exportiert es
Arbeitslosigkeit
und Bildungsschwäche nach Europa, wo Deutschland als Hauptfinanzier der EU zum
politischen und sozialen
Brennpunkt
der Zukunft werden könnte.
Aus dem
Inhalt
Vom
osmanischen Imperium zu Atatürk
Die moderne
Türkei als ethno-islamische Nation
Die Zuwanderung
nach Deutschland und in die EU
Türkischer
Islamismus im globalen Netzwerk
FAZ ,
24.09.2004, Seite 1, W.G. Lerch
Eurasische
Märkte
...Die
Wahrheit ist, daß Ankara im Dezember wohl einen Termin für Beitrittsgespräche
genannt bekommt. Dann wird es schnell
gehen. Die
Sache ist bei den Eliten längt beschlossen. Es geht um eurasische Märkte.
Angela Merkel versucht, einer engen
und
freundschaftlichen "privilegierten Partnerschaft" zum Durchbruch zu
verhelfen, weil sie glaubt, daß die (politische) Kultur
der Türkei
sich von der Europas beträchtlich unterscheidet. Plötzlich liest man wieder von
"Ehrenmorden" und "Zweitfrauen",
von
arrangierten Ehen und Frauenkauf. Hatte das nicht der Verwestlicher Atatürk vor
achtzig Jahren abgeschaftt? Namhafte
deutsche
Historiker haben auf die Andersartigkeit der Türkei hingewiesen, die bei einem
Urlaubsaufenthalt in Istanbul oder
Antalya
nicht festgestellt werden kann. Die Europäer sind - mit Unterschieden - in
ihrer Mehrheit gegen einen Beitritt. Aber
was haben
die Bevölkerungen in ihrem bornierten Kleinmut schon zu sagen, wenn der
Weltgeist plant.
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