Zulehner: Spiritueller Megatrend jenseits von Kirche

Berlin, 25.6.2003 (KNA). Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner hält
einen neuen "Gotteshunger" in der europäischen Kultur für möglich.
Möglicherweise seien die "Jahrzehnte des Gottesfastens" vorbei, sagte
Zulehner in einem am Mittwoch vorab in Berlin veröffentlichten Interview der
Zeitschrift "zeitzeichen". Dabei komme der "spirituelle Megatrend" nicht aus
den Kirchen, sondern aus der Säkularität und sei "ein Produkt der Moderne".

Der Theologe verwies darauf, religionssoziologische Studien ließen "eine Art
Respiritualisierung gerade der großstädtischen Kulturen" erkennen. So seien
die harten Indikatoren des religiösen und kirchlichen Lebens in europäischen
Großstädten wie Berlin, Brüssel oder Wien im Vergleich von 1990 und 1999 nun
nicht mehr rückläufig, sondern nähmen leicht zu. Rund 70 Prozent der
Menschen in Europa hielten sich für religiös. Zugleich gebe es aber in der
jüngeren Generation einen "pragmatischen Atheismus", zudem "mitten im Herzen
Europas", in der Tschechischen Republik und Ostdeutschland zwei
"atheisierende Kulturen".

Zulehner begründete die "Respiritualisierung" mit dem dominanten Lebensstil
der gegenwärtigen Kultur. Es gehe darum, ein "Gefängnis der Diesseitigkeit"
aufzubrechen und den Menschen in das Göttliche als Ganzes einzuordnen.
Gerade Menschen aus "hochangestrengten" Berufsfeldern wie Medienleute und
Manager empfänden das Leben als zu anstrengend, überfordernd, flach, banal
und eindimensional und verständen Religiosität auch als Protest, gegen
diesen Stil zu leben.

An den Kirchen geht diese Respiritualisierung nach Ansicht Zulehners vorbei,
weil das kirchliche Leben "spirituell ausgehungert und ausgebrannt" sei. Die
Gottesdienste seien "postaufklärerisch verkommen". Sie böten keinen Raum für
Gotteserfahrung aus erster Hand, vielmehr würden die Gläubigen "auf die
moralische Schulbank gesetzt". Der einzige Unterschied zwischen Progressiven
und Konservativen bestehe darin, ob man eine Individualmoral oder eine
Sozialmoral zu hören bekomme. Die Menschen suchten aber nicht Moral, sondern
"Heilung an der Wurzel der Seele", die sie in den Kirchen schwer fänden.
Kirche müsse "das Amtliche" umformen zu dem, "was urbiblisch ist".

26.6.03
Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20030625t145007437.htm