Zur
Zukunft der Kirchenreformer
Überalterung und
schwindende Resonanz: Die Probleme der katholischen Kirche spiegeln sich in der
Kirchenvolksbewegung
Von
Hartmut Meesmann
Die Liste ist lang: keine Bischofswahlen
durch das Volk; keine Zulassung von Frauen zum Priesteramt, noch nicht einmal
zum Diakoninnenamt; keine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den
Sakramenten; Rücknahme der Liturgiereform; keine wirklichen Möglichkeiten der
Mitentscheidung für Laien; keine Anerkennung homosexueller
Lebenspartnerschaften, eher eine Diffamierung dieser Menschen; keine
Schwangerenkonfliktberatung mehr im staatlichen Beratungssystem; zunehmende
Ausgrenzung von Reformkatholiken, ja selbst von gemäßigten Katholiken, die in
einzelnen Sachfragen wie der Schwangerenberatung, der Homosexualität, der
Ehescheidung anderer Meinung sind als die Hierarchie; massive Einforderung des
Gehorsams unter Missachtung der Gewissensfreiheit der Gläubigen; Diffamierung
von Theologinnen und Theologen, denen – oft ohne Angabe von Gründen – die
kirchliche Lehrerlaubnis verweigert wird; kirchenamtliche Hofierung
konservativer Gruppen (nicht nur des Opus Dei) und Ausgrenzung »linker«,
befreiungstheologischer Initiativen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel)
...
Die katholische Kirche profiliert sich als
Hort der Reformverweigerer. Verkauft wird diese Haltung als Treue zu sich
selbst. Es ist eine Treue, die den Weg ins selbst gewählte Getto weist, der
dann als »Treue zum Herrn« glorifiziert wird.
Initiativen wie die Kirchenvolksbewegung »Wir
sind Kirche« oder »Kirche von unten« sind – so gesehen – eigentlich wichtiger
denn je. Sie halten die Vision einer offeneren und »demokratischen« – oder, wer
es lieber hören möchte: synodaleren – Kirche im Bewusstsein der kirchlichen wie
der nichtkirchlichen Öffentlichkeit.
Nur: Der Abwärtstrend, der die Kirchen
erfasst hat, verschont auch die Reformkreise nicht. Die Zahl ihrer
Mitstreiterinnen und Mitstreiter schwindet, so wie die Mitgliederzahlen der
Kirchen langsam, aber stetig sinken. Den Mitgliedsgruppen der innerkatholischen
Opposition droht die »Vergreisung«. Junge Mitglieder sieht man nur vereinzelt.
Da hilft auch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft »Wir sind Kirche Jugend«
durch ein paar äußerst aktive junge Mitstreiterinnen und Mitstreiter nicht
viel. In den Niederlanden hat sich die 8. Mai-Bewegung – einflussreicher
Vorreiter eines kritischen Katholizismus auch hier in Deutschland – mangels
Masse und Stoßkraft inzwischen aufgelöst.
Diese Entwicklung hat einen Grund: Umfragen
zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung am Thema Kirchenreform nicht (mehr)
interessiert ist. Für die meisten Menschen ist die Institution Kirche
inzwischen ohne größere Bedeutung für ihr Leben. Die jungen Leute schnuppern
schon mal hier und da in ein kirchliches Projekt hinein, wenn es denn halbwegs
interessant erscheint, Eventcharakter bietet und die Gewähr, Gleichaltrige zu
treffen oder einen Star. Aber sonst? Null Bock auf Kirche!
Von diesem Desinteresse sind auch katholische
Reformgruppen betroffen. Außerdem haben sich viele Ältere, die sich noch vor
Jahren für Reformen eingesetzt und die Kirchenvolksbewegung mit viel Sympathie
begleitet hatten, innerlich oder äußerlich verabschiedet. Die innerkatholische
Opposition, das muss man nüchtern sehen, blutet aus – langsam, aber
stetig.
Innerkirchlich haben sich die ehemals
verfestigten Fronten zwar inzwischen aufgelöst. In dem Bemühen, die Reformen
des Zweiten Vatikanischen Konzils gegen den massiv auftretenden Block der
Vorkonziliaren zu retten, treffen sich Reformkatholiken mit breiten Kreisen in
den Verbänden und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das ist
erfreulich und stärkt die Gemeinsamkeit, aber natürlich nicht in allen Fragen.
Und doch: Angesichts von Spardruck und säkularem
Gegenwind sind viele Engagierte – ob haupt- oder ehrenamtlich tätig – froh,
wenn sie halbwegs zufrieden überleben. Sie haben oft genug reichlich damit zu
tun, das (herkömmliche) kirchliche Leben in den neuen pastoralen Räumen
sicherzustellen und ihr berufliches wie familiäres Leben mit all dem
gewachsenen Druck und Stress mit dem kirchlichen Engagement einigermaßen zu
vereinbaren. Das kostet Nerven genug. Warum sich dann noch mit verbohrten,
selbstgefälligen oder hinterhältigen Amtsträgern herumschlagen? Der resignierte
Rückzug aufs Refugium des kleinen, familiären Kreises in der Gemeinde ist die –
durchaus verständliche – Folge. Man schützt sich selbst. Oder man engagiert
sich gezielt und bewusst in seiner sozialen oder politischen Gruppe (zusammen mit
anderen Christen) und lässt die eigene Kirche Kirche sein, ohne allerdings aus
ihr auszutreten.
So erscheint die Situation paradox:
Einerseits ruft die Zeit nach Reformen – andererseits ist das Klima in der
katholischen Kirche noch selten so reformabweisend gewesen wie derzeit. Trübe
Aussichten für »Wir sind Kirche« & Co. Aushalten werden die Reformerinnen
und Reformer diese Situation im Grunde nur mit einer spirituellen Haltung, die
sich auf das symbolische Bild von der Wanderung durch die Wüste stützt: Man
muss es einfach ertragen, dass der eigene Glaube an Plausibilität in der
Gesellschaft verliert und der eigene Einsatz für innerkirchliche Reformen an
abweisende Mauern stößt. Die Reformer werden sich auf die Bibel besinnen
müssen, in der es oft heißt, dass Gott im Verborgenen wirkt, im Unscheinbaren,
im Gescheiterten. Glücklich zu preisen, wer dieses Vertrauen leben kann. Wer es
nicht kann, wird die katholische Kirche sich selbst überlassen und seine
eigenen religiösen Wege gehen. Oder in eine andere christliche Kirche
übertreten – und dort möglicherweise auf ähnliche Probleme stoßen.
PUBLIK-FORUM Nr. 5 vom 12. März 2004