Der
römisch kath. Erzbischof Milingo ist zu seiner Ehefrau zurückgekehrt und hat in
den USA
verheiratete
Männer zu Priestern geweiht. Nicht auszuschließen ist, dass er in den USA und
in
der
sinnenfrohen und körperbetonten Kultur Lateinamerikas eine neue Kirche gründet.
In den
vergangenen
40 Jahren sind weltweit mehr als 100.000 Priester aus ihrem Amt ausgeschieden,
weil
sie das Gelübde zum keuschen Leben gebrochen hatten. Der Vatikan ist alarmiert.
Der
Priestermangel
nimmt in vielen Ländern rasant zu. Kein Wunder, dass das Thema Zölibat jetzt
auch
offiziell Papst Benedikt beschäftigt. Allerdings ist eine grundlegende Änderung der
bisherigen
Praxis
derzeit nicht zu erwarten. Beklagt wird im Vatikan zudem ein zunehmende
Entfremdung
zwischen
Priestern und Gläubigen, besonders in Europa und den USA.
Einer
der möglichen Gründe für diese Entfremdung sei an einem Beispiel erläutert.
Ende der
70
ziger Jahre sagte ein „aufgeschlossener“ Bischof im scrutinium, dem 4
Augengespräch, indem
der
Bischofs vor der Priesterweihe den Weihekandidat erforscht: „Wir sind jetzt
unter uns. Wir
können offen reden. Sie als
Priesteramtskandidat haben den besseren Stand gewählt.“ Dies war
die
Rede eines „liberalen“ Bischofs, der damals öffentlich für die Zulassung von
„viri probati“,
geeigneten
und bewährten verheirateten Männern zum Priesteramt, eintrat.
In
der Mentalität selbst aufgeschlossener Kirchenführer, ist offensichtlich der
geweihte zölibatäre
Priester
mehr wert, etwas besseres vor Gott, als der Laie. Dies gilt insbesondere
gegenüber
Eheleuten,
die halt nicht auf Sex verzichten können. Hier liegt die Gefahr gegründet, dass
der
reine,
zölibatäre, geweihte Priester einen Standesdünkel entwickelt, etwas besseres,
gottgefälligeres
als der Laie zu sein. Gefördert wird ein solcher Dünkel auch durch die
priesterliche
Tracht, die den Geweihten bewusst abgrenzt und das Anderssein noch
herausstreicht.
Eine
solche Grundhaltung, offen ausgesprochen oder durch priesterliches Verhalten
gelebt,
wird
von kath. Laien immer weniger akzeptiert, stößt ab und trägt zur Distanz
zwischen Laien
und
Priestern bei. Eine so verstandene Hierarchie, (heilige Herrschaft), stellt
sich selbst in
Frage.
Für viele Gläubigen ist das Zeichen des Zölibats bei Weltpriestern daher nicht
mehr
verständlich
und nachvollziehbar.
In
einem Vieraugengespräch mit einem Generalvikar Mitte der 90 ziger Jahre ging es
ursprünglich
um die zukünftigen Finanzen eines Bistums. In diesem Zusammenhang wurde
dem
Generalvikar der Vorschlag unterbreitet, doch jetzt, da das Bistum noch über
ausreichende
Mittel verfüge, ebenso wie einige evangelische Landeskirchen, den Klerus bei
der
Bundesanstalt für Angestellte nachzuversichern. Durch diese Maßnahme müsse das
Bistum
in Zukunft nicht mehr aus dem eigenen Haushalt für die Altersversorgung seiner
Priester
aufkommen.
Auf diesen Vorschlag reagierte der Generalvikar entsetzt: „Dann würden ja die
Priester
nach ihrer Pensionierung machen was sie wollten.“ Es bietet schon ein trauriges
Bild,
wenn
Bistümer mit finanziellem Zwang zumindest Teile ihres Klerus bei der Stange
halten
müssen.
Lässt sich auf diese Art das zölibatäre Priestertum retten? Auch spricht aus
dieser
Äußerung
ein gerütteltes Maß an Misstrauen gegenüber der eigenen Kadertruppe.
Jeder
Großkonzern bedarf einer Leitung. In jedem Großkonzern gibt es Hierarchien.
Diese
Hierarchien
sind notwendig und zum unternehmerischen Gelingen erforderlich.. Eine Weihe,
die
Manager
sakrosankt und unangreifbar gegenüber Kritik macht, gibt es nicht. Diese
Hierarchien
müssen sich durch Leistung qualifizieren.
Leitung
ist ohne Frage auch in der Kirche notwendig und sinnvoll. Ob Weihegnade und
Zölibat
allein
zur Leitung einer Pfarrei befähigt, sei dahingestellt. Im Zeichen des
Priestermangels setzen
Großpfarreien
und Pfarrverbünde, denen ein einzelner Priester vorstehen, notwendigerweise auch
noch
Manager Qualitäten voraus. Welche Charismen und Gnadengaben muss denn der
zölibatäre
Priester
sonst noch alles mitbringen? Muss ein einzelner Priester unter solchen
Erwartungen und
Lasten
nicht zwangsweise zusammenbrechen?
In
der Vergangenheit schauten die Menschen voll Vertrauen auf den Arzt im weißen
Kittel.
Im
wurde oft Macht über Leben und Tod zu gesprochen. Nicht von Ungefähr kam der
Ausdruck:
Halbgott in weiß. Doch der Nimbus bröckelt. Kunstfehler, Skandale, nicht
erfüllte
Erwartungen,
strukturelle Änderungen (diverse Gesundheitsreformen) haben das Image der
Halbgötter
in weis untergraben. Eine Entmytologisierung hat stattgefunden. Heute steht
nicht
mehr
der Nimbus, sondern der Mensch hinter dem Arztkittel im Blickpunkt. Dies muß
nicht
unbedingt
zum Schaden für den Arzt sein. Patient und Arzt können sich auf Augenhöhe
begegnen.
Der Fachmann für Gesundheit wird wegen seiner Fachkompetenz und seiner
menschlichen
Fähigkeiten geschätzt.
Ähnliches
gilt auch für den Priester im schwarzen Kittel. Je mehr der Laie in der
Wissensgesellschaft
beruflich gut bis sehr gut qualifiziert ist, um so weiniger wird fraglos
akzeptiert,
dass der Priester allein durch Weihe und zölibatäre Lebensform etwas besonderes
sein
soll.
Nicht der Mittler zwischen Gott und den Menschen wird gesucht, der für den einfachen Mensch,
den Laien, göttliche Gnaden vermittelt. Der mündige Laie tritt mit Gott direkt in Kontakt und
bedarf keines Mittlers, der für ihn „gut Wetter“ macht. Nicht der Würdenträger wird gesucht,
der den Anschein vermittelt, qua Amt und Weihegnade etwas anderes, besseres zu sein und
über dem Laien steht. Nicht der Funktionsträger wird gesucht, der hinter seinem Amt als
Mensch nicht mehr zu erkennen ist.
Gefragt ist dagegen nicht nur der Fachmann in Theologie.
Gefragt ist der Priester, der mit uns den Weg des Glaubens geht – auch in allen Irrungen und
Wirrungen.
Gefragt
ist der Seelsorger, der den Menschen auf seinem Lebensweg begleitet.
Gefragt
ist der Begleiter, der die Glaubens- und Lebenserfahrung seiner
Gesprächspartner ernst
nimmt. Der nicht in Abwehrhaltung gerät, wenn er es mit Menschen zu tun hat, die nicht
aus dem „problemlosen Milieu“ stammen, dem kirchlich
vorgesehen geregelten Leben.
Gefragt ist der Mensch, der mitten im Leben steht und nicht 10 cm über dem Boden schwebt.
Gefragt
ist der Mensch, dem wir aufgrund seines Menschseins abnehmen, was er verkündet.
Von einem solchen Priesterbild wird man sich aber verabschieden müssen. Der Priestermangel
wird auch in Deutschland, in der einen Diözese früher in der andern später, wirksam werden.
Pfarreien mit 25.000 bis über 40.000 Katholiken werden in naher Zukunft auch bei uns keine
Seltenheit mehr sein. Bleibt es beim derzeitigen Amtsverständnis und den Zugangsvoraussetzungen
für priesterliche Aufgaben, wird es zwangsweise den priesterlichen Manager geben, der für
Seelsorger keine Zeit mehr haben wird.
Der
Zölibat ist durchaus in Orden, ordensähnlichen Gemeinschaften und Priestergemeinschaften
sinn-
und wertvoll. In solchen Gemeinschaften kann die Zeichenhaftigkeit des Zölibats
glaubwürdiger
gelebt werden. Dort ist auch eine gegenseitige Stützung der zölibatären
Lebensform
eher gegeben, als bei einem Einzelkämpfer in einer Pfarrei.
Was
würde eine Aufhebung des Zölibats heute bewirken? Nach der gegenwärtigen
innerkirchlichen
Amtsverständnis und Logik würde mit einer Lockerung beim Zölibat ein
„Zwischenstand“
eingeführt. Zum einen die „vollwertigen“ zölibatären geweihten Priester.
Dann
die verheirateten nicht ganz so gottgefälligen, weil nicht so reinen
verheirateten Priester
als
Zwischenstand. Schließlich der „einfache“ weil nicht geweihte Laie, ganz egal
welche berufliche
Qualifikation
er mitbringt. Der hierarchische Aufbau wäre aus römischer Sicht damit gerettet.
Ein
solcher Schritt wäre zu kurz gegriffen. Denn welche Menschen, mit welchen
Persönlichkeitsstrukturen
würden den Beruf des verheirateten nicht ganz so gottgefälligen,
weil
nicht so reinen verheirateten Priester ergreifen?
Haben
die kirchlichen Würdenträger schon einmal darüber nachgedacht, dass der lang
anhaltende
und
immer größer werdende Priestermangel auch ein Fingerzeig des Geistes Gottes
sein kann?
Besteht
die Verantwortung von Papst und Bischöfen vor Gott allein darin, um jeden Preis
an der
derzeitigen
Form des Weihepriestertums mit Zölibat und der jetzigen Struktur der Kirche
festzuhalten?
Die Verantwortung der Kirchenleitung besteht darin, die Berufungen, die der
Geist
Gottes
der Kirche schenkt, zu erkennen, zu akzeptieren und zum Wohl der Kirche
anzunehmen
und
auch einzusetzen.
Vielmehr sollten die Verantwortlichen in der Kirche das allgemeine Priestertum ernster nehmen.
Hier kann die Beauftragung von Laien (und Laientheologen) für bestimmte Aufgaben sinnvoll
sein. Dies kann durchaus die Wortverkündigung und Sakramentenspendung einschließen.
Stichworte hierzu sind: Priester auf Zeit, Teilzeitpriester. Allerdings wird sich die Amtskirche
dazu aus Angst vor einer zu großen materiellen und geistigen Unabhängigkeit solcherart
Beauftragter von kirchenamtlichen Strukturen nicht aufraffen können..
20.11.2006
Hans-Albert Link