Sozialverband
stellt Studie vor / "Erschreckende Ergebnisse" / Sparpolitik
verantwortlich gemacht
In Deutschland sind Männer und Frauen ohne
festen Wohnsitz häufiger krank und werden immer ärmer. Dies geht aus einer
Studie hervor, die die evangelische Obdachlosenhilfe vorstellte.
VON FRANK TEKKILIC
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Frankfurt a. M. · 9. Juli · Nach Schätzungen
der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe haben derzeit etwa 400 000
Menschen in Deutschland kein eigenes Dach über dem Kopf. Nach der Studie der
Bielefelder Gesellschaft für Organisation und Entscheidung (GOE) sind etwa ein
Viertel davon 28 Jahre und jünger, der Schnitt liegt bei 38 Jahren. "Das
ist nach unseren Beobachtungen ein dramatischer Anstieg an Jugendlichen",
sagte Wolfgang Gern, Vorsitzender der evangelischen Obdachlosenhilfe, am
Freitag in Frankfurt am Main. Verantwortlich dafür ist nach Gerns Ansicht, dass
wegen der Sparzwänge immer weniger Jugend- und Suchtkrankenhilfen gezahlt
werden.
Nach Angaben der evangelischen Obdachlosenhilfe handelt es sich bei der
GOE-Studie um die "größte seit der Wiedervereinigung". Ein Jahr lang
wurden 150 von rund 360 Einrichtungen der Diakonie für Wohnsitzlose befragt.
Zur Sicherung der Repräsentativität wurden vereinzelt Klienten befragt, die
nicht an der Untersuchung teilnahmen, so die GOE.
Als zweiten "erschreckenden Befund" sieht die kirchliche
Hilfseinrichtung, dass die Menschen ohne festen Wohnsitz immer kranker werden.
Etwa 40 Prozent sind laut der Untersuchung akut oder chronisch krank, aber nur
etwa ein Viertel von ihnen wird medizinisch behandelt. "Diese Daten wurden
noch vor der Gesundheitsreform erhoben, seither hat sich die Versorgung für den
Personenkreis nochmals drastisch verschlechtert", sagte Gern. Die
Hilfesuchenden könnten sich Eigenbeteiligungen, Zuzahlungen und Praxisgebühren
einfach nicht mehr leisten. Er schlug vor, die Sozialhilfe um die rechnerische
Zusatzbelastung von etwa sechs Euro monatlich zu erhöhen. Der Betrag solle aber
nicht ausbezahlt, sondern direkt an die Krankenkassen überwiesen werden.
Sämtliche Zusatzgebühren seien damit für die Betroffenen abgegolten.
Schließlich erbrachte die Studie auch eine zunehmende Verarmung der
Wohnsitzlosen. Rund 60 Prozent haben gegenwärtig ein Einkommen unter 310 Euro.
Das liegt noch unterhalb der Sozialhilfe. 44 Prozent haben kein regelmäßiges
Einkommen. Laut Gern würden viele ihr "verbrieftes Recht" nicht
einfordern.
Die evangelische Obdachlosenhilfe habe in diesem Zusammenhang noch eine andere
Beobachtung gemacht. Immer mehr Landesregierungen kommunalisierten die
Kostenträgerschaft für die Wohnungslosenhilfe. Das wiederum führe dazu, dass
gerade kleinere Städte und Gemeinden ihre Zahlungen begrenzen oder gar
einstellen. Die Folge: Immer mehr Betroffene zögen in die Anonymität großer
Ballungsgebiete. Pfarrer Gern plädiert deshalb für eine überörtliche
Kostenträgerschaft.
Nach Meinung des kirchlichen Trägers räume die Studie auch mit gängigen
Vorurteilen auf. So könne erstmals bestätigt werden, dass sich der Anteil von
Menschen mit Migrationshintergrund in der Wohnungslosenhilfe mit 13,2 Prozent
ungefähr dem "Niveau in der Normalbevölkerung" angenähert habe.
Deutlich weniger als 40 Prozent seien Alkoholiker - die meisten Schätzungen
hätten bislang weit darüber gelegen.
10.7.04
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 4
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=468370&