Zur Wiesbadener Oberbürgermeister-Wahl 2007
bahnt sich eine Überraschung an. Der katholische Stadtdekan Ernst-Ewald Roth
will offenbar für die Sozialdemokraten in den Ring steigen.
Ein Sprecher des Bistums Limburg sagte der
Nachrichten-Agentur KNA, Bischof Franz Kamphaus kenne die Pläne des 53-jährigen
Theologen. Kamphaus wolle aber zunächst abwarten, wie sich die SPD zu der
Bewerbung verhalte. Der Sprecher stellte eine Erklärung des Bistums für
Mittwoch in Aussicht.
Roth stellt sich den Informationen zufolge am
Dienstagabend im Wiesbadener Rathaus dem Beirat der SPD. Danach könnte er einem
SPD-Parteitag als Kandidat vorgeschlagen werden. Das katholische Kirchenrecht
verbietet es Priestern allerdings, weltliche oder politische Ämter auszuüben.
Sollten sich die Sozialdemokraten für den Dekan entscheiden, müsste ein Ausweg
aus diesem Dilemma gefunden werden. Die Kandidatur wäre ein in Deutschland
bislang einmaliger Vorgang. Roth äußerte sich noch nicht öffentlich zu seinem
Vorhaben.
25.4.06
Marco
Pighettis "echter Kracher" für die OB-Kandidatur der SPD heißt
Ernst-Ewald Roth und ist Stadtdekan
WIESBADEN Seit Monaten hatte
SPD-Parteichef Marco Pighetti einen "echten Kracher" angekündigt.
Jetzt erfuhr der Kurier aus gut unterrichteter Quelle: Der "Kracher"
heißt Ernst-Ewald Roth (53), ist Pfarrer an St. Bonifatius und Stadtdekan. Und
will Oberbürgermeister werden.
Von Manfred Gerber
Spektakulär ist eine Kandidatur Ernst-Ewald
Roths allein deshalb, weil katholischen Priestern nach weltweit gültigem
Kanonischen Recht klipp und klar verboten ist, weltliche Macht auszuüben.
"Öffentliche Ämter anzunehmen, die eine Teilhabe an der Ausübung
weltlicher Gewalt mit sich tragen, ist den Klerikern verboten", steht
eindeutig im Codex Juris Canonici. Eine Ausnahmegenehmigung könnte nur der
Papst erteilen.
Wenn sich Roth von der SPD zum
OB-Kandidaten ausrufen lässt, muss Bischof Franz Kamphaus reagieren und den
Wiesbadener Stadtdekan von sämtlichen kirchlichen Ämtern entbinden, sagt
Professor Thomas Schüller, Leiter der Rechtsabteilung Kirchliches Recht im
Bistum Limburg. Denn schon eine Kandidatur habe ja die Übernahme eines
politischen Amtes zum Ziel. Eine Strafnorm für einen solchen Fall kennt das
kirchliche Strafrecht nicht. Die Reaktion darauf liegt im Ermessen des
Bischofs. Priester müssen prinzipiell parteilos sein.
Erfolgreicher ManagerZur Wiesbadener
Kandidaten-Diskussion wollte sich Schüller nicht äußern, sagte aber, dass der
Wiesbadener Vorgang "in der Bundesrepublik einmalig" sei. Aber noch
geht man im Bistum offiziell davon aus, dass Roth Wiesbadener Stadtdekan
bleibt.
Ernst-Ewald Roths politische
Ansichten gelten in Wiesbadener SPD-Kreisen als durchaus kompatibel mit den
Grundwerten der Partei. Der Stadtdekan gilt auch, unter anderem, weil er
Erfahrung als Vorsitzender des Caritas-Verbandes hat und Vorsitzender des
Verwaltungsrats des St. Josefs-Hospitals ist, als sozialpolitisch kompetent. Er
hat aber auch das Image eines erfolgreichen Managers und durchsetzungsfähigen
Sanierers, nachdem er vor zwei Jahren das Dekanat umstrukturierte und die Zahl
der pastoralen Räume in Wiesbaden auf vier reduzierte. Obwohl das - aus
Sparzwängen heraus - eine Vorgabe des Bischofs war, hatte sich Roth damit nicht
in allen Gemeinden Freunde gemacht.
Gegen den Irak-KriegAuch mit seiner
demonstrativen Gegnerschaft zu einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg wie am
US-Angriff auf den Irak überhaupt hatte sich Roth im Februar 2003 in einer Kundgebung
mit dem IG-Metall-Bevollmächtigten Hans Maus als Redner auf dem Luisenplatz
gegen den Krieg ausgesprochen und sich - wenn auch indirekt - auf die Seite der
rot-grünen Bundesregierung geschlagen.
Manchen Wiesbadener Genossen gilt
Ernst-Ewald Roth auch als idealer, aussichtsreicher SPD-Gegenkandidat zum
CDU-Mann Helmut Müller. "Weil er leutselig ist und auf die Menschen
zugehen kann", sagte ein Genosse, der nicht genannt werden wollte. Mit
Ernst-Ewald Roths mutmaßlicher Nominierung ist auch die versuchte Kandidatur
von Karl Heinrich Schäfer, dem Präses der evangelischen Landeskirche, dem
Vernehmen nach hinfällig geworden.
Offenbar waren Parteichef Pighetti
und Ernst-Ewald Roth seit längerem in Kontakt miteinander, um eine mögliche
OB-Kandidatur des Stadtdekans auszuloten. Ein Versuch Pighettis, einen
Kandidaten außerhalb Wiesbadens zu finden, war aussichtslos. In den vergangenen
Wochen war der Name Roth, wie auch im Kurier berichtet, öfter genannt, aber nie
bestätigt worden.
Was Roth im Falle einer Beurlaubung
durch den Bischof beruflich machen wird, war mangels Erreichbarkeit des
Stadtdekans nicht zu erfahren. Fest steht aber, dass Roth sich heute Abend dem
SPD-Beirat vorstellt. Das ist ein 60-köpfiges Gremium, bestehend aus
Rathausfraktion, Unterbezirksvorstand und sämtlichen Vorsitzenden der
Ortsvereine der Stadt. Wenn Roth dort gut ankommt, sagte ein Insider, dürfte es
auch keine Schwierigkeit mehr sein, ihn auf dem SPD-Parteitag am 12./13. Mai
als Oberbürgermeister-Kandidat
auf den Schild zu heben.
24.4.06
Quelle: http://www.main-rheiner.de/region/objekt.php3?artikel_id=2359683