DIE ZEIT: Wie man in Deutschland glaubt

Was Pastoren zu sagen haben, berührt viele Christen nicht mehr.
Gotteshäuser machen zu.
Doch geglaubt wird nach wie vor - an was auch immer


Dass sie nach 20 Jahren wieder in den Schoß der katholischen Kirche
zurückgekehrt ist, wundert sie selbst ein wenig. "Ist schon merkwürdig, ich
als moderne Frau Anfang 40, noch dazu eine Grüne mit einer linken Gesinnung
", sagt die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer. Anzumerken ist
der heutigen Journalistin ihr Sinneswandel nicht: Sie tritt ebenso energisch
auf, debattiert noch immer leidenschaftlich wie zu der Zeit, als sie im
rot-grünen Kabinett saß. Und doch, sagt sie, habe sich etwas geändert: "Ich
habe irgendwie meinen Weg gefunden und begriffen, dass Glauben und
Katholischsein Freiheit bedeutet."

Freiheit? Das würden wohl nur wenige mit der katholischen Kirche
assoziieren. Ist nicht die 2000 Jahre alte Glaubensgemeinschaft der Prototyp
einer verkrusteten Institution, die ewig gestrige Grundsätze predigt? War es
nicht der katholische Kardinal Joseph Ratzinger, der kürzlich allen Ernstes
vor dem Kinderliebling Harry Potter warnte und dessen Zaubertricks als
Zersetzung "des Christentums in der Seele" brandmarkte? Ausgerechnet eine
erfahrene Politikerin wie Andrea Fischer kommt uns da mit der Freiheit des
katholischen Glaubens!

"Ich bin keine Missionarin", lacht Fischer. "Ich will niemanden zu meinem
Glauben bekehren." Eines aber habe sie festgestellt: "Nach der ersten
Irritation über meinen Schritt spüre ich bei vielen Leuten den Wunsch, über
Glaubensdinge zu reden." Dieses "große Bedürfnis nach Sinn und Transzendenz"
entdeckte sie auch während des biopolitischen Streits über die
Stammzellforschung und den Beginn des Lebens. Da diskutierten viele Menschen
mit Inbrunst und Leidenschaft über Themen, von denen sie selbst gar nicht
direkt betroffen waren. "Ich glaube, die Leute waren froh, einmal öffentlich
über moralische Positionen und Wertmaßstäbe debattieren zu können." Denn an
solchen Gelegenheiten mangele es in unserer Gesellschaft. "In der
Öffentlichkeit wird über alles geredet, auch über intime Dinge, die besser
nicht öffentlich verhandelt werden sollten - nur nicht über Glauben. Da gibt
es eine Scheu, fast, als ob das etwas Obszönes sei."

Damit hat sie Recht. Es gibt kaum noch ein Tabu, das in der
Mediengesellschaft nicht grell ausgeleuchtet, in Talkshows breitgequatscht
und bis aufs letzte Schamhaar in Fotoreportagen zur Schau gestellt würde.
Doch kommt die Rede auf letzte Überzeugungen, auf jenes schwer Fassbare, das
dem Einzelnen ein Ziel und dem Ganzen einen Sinn gibt, verstummt die
allgemeine Geschwätzigkeit. Was und woran die Deutschen glauben, woher sie
ihr Weltbild und ihre moralischen Wertmaßstäbe ableiten, machen die meisten
im stillen Kämmerlein aus. Öffentliche Bekenntnisse dazu sind - abgesehen
von den Äußerungen der üblichen Verdächtigen - so rar wie das Vaterunser auf
der Betriebs-Weihnachtsfeier. Und bricht das Religiöse doch einmal in die
säkulare Gesellschaft ein - etwa in Form einer muslimischen Lehrerin, die im
Unterricht ein Kopftuch zu tragen begehrt - reagieren viele verstört und
verunsichert.

Wie man in Deutschland glaubt
Kommt allerdings im kleinen Kreis das Thema Glauben aufs Tapet, etwa wenn
Kinder nach dem Verbleib des verstorbenen Großvaters oder dem Sinn der
Adventszeit fragen, treten mitunter selbst bei abgeklärten Zeitgenossen tief
vergrabene Glaubensreste zum Vorschein. Denn die Sehnsucht nach dem
Religiösen - dem "sich zurückverbinden" (lat. religari) mit einem Ursprung,
etwas Allumfassenden, möglicherweise Heiligen - lässt sich so leicht nicht
aus der Welt schaffen.

Allerdings zeigt sich diese Sehnsucht heute nicht mehr im blinden Glauben an
kirchliche Dogmen sondern in einer individuellen Sinnsuche, die vielleicht
auf einsame Bergtouren führt, in die Esoterikszene oder zu fernöstlichen
Religionen. Und manche - wie Andrea Fischer - bringt diese Suche auch wieder
zur Kirche zurück. Den 300000 Deutschen, die jedes Jahr aus der Kirche
austreten, stehen immerhin 12000 Eintritte in die katholische Kirche
gegenüber, die evangelische verzeichnet sogar 60000 Neu- oder
Wiederaufnahmen. Was treibt jemanden zu einem solchen Schritt?

So ganz genau kann Andrea Fischer das gar nicht benennen. Als 1998 erstmals
die Hälfte einer deutschen Regierung beim Amtsschwur den Zusatz "so wahr mir
Gott helfe" ablehnte, merkte die Gesundheitsministerin, wie sehr ihr
Wertesystem von den katholischen Vorstellungen aus dem Elternhaus geprägt
ist und dass für sie die Rückversicherung nach oben eine Notwendigkeit war.
"Ich hatte das Gefühl: Du weißt aus dir heraus auch nicht alles, und es gibt
da vielleicht Wichtigeres, das über dich hinausgeht." Der
Wiederaufnahmezeremonie der katholischen Kirche hat sie sich erst nach ihrem
Rücktritt unterzogen. Heute unterscheide sich ihr Glaube deutlich von jenem,
der ihr früher vermittelt wurde. "Ich habe nicht mehr das Gefühl, einer Norm
genügen zu müssen." Und Gott sei für sie nicht "jemand, der mir sagt, was
ich genau zu tun habe, sondern jemand, der mich in eine ständige
Auseinandersetzung zwingt". Vielleicht ist es das, was ihr Halt und Freiheit
zugleich vermittelt.

Die meisten Deutschen dagegen haben mit der Kirche nur noch wenig am Hut.
Zwar gehören offiziell noch immer zwei Drittel aller Deutschen entweder der
katholischen (26,7 Millionen Mitglieder) oder der evangelischen Kirche (26,3
Millionen) an. Doch nur noch etwa jeder Zehnte lässt sich regelmäßig im
Gottesdienst blicken, nahezu jeder Zweite gibt in Umfragen an, die Kirchen
hätten auf die ihn bewegenden Fragen keine Antworten mehr. Schon rekrutieren
katholische Gemeinden Priester aus Polen, weil der eigene geistliche
Nachwuchs fehlt. Deutschland, einst stolzes Zentrum des Heiligen Römischen
Reiches und Stammland der Reformation, scheint sich vom Glauben abgewandt zu
haben.

Bereits jetzt haben die größten deutschen Glaubensgemeinschaften deutlich an
gesellschaftlicher Relevanz verloren. Als die Unternehmensberatung McKinsey
dieses Jahr in ihrer groß angelegten Online-Erhebung Perspektive Deutschland
nach der Glaubwürdigkeit deutscher Institutionen fragte, landeten die
Kirchen weit abgeschlagen hinter dem ADAC, Greenpeace oder der Bundeswehr.
Magere 17 Prozent gaben an, der evangelischen Kirche uneingeschränkt zu
vertrauen, bei der katholischen Kirche waren es gar nur noch 11 Prozent -
ein harter Schlag für eine Institution, die sprichwörtlich von ihrer
Glaubwürdigkeit lebt.

Besonders bitter: Anders als bei den politischen Parteien oder
Gewerkschaften, die ähnlich schlecht abschnitten, sehen die Befragten bei
den Kirchen kaum Änderungsbedarf. Den meisten Deutschen scheint das Wohl und
Wehe der Institution Kirche schlicht egal geworden zu sein. "Das Problem der
Kirchen ist, dass sie schon lange keines mehr sind", brachte der Berliner
Journalist Christian Bommarius diese Haltung im Kursbuch auf den Punkt. Die
Öffentlichkeit behandele die Kirchen mit Nachsicht, "gleichmütig, aber
freundlich, wie den senilen Alten, dessen Gebrabbel am Tisch niemanden
erschreckt, aber auch nur selten amüsiert".

Was Atheisten so denken
Behält also jener sächsische Pfarrerssohn Recht, der vor 120 Jahren halb
triumphierend, halb schaudernd den Tod Gottes verkündete? Dabei schwante
Friedrich Nietzsche schon damals: "Ist nicht die Größe dieser Tat, Gott
getötet zu haben, zu groß für uns? Gibt es noch ein oben oder unten? Irren
wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? (.) Ist es nicht kälter
geworden?"

"Erzählen Sie uns von Ihrem Leben ohne Gott." Mit dieser Frage - gestellt in
Zeitungsannoncen und auf Postkarten, die in Kneipen auslagen - wollte das
Kölner Erzbistum in den vergangenen Monaten erfahren, was moderne Atheisten
so denken. Unter www.ohne-gott.de kann jeder anonym loswerden, was ihm auf
der Seele liegt. "Das Erstaunliche war: Es haben sich total viele gemeldet",
sagt Heiner Koch, oberster Seelsorger und Domkapitular am Kölner Dom. Zwar
hätten längst nicht alle Online-Chatter das Gesprächsangebot der Kirche
angenommen, "aber allein das Erzählte war für uns schon interessant".

Die scheinbar Gottlosen seien "zum geringsten Teil Atheisten", sagt Koch.
Tief berührt sei er gewesen angesichts all der Sehnsucht und der Hoffnung,
die da zum Ausdruck kamen. "Ich habe bei ihnen manches Ringen und Suchen und
Fragen und Kämpfen erlebt, dass ich sagen würde: Die sind so nahe bei Gott
wie wahrscheinlich mancher nicht, der sich als gläubig bezeichnet." Er habe
jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Menschen gar nichts mehr glauben,
sagt Koch. Im Gegenteil: "Die Leute glauben fast alles."

Das spirituelle Vakuum der Moderne macht anfällig für viele Arten
pseudoreligiöser Botschaften. Davon profitieren nicht nur Psychotherapeuten,
Motivationstrainer oder Gesundheitsgurus. Auch Marketingfirmen haben das
längst erkannt. "Welche religiösen Sehnsüchte in der Werbung angesprochen
werden", wundert sich Koch, "nach Heil, nach Glück, nach Erfüllung und so
weiter." Besonders angetan hat es dem Gottesmann ein Werbespruch der
Lufthansa: "Wir halten den Himmel offen." Das sei doch das ursprüngliche
Programm der Kirche.

Umfragen zeigen, dass die Deutschen zwar mehrheitlich die Dogmen und
Vorschriften der Kirche ablehnen, sich aber gleichwohl nach einer - wie auch
immer gearteten - höheren Macht sehnen. Rund zwei Drittel der Bevölkerung
geben an, irgendwie an "Gott" zu glauben. Auf die christliche Definition
eines personalen, dreieinigen Gottes - Vater/Sohn/Heiliger Geist - beziehen
sich, dem DataConcept-Institut zufolge, allerdings nur 12 Prozent. Die
anderen assoziieren mit Gott eher abstrakte Werte wie Liebe, Barmherzigkeit
oder "das Gute im Menschen", glauben an "Frieden", "Natur" oder schlichtweg
das "Universum". Hoch im Kurs stehen auch persönliche Schutzengel - auf sie
hoffen fast 80 Prozent aller Gottgläubigen. Dafür wissen nur 40 Prozent
aller Deutschen über die zehn Gebote "gut bis sehr gut" Bescheid, bei der
Bergpredigt sind es gar nur noch 17 Prozent.

"Die meisten sehen heute die Kirche als eine Art Aldi-Laden", beschreibt
Heiner Koch die Glaubenswelt seiner Zeitgenossen. "Man nimmt die
interessanten Angebote mit - Kindergärten, Schulen, besondere
Gottesdienste -, lässt die Gebote und den Papst liegen, bezahlt an der Kasse
seine Kirchensteuer und erwartet dafür eine prompte Dienstleistung. Dann
guckt man im nächsten Laden, was die Astrologie so anbietet, was es bei der
Psychotherapie oder dem Buddhismus gibt - und entscheidet sich nächste Woche
wieder neu."

Der Religionssoziologe Peter L. Berger sieht darin einen grundsätzlichen
Trend der modernen Gesellschaft: die "Wandlung von Schicksal zur Wahl". "Was
früher als gegeben erlebt wurde, wird nun zu einer Vielfalt von möglichen
Entschlüssen und Handlungen", schreibt der in Boston lehrende
Wissenschaftler. Denn die Verbote und Strafen der früheren Orthodoxie haben
meist ihren Schrecken verloren. Das macht frei - und heimatlos. Im selben
Maße, in dem das Vertrauen in die alten Welterklärer - Kirchen, Parteien,
Gewerkschaften - schwindet, sieht sich der Einzelne gezwungen, seine
Identität selbst zu bestimmen, und zwar immer wieder aufs Neue. Die
Soziologie spricht in diesem Zusammenhang von "Patchwork-Religionen", die in
Eigenarbeit zusammengebastelt werden. Peter Berger nennt das den "Zwang zur
Häresie", in Anspielung auf das griechische hairesis, was so viel wie "Wahl"
bedeutet. "Wir sind alle, jeder auf seine Art, zu ,Häretikern' geworden."

Ein Draht zum Himmel
Maria Ziebarth hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass auch sie einst zu
diesem modernen Typus des modernen Häretikers zählen würde. Und doch ist die
Geschichte ihrer Berliner Familie beispielhaft für diese Entwicklung.
Geboren als neuntes Kind einer streng katholischen Familie, wuchs Maria
Ziebarth in den vierziger Jahren noch mit allen in diesem Milieu üblichen
Ge- und Verboten auf. "Bring bloß keinen Evangelischen mit nach Hause", hieß
es beispielsweise, wenn sie einmal mit einem Freund ins Kino ging. Das habe
sie lange als selbstverständlich empfunden, auch eine Geborgenheit im
Glauben gefühlt und diese Werte den eigenen drei Kindern weitergegeben. Doch
als ihr Mann früh starb und die gelernte Apothekenhelferin begann, in einem
katholischen Krankenhaus zu arbeiten, entdeckte sie die Doppelmoral der
barmherzigen Schwestern. "Unter denen gab es zum Teil einen richtigen Hass."
Auch gegenüber den Patienten war es mit der christlichen Nächstenliebe nicht
immer so weit her.

Die Kinder machten ähnliche Erfahrungen. Im Gottesdienst und in der
Nonnenschule erlebten Petra und Beate, dass "Reden und Tun bei vielen
auseinander klafften", wie Petra sagt. Thomas Ziebarth, dem auf einer
Jesuitenschule christliche Grundsätze vermittelt werden sollten, bekam von
seinen Lehrern zu spüren, dass er aus einem bescheidenen Elternhaus kam, das
weder über Geld noch Titel verfügte. Und als Ende der sechziger Jahre die
erste Studenten-Demo mit roten Fahnen am Schulfenster in der
Tiergartenstraße vorbeizog, sagte der Lehrer nur: "Wir lassen die Rollläden
herunter." Als der Jugendliche die Rebellion probte, rächten sich die
Jesuiten-Patres mit schlechten Noten. Der Junge verließ die Schule, trat
bald darauf aus der Kirche aus - und war schwer enttäuscht, dass er dazu
lediglich aufs Finanzamt musste. "Ich dachte, da gäbe es noch einmal ein
Gespräch, wo ich meine ganze Kritik hätte vorbringen können", sagt er
rückblickend.

Die anderen Mitglieder der Berliner Familie gehören zwar noch immer der
Kirche an, doch mit der Institution wollen auch sie nichts mehr zu tun
haben. Maria, das einstige Pfarrgemeinderatsmitglied, besucht seit 30 Jahren
keinen Gottesdienst mehr. Petra Ziebarth fühlte sich von der Heuchelei im
Kirchenmilieu gar so sehr abgestoßen, dass "ich lange Zeit keinen Fuß in
eine Kirche setzen konnte, ohne dass mich das Grausen überfiel". Das gilt
auch für die evangelische Kirche, mit der sie in den siebziger Jahren
aneinander geriet. Als sie einen protestantischen Pfarrer heiratete, ohne
sich kirchlich trauen zu lassen, "gab es einen Riesenaufstand. Die Kirche
setzte uns moralisch so lange unter Druck, bis wir uns pro forma von einem
Bekannten trauen ließen - nur damit die Sache auf dem Papier stimmte."

Helfen Heilige - oder Blumen?
Aufgehört zu glauben haben die Ziebarths deshalb nicht. "Den Herrgott, den
gibt's ja noch für mich", sagt Maria. Zwar sei sie von der Kirche
enttäuscht, doch habe sie immer "einen Draht zum Himmel" behalten. Und wenn
es mal ganz dick kommt, aktiviert sie auch die katholischen Heiligen - den
heiligen Konrad, wenn das Geld nicht reicht, Blasius bei Krankheiten oder
Don Bosco, wenn die Enkelkinder in der Schule Schwierigkeiten haben.
"Manchmal helfen sie - und manchmal nicht", lacht die 70-Jährige.

Auch für Petra sind heute "Religion und Kirche zwei verschiedene Dinge". Die
Psychologin, die in einer Erziehungs-Wohngruppe mit Kindern aus schwierigen
Familienverhältnissen lebt, schätzt zwar das soziale Engagement kirchlicher
Träger. "Doch das ist ja nicht zwangsläufig mit Kirche verbunden." Dafür
sucht sie, "wenn alle Stricke reißen", die Geborgenheit in der Natur, beim
Betrachten einer Blume oder beim Gesang eines Vogels. "Da ist eine Energie
zu spüren, - ob man das nun als Gott oder was auch immer bezeichnen möchte."

Für ihre Schwester Beate ist das zu wenig. "Wenn alles zusammenbricht, da
hilft eine Blume nicht weiter." Sie hat im Notarztwagen das Beten wieder
gelernt. Auf dem Weg zur Klinik, als ihr jüngster Sohn nach der Geburt vom
Kindstod bedroht war, fiel ihr plötzlich das Vaterunser ein. "Wenn man sich
besinnt und konzentriert, dann kommt die Kraft auch", sagt die dreifache
Mutter. Mittlerweile erwägt sie sogar, ihre Kinder taufen zu lassen - "Dann
gibt es da noch einen, der auf sie aufpasst." Allerdings denkt sie eher an
eine Taufe in einer evangelischen Kirche, vielleicht bei dem Pastor, den
ihre Schwester einst heiratete.

Thomas Ziebarth hält es dagegen heute mit dem Buddhismus. In den siebziger
Jahren, in einem besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg, begann er zu
meditieren. Später schloss er sich einer Gruppe an, fuhr zu
Meditationswochen und ließ sich sogar zum Zen-Mönch ordinieren. "Das stille
Sitzen klärt den Geist. Aber es ist auch eine energetische Erfahrung. Wenn
ich ein paar Wochen nicht dazu komme, spüre ich, dass meine Batterien mal
wieder aufgeladen werden müssen", sagt der 45-Jährige, in dessen Futonladen
in Kreuzberg tibetische Tangkas - Rollbilder mit religiösen Motiven -
hängen.

Als "Buddhist" würde er sich allerdings nicht bezeichnen. Bei seinen Reisen
durch Asien habe er eben auch gesehen, "dass man jede Religion missbrauchen
kann". Deshalb ist ihm heute wichtig, dass "die Meditation offen bleibt,
dass einem niemand etwas vorsetzt, das man zu glauben hat" - sei es nun die
Frage nach Gott oder nach der Reinkarnation. "In meiner Gruppe hat jeder
eine andere Meinung dazu - und das finde ich gut so."
155000 eingetragene Buddhisten zählt der Religionswissenschaftliche Medien-
und Informationsdienst in Deutschland, Tendenz steigend. In Berlin gibt es
seit diesem Jahr sogar erstmals buddhistischen Religionsunterricht an
öffentlichen Schulen. "Viele Anhänger des Buddhismus", sagt der Bremer
Religionswissenschaftler Martin Baumann, "sind vom Christentum enttäuscht,
weil Religion da fast nur mit dem Kopf, nichts mit dem übrigen Körper zu tun
hat. In der Meditation dagegen fühlt man Religion." Außerdem fasziniere
viele die Dogmenlosigkeit der 2500 Jahre alten Lehre des Gautama Buddha, die
keinen Gottesglauben vorschreibt, sondern als praktische Lebensanweisung
gelesen werden kann.

Von der Kirche zur Moschee
Die fremden Religionen, die hierzulande noch nicht mit dem Ballast
vergangener Sünden belastet sind, kommen dem modernen Trend zur "Häresie"
durchaus entgegen. Die etablierten Kirchen dagegen geraten immer mehr in die
Situation bedrohter Unternehmen, die früher eine Monopolstellung innehatten
und nun fassungslos mitansehen müssen, wie ihnen nach und nach die zahlende
Kundschaft wegläuft. Rezession und Steuerreform vermindern das
Kirchensteueraufkommen zusätzlich, sodass die Institution Kirche inzwischen
unter enormen Spardruck geraten ist. Besonders dramatisch ist die Lage im
Erzbistum Berlin: Dort müssen in den nächsten Jahren 400 der vormals 2700
Stellen gestrichen werden, die Zahl der Gemeinden soll von 207 auf 106
schrumpfen. Auch in besser situierten Städten wie Hamburg werden die ersten
Kirchen verkauft. Schätzungsweise jedes dritte Gotteshaus ist in Zukunft
nicht mehr zu halten. "Wird die Stephanuskirche jetzt zur Moschee?", jammert
die Bild-Zeitung, sonst fürwahr kein Kirchenblatt.

Dieser Trend wird sich vermutlich noch dramatisch verschärfen. Schließlich
gehören heute viele der Kirche nur noch deshalb an, weil sie - wie die
Ziebarths - in ihrer Jugend kirchlich sozialisiert wurden. Doch wer von der
jungen Generation, die Kindergottesdienst und Ministrantentum nur noch vom
Hörensagen kennt, soll morgen die Kirchen füllen?

Das ist kein spezifisch deutscher, sondern ein genereller europäischer
Trend. Auch in Großbritannien und Italien geht nur etwa jeder 10. einmal pro
Woche zum Gottesdienst, in Frankreich gar nur jeder 20., wie die European
Values Study feststellte. Die europäischen Kirchen, lästerte die New York
Times, erschienen "mehr und mehr wie eine Ansammlung von
Touristenattraktionen aus der Vergangenheit des Christentums". Und der
Generalsekretär der britischen United Reform Church, David Cornick, stellte
fest, "dass Europa nicht länger christlich" sei. Nicht einmal in der
Präambel der EU-Verfassung war ein Gottesbezug noch vorgesehen - vielleicht
blieb dem Werk deshalb der letzte Segen verwehrt?

Währendessen boomt das Christentum anderswo: In Lateinamerika bekennen sich
92,7 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben. In Afrika ist die
Zahl der Christen im vergangenen Jahrhundert von 9,2 auf 45,4 Prozent der
Gesamtbevölkerung hochgeschnellt. Und in den Vereinigten Staaten wird der
Glaube nicht nur in politischen Reden hochgehalten. Mehr als jeder Dritte
sucht in God's own country mindestens einmal pro Woche den Segen seiner
Glaubensgemeinschaft. Dieser religiöse Eifer hat auch damit zu tun, dass im
amerikanischen "Kirchensupermarkt" jeder nach seiner ganz eigenen Façon
selig werden kann.

Heiliger McKinsey, hilf!
In den USA haben die Kirchen längst jenen Schritt von der Pflicht- zur
Wahlreligion vollzogen, der in Deutschland noch bevorsteht. Mittlerweile
denken Pastoren auch hierzulande darüber nach, wie sie ihr Profil auf dem
Markt der Lebenshilfeanbieter schärfen können. Über den einzuschlagenden Weg
herrscht durchaus Uneinigkeit. Während die einen, wie etwa das neu gewählte
Oberhaupt der Evangelischen Kirchen, Bischof Wolfgang Huber, sich mit
politischen Botschaften zu profilieren versuchen, beklagen andere den
"Substanzverlust" der Kirche und fordern die Rückkehr zu einer klareren
Verkündigung der Glaubensbotschaft.

In ihrer Not suchen die Kirchen auch die Hilfe der Unternehmensberatung.
McKinsey berät mittlerweile mehrere deutsche Bistümer, unter anderem das
Erzbistum Berlin. "Kirche lebt von überzeugenden Personen. Ich würde unter
anderem noch mehr in jene Mitarbeiter investieren, die in direktem Kontakt
mit Menschen stehen, wie beispielsweise das Seelsorgepersonal", schlägt
McKinsey-Berater Thomas von Mitschke vor. Denn die Ergebnisse der
McKinsey-Umfrage hätten vor allem gezeigt, dass das Vertrauen in die Kirche
schwindet, die Sozialträger Caritas und Diakonie dagegen hohes Ansehen
genießen. Selbst das Personal, die katholischen und evangelischen Pfarrer,
schneidet in der Online-Umfrage besser ab als ihre Firmen, die Kirchen.
"Nirgendwo arbeiten so viele motivierte Mitarbeiter", glaubt von Mitschke.
Auch in den Gemeinden gebe es ein großes Potenzial für ehrenamtliches
Engagement, das die Kirchen stärker nutzen könnten, sagt der Berater, der
seine Arbeit als Beitrag eines bekennenden Katholiken versteht.

Eine Widerstandsgeschichte
Von einer notwendigen "Marktanalyse" der Stärken und Schwächen der Kirche
spricht auch Friedrich von Kymmel. Der Pastor der Gemeinde Morgenitz auf der
Ostsee-Insel Usedom ist allerdings das krasse Gegenteil eines
McKinsey-Beraters. Der Landpfarrer steht vielmehr beispielhaft für die
besondere Situation der Kirchen im Osten Deutschlands. Sie gerieten,
zumindest im real existierenden Sozialismus, in jene Opposition zum Staat,
die sie im Westen längst verloren hatten. Und gerade die Staatsferne
verschaffte ihnen in den Jahren der Wende Glaubwürdigkeit und
gesellschaftliche Relevanz.

Die Kirchengeschichte des Ostens lässt sich gut an Friedrich von Kymmels
eigener Biografie erzählen. Als christlich gesinnter Jugendlicher galt er in
der ehemaligen DDR automatisch als Dissident. "Friedrich steht den Problemen
der arbeitenden Bevölkerung nicht aufgeschlossen gegenüber", hieß es in der
schriftlichen Begründung, die von Kymmel vom Abitur ausschloss. Danach hätte
er nur noch auf einer der drei kirchlichen Hochschulen, die in der DDR
zugelassen waren, studieren können, "doch ich wollte kein Mitläufer werden".
Er begann eine Ausbildung als Elektriker, wurde auf den Baustellen von den
Kollegen agitiert und merkte bei seinen Hausbesuchen als Handwerker, "dass
man oft für die Leute eine Seelsorgerfunktion hat". Diese Erfahrung brachte
ihn dann doch zum Theologiestudium und 1988 nach Morgenitz. Das
120-Seelen-Dorf im äußersten Nordosten Deutschlands verfügte über eine
wunderschöne unheizbare Backsteinkirche aus dem 15. Jahrhundert und ein
Pfarrhaus, in dem der Pastor erst einmal Elektro- und Wasserleitungen
verlegen und eine Klärgrube bauen musste.

Dann kam das Wendejahr 1989. In Leipzig sammelten sich die
"Montagsdemonstranten" in der Nikolai-Kirche, und auch auf Morgenitz wurden
die Predigten "sehr viel politischer", erinnert sich von Kymmel. Als
Kristallisationspunkte des Protestes zogen die Kirchen auch all jene an, die
die Schizophrenie zwischen Anspruch und Wirklichkeit des DDR-Daseins nicht
mehr aushielten. "In der Kirche fanden sie nicht nur eine Heimat, sondern
auch Hilfe, mit dieser Zerrissenheit umzugehen", sagt von Kymmel. Außerdem
gab es im Schutz der Kirche die Freiheit, vieles zu sagen, was sonst tabu
war.

Heute sind diese großen Zeiten auch in Morgenitz vorbei. In von Kymmels
Gemeindesprengel, der im Umkreis von zehn Kilometern einmal knapp 3000
Einwohner hatte, lebt nur noch die Hälfte, etwa ein Drittel davon zählt zur
Kirche. Mecklenburg-Vorpommern gehört, neben Sachsen-Anhalt und Brandenburg,
zu den unchristlichsten Bundesländern überhaupt. Und die Kirchengemeinden
sind so verarmt, dass den Pastoren das Urlaubs- und Weihnachtsgeld
gestrichen werden musste. Wie vermittelt man da noch die Frohe Botschaft des
Christentums?

"Wenn die Menschen nicht in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben zu
ihnen kommen", sagt von Kymmel und wirkt dabei geradezu fröhlich. Dann
erzählt der 44-jährige Pastor von seinen Hausbesuchen ("Das erzeugt ein
Zusammengehörigkeitsgefühl, auch wenn die Leute nicht in den Gottesdienst
gehen"), von den Versuchen, mit rechtsradikalen Jugendlichen ins Gespräch zu
kommen und der Notfall-Seelsorge, die er auf Usedom ehrenamtlich mit einem
Kollegen aufgebaut hat. "Da muss man es aushalten können, wenn jemand beim
Überbringen einer Todesnachricht zu schreien anfängt - oder eine
Viertelstunde lang gar nichts sagt."

Er lebe gern hier, sagt er, fühle sich unter den bedächtigen Menschen auf
Usedom wohl. Leider ist das Idyll wohl nicht von Dauer. "Es ist absehbar,
dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich mit meinem Gehalt die
Kirchengemeinde finanziell ruiniere". Inzwischen geht ihm das ständige
Sparenmüssen selbst an die Substanz. "Ich muss - neben Taufen, Beerdigungen,
Hausbesuchen und Seelsorge - drei Kirchen und sechs Friedhöfe verwalten,
einen Schulbau betreuen, ein ehemaliges Pfarrhaus und Stallgebäude in der
Nachbargemeinde, muss im Gemeindekirchenrat die Sitzungen leiten, Spender
,pflegen', Einladungen schreiben, den Gemeindebrief entwerfen, bin meine
eigene Sekretärin und mein Manager."
Selbst im Gottesdienst steht von Kymmel unter Druck. "Man fühlt sich wie ein
Alleinunterhalter. Und wenn kein Kirchenmusiker da ist, muss man ohne
Begleitung mit den Leuten singen." Da hört sich manches Loblied wie ein
Trauermarsch an.

Manchmal hat von Kymmel allerdings weniger Stress, als ihm lieb ist. "Es
passiert schon, dass ich sonntags für den Gottesdienst alles vorbereite, die
Kerzen anzünde und die Glocke läute - und dann kommt keiner. Gar keiner",
sagt er halb amüsiert, halb traurig. Dann wartet er eine Viertelstunde,
pustet die Kerzen wieder aus und feiert im Pfarrhaus einen "Familien
"-Gottesdienst mit Frau und Kindern. (Ulrich Schnabel)

Aus: DIE ZEIT, 22.12.2003
Quelle: http://www.zeit.de/2004/01/Glauben_i__Dland