Wenig Hoffnung für Christen in der Türkei

 

„Wir sind praktisch rechtlos“ / Islamische Regierung zeigt kein Interesse an Freiheit nicht – muslimischer Glaubensgemeinschaften

 

CDU - Generalsekretär Ronald Pofalla hat S sich in Ankara und Istanbul über die Lage der Christen in der Türkei informiert.

Sie klagen über Einschränkungen der Religionsfreiheit. Die Hoffnung, die EU-Kandidatur werde ihnen mehr Rechte bescheren,

hat sich bisher nicht erfüllt.

 

ATHEN .Leicht hatten es Christen in der zu fast 100 Prozent von Muslimen bewohnten Türkei noch nie. Das zeigt sich am Schicksal der

Griechisch-Orthodoxen. Noch in den 50er Jahren belief sich ihre Zahl in Istanbul auf150 000. Nach systematischen Verfolgun-

e gen, Diskriminierungen und Nadelstichen in den zuriick1iegenden Jahrzehnten sind davon heute weniger als 2000 übrig geblieben.

"Unsere Situation wendet sich vom Schlechten zum Schlechteren", sagt Patriarch Bartholomaos, das in Istanbul, dem alten Konstantinopel,

ansässige Oberhaupt von 250 Millionen orthodoxen Christen.

 

Doch die Regierung in Ankara erkennt ihn nur als Oberhirten der kleinen orthodoxen Gemeinde in der Türkei an. Das orthodoxe Priesterseminar

auf der Insel Halki ließ die Regierung 1971 schließen, seither können die orthodoxen Christen in der Türkei keinen Priesternachwuchs mehr ausbilden.

 

Systematisch wurden in den vergangenen Jahrzehnten große Teile des Grundbesitzes des orthodoxen Patriarchats enteignet. " Wir sind praktisch

rechtlos", klagt ein Mitglied der orthodoxen Kirchenleitung.

 

So ergeht es auch anderen nicht - muslimischen Religionsgemeinschaften. 110 000 Christen leben in der Türkei, davon 55000 Armenier und

20000 Katholiken. Doch ihre Gemeinden existieren vor dem Gesetz gar nicht und sind ohne Rechte. Sie dürfen weder Immobilien besitzen,

noch können sie Mietvertrage abschließen oder Bankkonten führen. Seit Jahren mahnt zwar die EU- Kommission mehr Religionsfreiheit an,

doch Ankara ignoriert diese Appelle. So bat die türkische Regierung zwar im April 2006 die EU- Kommission um Entsendungen von Fachleuten,

um sie in Fragen der Religionsfreiheiten zu beraten. Doch am Tag bevor die Delegation einreisen wollte, wurde sie wieder ausgeladen.

Es gebe "keinen Bedarf' für Beratung, teilte die türkische Regierung mit.

 

Vergeblich warten die christlichen Gemeinden bisher auch auf die seit Jahren angemahnte Reform des Stiftungsrechts. Damit konnten

wenigstens die Eigentumsrechte der nicht-muslimischen Kirchen geregelt werden. Doch jetzt ging das Parlament wieder einmal in die

Sommerpause, ohne die Reform zu verabschieden. Christliche Geistliche beklagen ein zunehmend feindseliges Klima. Im Februar

wurde in der Schwarzmeerstadt Trabzon ein katholischer Priester ermordet, Anfang Juli ein Geistlicher in Samsun niedergestochen.

Hintergrund beider Attentate scheint die wachsende Christenphobie in der Türkei zu sein. Sie wird , auch von der islamisch geprägten

Regierung geschürt. So warnte der für Religionsfragen zuständige Staatsminister Mehmet Aydin kürzlich vor den "subversiven Umtrieben"

christlicher Missionare, die, getarnt als Lehrer, Arzte und Krankenschwestern ihrem zersetzenden Werk nachgingen. Dabei konvertierten

nach offiziellen Angaben zwischen 1997 und 2004 gerade ma1344 Türken zum Christentum und sechs zum Judentum.

 

Otmar Oehring, Menschenrechtsbeauftragter des katholischen Missionswerkes Missio, beklagt "massive nationalistische Indoktrination in

den Schulen " und "systematische Diskriminierung" nicht - muslimischer Glaubensgemeinschaften. Die Regierung zeige keinen Willen, die

Religionsfreiheit oder Menschenrechte zu erweitern. Ein drohendes Scheitern der EU - Beitrittsverhandlungen, fürchtet Oehring, könnte die

Situation der christlichen Gemeinden weiter verschlechtern. Einzige Hoffnung für nicht- muslimische Glaubensgemeinschaften sei deshalb,

den Beitrittsprozess am Leben zu erhalten.

GERD HÖHLER

 

Frankfurter Rundschau, 4.8.06, S. 6