Weltjugendtag: Beten allein reicht nicht

 

Beim Weltjugendtag muss der Papst seine Kirche aus den Fesseln befreien, die die katholische Morallehre anlegt. Die Jugend wartet in Köln auch auf ein klares Wort zum modernen Kapitalismus.

VON HEINER GEIßLER

Durch das Motto des Weltjugendtages "Wir kommen, um IHN anzubeten" bekommt dieses Mega-Medienereignis leider eine Schlagseite. Wenn in Köln sonst nichts passiert als Loben, Preisen, Beten und Singen wird die Botschaft des jungen Mannes, der vor 2000 Jahren eine gewaltige Lehre verkündete und deswegen umgebracht wurde, gerade jungen Menschen gegenüber verfälscht.

"Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er dann Gott lieben, den er nicht sieht", steht im ersten Brief des Johannes. "Nächstenliebe und Gottesliebe - kein Gebot ist höher als diese beiden" (Markus 12.31), schreibt Jesus den damaligen Fundamentalisten, den Pharisäern, ausdrücklich ins Stammbuch. Die ganze Gottesliebe, also Preisen und Beten, Singen und Loben sind nichts wert, wenn sie nicht begleitet werden von der bekundeten und praktizierten Solidarität mit den Armen, Verfolgten, Kranken und Hungernden auf dieser Welt.

Auf diesem Weltjugendtag muss der Papst den jungen Katholiken etwas sagen zum modernen Kapitalismus, der das menschenfreundliche Evangelium (Euangelion = die frohe, gute Botschaft) ins Gegenteil verkehrt und schweren sozialen und ökonomischen Schaden verursacht, indem er buchstäblich über Leichen geht. Jesus hat das Geld nicht abgeschafft, aber moralisch entwertet und das Kapital in eine klare Ordnung gestellt: es hat den Menschen zu dienen und nicht sie zu beherrschen. Heute ist es aber genau umgekehrt. Das herrschende Wirtschaftssystem des Shareholder Value definiert sich dadurch, dass der Börsenwert eines Unternehmens umso höher steigt, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. 2,6 Milliarden Menschen haben inzwischen weniger zum Leben als den Gegenwert von zwei Dollar pro Tag, sie haben zusammen weniger als Europäer und Amerikaner für Hundefutter ausgeben und weniger als die 300 reichsten Familien dieser Erde an Vermögen besitzen.

Die jungen Menschen, die das ganze Leben noch vor sich haben, warten auf die Vision der katholischen Kirche für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung. So wie vor 60 Jahren die katholische Soziallehre die erfolgreichste Wirtschafts- und Sozialphilosophie der Weltgeschichte inspirierte: die Soziale Marktwirtschaft. Es wäre ein Verhängnis, wenn dieser Papst seine eigene Kirche nicht aus den Fesseln befreite, die anzulegen allerdings er selber mitgeholfen hat: die Fixierung der katholischen Morallehre auf das Sexuelle, im weitesten Sinne geistesverwandt den Evangelikalen in den USA, gegen Homosexualität, gegen das Abendmahl für wiederverheiratete Geschiedene, gegen Frauenpriestertum und für das Zölibat, gegen Pille und Kondome. Müsste dieser intelligente Papst nicht endlich die unselige Pillen-Enzyklika seines Vorgängers Paul II., die Teile der Deutschen Bischofskonferenz schon mal als einen zweiten Fall Galilei bezeichnet hatten, aufheben?

Noch heute wird in der katholischen Kirche, wie seit den Zeiten der Kaiser Diokletian und Konstantin die Fortpflanzung als eigentlicher Sinn und ausschließliches Ziel des Liebesaktes definiert. Die Degradierung der sexuellen Lust zu einer zwar unvermeidlichen, aber eigentlich verabscheuungswürdigen Variante des Fortpflanzungsaktes ist aber eine menschenfeindliche Diskriminierung des elementarsten Vorgangs des menschlichen Lebens, die gerade von jungen Menschen immer weniger ernst genommen wird.

Auf dem Weltjugendtag in Rom waren die Plätze morgens übersät von Kondomen. Der Papst könnte auch jungen afrikanischen Nonnen und Schwestern, die aus Überzeugung im Rahmen nationaler Aidsbekämpfungsprogramme Kondome an die Bevölkerung verteilen, vor unsinnigen Gewissenskonflikten bewahren.

Das sind Gründe, warum Beten allein für den Weltjugendtag nicht reicht. Das Kreuz hat beides: eine Vertikale und eine Horizontale. Fehlt das eine oder das andere, ist es nicht mehr das Zeichen dessen, der in Köln angebetet werden soll.

16.8.05 Frankfurter Rundschau, S. 2

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/fr_home/topthema_weltjugendtag_2005/?cnt=711937