Weltjugendtag: Pressestimmen

 

 

Projekt Religion

VON MARKUS BRAUCK

Es war ein merkwürdiger Moment, gleich am ersten Tag des Papstbesuchs, als Benedikt XVI. vor dem Kölner Dom zu den Jugendlichen sprechen wollte. Als diese, zu Zehntausenden auf dem Platz, seit Stunden ausharrend, überhaupt nicht mehr aufhören wollten, den Namen des Papstes zu skandieren, rief sie der Kölner Kardinal Meisner, stets an der Seite des Pontifex, ziemlich barsch zur Ordnung. Ruhe wollte er. Sofort. Die Stimme des Kardinals war hart: "Eins, zwei, drei. Fini!" Die zurechtgewiesenen Jugendlichen gehorchten. Doch nur für Augenblicke. Dann legten sie wieder los.

Der Papst in Köln. Hunderttausende Jugendliche jubeln ihm zu. Keiner nörgelt rum. Die Katholische Kirche darf sich für ein paar Tage so zeigen, wie sie sich von dauernder Kirchenkritik genervte Bischöfe immer vorgestellt haben. Jung. Fromm. International. Strahlend. Eine Kirche, die sich nicht versteckt. Die geschlossen hinter ihrem Oberhirten steht. Stolz ist auf ihre Traditionen. Eine Kirche, die alle Stürme übersteht, auch den der Postmoderne. Auch den der Kritiker und Materialisten und Zyniker in Deutschland. Ein konservatives Traumbild von Kirche. Doch leider auch ein Trugbild.

Der Weltjugendtag um den neuen Papst ist schwer zu fassen. Hunderttausend junge Menschen mit hunderttausend Hoffnungen und Erwartungen sind nicht einfach über einen Kamm zu schweren. Weder ist die Begeisterung nur ein Popstar-Phänomen, bar jeder Inhalte. Noch ist es ein rein religiöses Ereignis. Lust an der Masse, Freude am Glauben, Spaß am Spaß, das alles ging in Köln zusammen und ging auch nebeneinander her. Lose verbunden durch den Ruf: "Benedetto!" Doch anders, als es sich manche Kirchenleute wünschen, steht hinter diesem Ruf kein eindeutiges Bekenntnis.

Mehr noch. Je länger der Weltjugendtag dauerte, je mehr davon im Fernsehen zu sehen war, desto deutlicher wurde, dass Köln in diesen Tage ein Insel war in dieser Republik. In der Stadt selbst war sich der fröhlichen Stimmung nur schwer zu entziehen, die vor allem Italiener und Polen und Franzosen anfeuerten. Doch wenn man nur einen Schritt abseits tat, fiel auf, wie wenig dieses Ereignis mit dem restlichen Land, mit dem Alltag darin zu tun hatte. Das moderne Leben fand selten den Weg ins Manuskript des neuen Papstes. Dafür war umso mehr von der Vergangenheit die Rede, von einer Zeit, in der Europa und Deutschland tatsächlich noch mit Recht christlich genannt wurden.

Benedikt XVI. will wieder dahin zurück. Das ist sein erklärtes Ziel. Europa bedeutet für ihn die Versöhnung von Glaube und Vernunft, von Christentum und Kultur. Das ist ein anspruchsvolles Projekt und - jenseits vor allem sexualmoralischer Fragen - eines, das den Kontinent in eine sinnvolle Auseinandersetzung mit sich selbst führen kann. Doch kann dieses Projekt nur gelingen, wenn der Papst diejenigen auf sich aufmerksam macht, die sich mehr für die Fragen als für die Antworten interessieren. Die neben der Pathologie der Religionen auch eine Krise der Vernunft sehen. Doch diese Menschen, die es in Deutschland genauso gibt wie sonst in Europa, gewinnt der neue Papst nur, wenn er Triumphalismus vermeidet. Der bescheidene Stil des Papstes war daher das richtige Zeichen.

Doch leider wurde der Pontifex durch seine eigenen Leute wieder konterkariert, die das Kölner Treffen nur als Triumphzug gegen antirömische Bedenken sehen konnten. Sie redeten sich auf den TV-Kanälen in einen Rausch, als ob die Neuevangelisierung der Bundesrepublik unmittelbar bevorstehe. Doch außerhalb der Kirche meldete sich kaum einer zu Wort. Die Bundesrepublik hat keinen Resonanzkörper mehr für diese Art von mehr überredender als überzeugenderVerkündigung. Jubelnde Massen geben gute Bilder. Aber sie sind kein Argument.

Auf dem Weltjugendtag feierte die deutsche Kirche ihre Flucht vor Argumenten und Diskussionen. Sie führte in perfekter Regie vor, wie es aussieht, wenn der Glaube fraglos ist und die Autorität des Papstes und seiner Kardinäle unumstritten. Das ist aber in Deutschland nicht Realität. Es stimmte nicht einmal auf dem Weltjugendtag. "Eins, zwei, drei. Fini!" So rief Kardinal Meisner. Doch diesen Ton ließen sich nicht einmal die euphorisierten Jugendlichen gefallen.

Europa bedeutet für ihn Versöhnung von Glaube und Vernunft, von Christentum und Kultur.

 

Quelle: Frankfurter Rundschau, 22.8.05, S. 3

 

 

Werbung fürs Kerngeschäft

Benedikt XVI. predigt auf dem Kölner Marienfeld über das Wesen der Religion - ohne der Euphorie des Millionenpublikums zu erliegen

VON MARKUS BRAUCK (KÖLN)

Er ist der Star, natürlich, und am meisten zählt, ihm möglichst nahe zu kommen. Am Sonntagmorgen, das Marienfeld ist immer noch feucht von der Nacht, die Wege sind voller Menschen und nur schwer passierbar für das vier Tonnen schwere Papamobil, fährt Benedikt XVI. am Rand des Feldes zum Papsthügel. Das ist für viele eine Enttäuschung, die stundenlang gestanden und gewartet haben, die zu Hunderttausenden sogar auf dem Feld übernachtet und einer eklig-feuchten Kälte getrotzt haben.

Das spürt auch der Papst. "Ich wäre gerne mit dem Papamobil kreuz und quer über das ganze Gelände gefahren, um möglichst jedem einzelnem nahe zu sein", sagt er deshalb, gleich zu Beginn des größten Gottesdienstes in der Geschichte Deutschlands. Der Papst strahlt. Mittlerweile weiß er, wie er auch eine Million Menschen mit einem einzigen Satz um den kleinen Finger wickeln kann. Von seinem Platz aus muss der Blick unbeschreiblich sein. Menschen, so weit das Auge reicht, und alle begierig auf das, was er sagt. Benedikt XVI., das ist zu spüren, hat keine Angst mehr vor dieser Euphorie.

Sein weißes Haar, auf dem das weiße Käppchen, das so genannte Pileolus, kaum zu sehen ist, die seltsam hohe Stimme, das beinahe faltenlose Gesicht, die gepflegten Hände: Benedikt ist schon vom Äußerlichen eine viel weniger eindringliche Erscheinung als sein Vorgänger. Sein Blick geht oft auf den Boden, wie bei einem schüchternen Menschen oder wie bei einem, der ganz in sich versunken ist. Doch gerade deshalb hat er die Sympathie der Menschen in diesen raren Momenten, in denen sein Gesicht leuchtet, ganz für sich. Vor allem, weil sie wissen, dass sie es sind, die den Papst dazu herausfordern.

Als Johannes Paul II. in Deutschland war, trat er im Glanz seines vollen Charismas auf. Er prägte Formeln, die wie Wahlkampfslogans wirkten und seitdem katholisches Zitatgut sind. "Man kann nicht nur auf Probe leben. Man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben." Und da war er stets mittendrin, der Vorgänger-Papst, in seinem Gestus als moralischer Mahner. Sex vor der Ehe: tabu. Ehe ohne Trauschein: falsch. Aber auch: Kein Krieg in Irak.

Es ist viel mehr darüber zu lernen, wie Joseph Ratzinger als Papst auftritt, in dem, was er nicht tut und nicht sagt, als in dem, was er tut und was er sagt. Letzteres ist rasch aufgezählt. Der deutsche Papst stellt sich ganz in die Tradition seines Vorgängers. Er treibt den interreligiösen Dialog voran. Er will über die Jugend eine neue Begeisterung für den katholischen Glauben wecken. Er lebt aus der Frömmigkeit der Tradition. Er nimmt in Fragen der Sexualmoral keinen Deut zurück. Er segnet keinen Krieg.

Allerdings: Benedikt XVI. beschränkt sich in seiner Rolle. Das ist schon an Äußerlichkeiten zu sehen, die in der Katholischen Kirche niemals nebensächlich sind. Im Wappen hat er die dreistufige Krone, die Tiara, die der Papst seit Paul VI. ohnehin nicht mehr trägt, durch eine einfache Bischofsmitra ersetzen lassen. Er hat den Handkuss abgeschafft. Auch beim Weltjugendtag hat er immer, wenn einer den Ring küssen wollte, rasch dessen Hände ergriffen. Alles Monarchische ist ihm fremd. Und hätte er nicht diesen großen Medienpapst als Vorgänger gehabt, er wäre für Journalisten nur halb so interessant.

Wenn Benedikt XVI. predigt, geht es immer sehr sperrig zu. Er prägt keine Schlagzeilen, er erfindet keine Parolen. Beim Abschlussgottesdienst spricht er über die Eucharistie. Von der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu. Von der Verwandlung der Welt durch den Kreuzestod. "Das ist sozusagen die Kernspaltung im Innersten des Seins", ist dabei schon eine der griffigsten Formulierungen. Der Theologe Ratzinger meditiert hier den Kern seiner Religion. Er erläutert nebenbei, warum ihm der Unterschied zwischen dem griechischen und dem lateinischen Wort für Anbetung wichtig ist. Man fragt sich, ob das ein 15-Jähriger verstehen soll. Einerseits.

Andererseits biedert sich der ehemalige Theologieprofessor nicht an bei den Jugendlichen. Äfft ihre Sprache nicht nach. Vereinnahmt sie nicht. Kein Wort zur Sexualmoral. Wenig Forderungen. Mehr Werbung. Benedikt bleibt beim Kerngeschäft seiner Kirche. Statt gegen Kondome zu wettern, wirbt er dafür, sonntags zur Messe zu gehen und es sich mit der Religion nicht zu einfach zu machen. Er spricht von einer "merkwürdigen Gottesvergessenheit", von der "Unzufriedenheit an allem und mit allem". Zugleich sieht er auch den "Boom des Religiösen" kritisch, weil er Religion zum Marktprodukt degradiere. "Aber die selbst gesuchte Religion hilft uns im letzten nicht weiter. Sie ist bequem, aber in der Stunde der Krise lässt sie uns allein." Das ist innerster Kern der Theologie des Papstes. Wer sich selbst autonom setzt und die Autorität Gottes nicht anerkennt, hat schon verloren.

Der Blick vom Platz des Papstes auf eine Million Menschen muss unbeschreiblich sein. Benedikt XVI. hat keine Angst mehr vor dieser Euphorie. Aber er erliegt ihr auch nicht. Der Papst kennt seine Grenzen.

 

Quelle: Frankfurter Rundschau, 22.8.05, S. 3

 

http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/die_seite_3/?cnt=714816

 

 

Der Papst in Köln

Was suchen die Jugendlichen?

 

Doch so öffentlich der Besuch zelebriert wurde, so sehr blieb er eine Veranstaltung für Eingeweihte. Benedikts Ansprachen vor den Jugendlichen waren alle auf die Bestärkung im Bestehenden gerichtet, auf die Erhaltung eines Glaubens, den der Papst als gegeben voraussetzt. Wer nicht schon angetan ist von der Kirche, wurde hier kaum angelockt.

 

Was aber suchen die Besucher? Nicht die Lehren der Kirche, wie eine Studie der Religionspädagogen Ziebertz und Scharnberg über deutsche Teilnehmer am letzten Weltjugendtag in Toronto herausfand: »Der Weltjugendtag hat die Befragten nicht neugierig gemacht, mehr über das Christentum, die Kirche oder den Glauben zu erfahren.« Am wenigsten fühlten sich die Jugendlichen angeregt, ihre Beichtpraxis zu ändern. »Auch eine intensivere Auseinandersetzung mit päpstlichen Botschaften streben die Jugendlichen eher nicht an.« Doch hinter dem harten Nein, das war in Köln zu beobachten, steht eine Bereitschaft zum Wandel durch Annäherung: Wir hören dir zu - tu du das auch.

 

Auszug aus: DIE ZEIT, Ein Mann lernt Papst, 25.8.05, S. 11