Weihe auf dem Donaustrom

Sieben katholische Frauen haben sich von Geistlichen zu Priesterinnen ordinieren lassen, auf einem Schiff zwischen zwei Bistümern

Passau - Die Frömmler sind alarmiert. An der Donaulände in Passau wartet jedenfalls schon die selbsternannte Kirchengesinnungs-Polizei aus Österreich, um die Schiffsbesatzung der MS Passau als Parteigänger des Antichristen im Bilde festzuhalten. Der Späher Martin Humer rühmt sich des größten Pornoarchivs Europas, Frucht eines wahnhaften Sammeleifers in natürlich nur frommer Absicht: Als Handreichung für Kirche und Bischöfe, wovor sie ihre Schäflein schützen müssen.

Diesmal gilt sein Abscheu noch unglaublicherem Frevel: Zu Peter und Paul, dem Tag, da in vielen katholischen Diözesen Priester ordiniert werden, haben sich sieben katholische Frauen auf dem Donauschiff MS Passau zu Priesterinnen weihen lassen. Für die einen ein befreiender Akt "wie der Fall der Berliner Mauer", für die anderen Ketzerei an der nur von Männern zu verwaltenden katholischen Lehre. Die sieben Damen, die sich nun in der vollen Würde des priesterlichen Sakraments fühlen, sehen sich nicht als Revolutionärinnen, eher als mögliche Retterinnen der Kirche. Der Seelsorge-Notstand ließe sich nach ihrem Urteil mit Frauen schnell beilegen, stellen sie doch das Gros der Gläubigen und der Gemeindeaktivisten. Die Zahl der am Samstag in Österreich ordinierten Männer spricht für sich: elf in einem Volk von acht Millionen, das sich zu 85 Prozent für katholisch erklärt.

Solche für ganz Europa gültige Zahlen, bewegen die Bischöfe nicht: Nach wilden Polemiken, Drohungen und Disputen im Vorfeld brandmarkt das Münchner Ordinariat den Akt als sektiererisch; Österreichs Bischofskonferenz erklärt ihn für ungültig; der Linzer Bischof Maximilian Aichern warnt im letzten Moment schriftlich, mit der Weihe stellten die Frauen sich selbst "außerhalb der Kirche". Eine offene Exkommunikations-Drohung. Aichern und der Passauer Bischof werden sich erst einmal einigen müssen, wer die aufrührerischen Schäfchen zu maßregeln habe: Das Schiff wechselte während der Weihe auf der Donau gleichsam ständig die Bistumsgrenzen. So haben sich das die Neu-Priesterinnen Gisela Forster aus Berg am Starnberger See und Christine Mayr-Lumetzberger dem österreichischen Innviertel ausgedacht. Daraus könnte harte Kirchenpolitik werden: Vertreter Roms wollen den milde konservativen Linzer Bischof längst los werden; es könnte sein, dass die Kurie Aichern einen Apostolischen Administrator vorsetzt.

Die Zeremonie auf dem Fluss verläuft in heiterer Gelassenheit. Jahre, ja Jahrzehnte hatten sich die vier Deutschen, zwei Österreicherinnen und die Amerikanerin vorbereitet. Die lange Spannung löst sich in Familienfest-Stimmung. Die zwei Bischöfe, die den feierlichen Akt vornehmen, erscheinen fast als Randfiguren im Getriebe der durchwegs reiferen Probandinnen. Dass der Argentinier Romulo Antonio Braschi von der Charismatischen Kirche Jesus König und ein "Pater Raffael" titulierter früherer österreichischer Benediktiner für Kirchenfromme als verkrachte Existenzen gelten könnten, ficht die Frauen nicht an: Sie vollziehen alles peinlich genau nach liturgischen und rechtlichen Regeln und berufen sich in halsbrecherischer kanonischer Kasuistik, aber schlüssig auf die ewige Gültigkeit der Priester- und Bischofsweihe, die nach katholischer Auffassung nichts und niemand tilgen kann.

Demnach können die Bischöfe gültig weihen. Ob Mann oder Frau, ist ein Mensch geweiht, kriegt man das nicht mehr weg von der Seele. Das gilt auch für die zwölf Priesterinnen der früheren tschechischen Untergrundkirche, deren unerwähntes Schicksal wie ein Schatten über der Zeremonie hängt: Unter kommunistischer Verfolgung waren zwölf Frauen ordentlich geweiht worden; die Kirche hat die Gültigkeit der Ordination nie bestritten, verleugnet aber ihre Dienerinnen und hat sie mit Druck und Drohungen in Schweigen begraben.

Auch die neun Priesterinnen wollen formalistischen Kirchenrechtlern keinen Grund für Einwände geben. Das hat die Frauen in die Kritik gebracht, letztli ch nur alten Kirchen-Strukturen dienen zu wollen, nur eben mit weiblichem Personal, also ein tief konservatives Konzept zu verfolgen. Die renommierte Münsteraner Theologin Ida Raming, ebenfalls frisch ordiniert, hält dem entgegen, dann könnten Rom und die Amtskirche ja unverdrossen darauf einschwenken. Man könne nur aus der bestehenden Struktur heraus die Kirche reformieren, nicht von außen.

Die bohrende Frage, die auch viele progressive, von Unbehagen verfolgte Laienorganisationen stellen, warum der Akt jetzt stattfinden musste, da Frauensympathisanten im Männerklerus immer mehr würden, beantwortet eine Abgesandte der englischen Anglikanischen Kirche: Hätten sie die Frauenordination nicht 1985 erzwungen, würden sie noch heute mit dem Argument hingehalten, es sei noch nicht der rechte Zeitpunkt. Durch Fragen, Gebete und Fürbitten geistert das Gespenst der Kirchenspaltung – ein Begriff, der hochgegriffen scheint. Auch die Neu-Priesterinnen versichern, sie würden kein "Konkurrenzunternehmen" aufziehen, würden dann Eucharistie feiern und Beichte hören, wenn Bedürfnis danach besteht, nicht um sich wichtig zu machen.

Am Ende eine Demonstration des Geschmacks ihrer Gegner. Die Beichte bei Frauen nennt Porno-Humer einen "Jux, den ich mir nicht entgehen lassen werde ". Dann meldet sich noch ein altes Ferkel, das sich als Berichterstatter des Blättchens Der Dreizehnte vorstellt und eine Frage an eine Priesterin so eröffnet: "Sie haben doch eine schöne Brust, und sie lieben es, mit freiem Oberkörper zu baden..." Die Szene endet im Tumult. Seine Postille ist Organ der treuesten Anhänger des wegen einstigen Kindsmissbrauchs verdächtigten Kardinals Groer. So tritt am Ende doch das Grundproblem des Konflikts zu Tage: der pure Sexismus. (Michael Frank)

Aus: Süddeutsche Zeitung, 1.7.2002

Quelle: http://www.sueddeutsche.de