Joachim
Haas-Feldmann Hanau, im
Februar 2005
Was sich hinter
Islamisten verbirgt
In
der derzeitigen öffentlichen Debatte und in neuer Fachliteratur mehren sich die
Stimmen von Autorinnen und Autoren muslimischer Herkunft ebenso wie die deutscher Spezialisten, die einen
kritischeren Umgang mit Islamisten in der bundesdeutschen Gesellschaft fordern.
Grundlage ist dabei stets die Verteidigung
der Grundrechte in der deutschen Verfassung. Interessanterweise richtet
sich die Forderung meist nicht nur an die deutsche Mehrheitsgesellschaft,
sondern auch an verfassungstreue Migranten türkischer Herkunft, endlich die
Stimme zu erheben gegen wachsenden Fundamentalismus.
Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, Köln 2005, 270 Seiten
Die
aus der Türkei stammenden Volkswirtin und Soziologin mit deutschem Pass,
Beraterin der Hamburger Justiz zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer
Gefangener und Angehörige des Vorbereitungs-Projektteams für den Evangelischen
Kirchentag 2005, forscht zum Thema Parallelgesellschaften. Aus vielen Gesprächen
mit türkischen „Importbräuten“ in Deutschland resultiert ihre Forderung,
Zwangsheiraten unter Strafe zu stellen, weil es gegen das Grundrecht auf
Selbstbestimmung ….verstößt und weil die dadurch programmierte Ghettoisierung
dieser Türkinnen ohne jeglichen Bezug zur deutschen Gesellschaft Integration
unmöglich mache. Arrangierte Ehen haben
für sie nichts mit Glaubensfreiheit zu tun, ebenso das Tragen des Kopftuchs –
wodurch ihrer Überzeugung nach junge Musliminnen „den ganzen
türkisch-muslimischen Common Sense von der Trennung der Gesellschaft“
übernehmen (S. 244).
Sie
schreibt: „Wir Migranten haben eine doppelte Verantwortung – dem Land
gegenüber, das uns aufgenommen hat, und unseren türkischen Landsleuten
gegenüber, damit es nicht nur ein Nebeneinander, sondern ein Miteinander gibt.“
(Seite 11f.) Sie kritisiert: „Selbst demokratische und aufgeschlossene
türkische Migranten, die sich dieses Problems (der „Importbräue“; jh) durchaus
bewusst sind, tabuisieren es, weil es ihnen peinlich ist und weil sie eine
öffentliche Rufschädigung für ‚die Türken’ befürchten. Die Umma, die
Gemeinschaft, wird über die Rechte des Einzelnen gestellt.“ (S. 172). Und sie
fordert auf: „Können die Migranten nicht selbst den Mund aufmachen, können die
Muslime nicht selbst etwas für ihre Integration tun, so diese denn in ihrem
Interesse liegt?“ (S.255f)
Sie
hält auch der Mehrheitsgesellschaft den Spiegel vor: „Integration ist keine
wechselseitige Liebeserklärung, eher schon eine Art Vertragsverhältnis. Für
beide Seiten gelten bestimmte Bedingungen, und die müssen eingehalten werden.
Und daran hapert es. Auf beiden Seiten.“ An die um Abbau von
Ausländerfeindlichkeit bemühten Deutschen appelliert sie: „Verschenkt euch und vor allem eure Verfassung nicht.“(S. 12f.) Sie
warnt vor einem „Toleranzverständnis, das einer Selbstaufgabe gleichkommt“ (S.
253), und zitiert: „Tolerant, so hat Rudolf Wernstedt, Sozialdemokrat und
niedersächsischer Landtagspräsident, es einmal ausgedrückt, könne letztlich nur
der sein, der weiß, wer er ist. ‚Sonst führt Toleranz zur Übernahme des Anderen
oder produziert Missverständnisse.“ (S. 256)
Weiter:
„…die Moscheen sind voll mit Frauen, die dort in Koranschulen den Koran
auswendig lernen. Die deutsche Gesellschaft verliert mehr und mehr den Zugang
und den Kontakt zu diesen Migranten.“ (S. 172)
Viele
Passagen in dem Buch belegen aus ihrer Binnensicht türkischer Familien den
Eindruck einer jeglichen Aufklärungsgedanken widersprechenden Auffassung von
Geschlechter-Gleichberechtigung. Etwa die: „Wie im Osmanischen Reich die ältere
Generation der Sultansmutter das Sexualleben der jüngeren kontrolliert,
bestimmt heute…die Schwiegermutter, wie der Sohn und seine angeheiratete Frau
zu leben haben. Diese Sklavenhaltermentalität (!) der Schwiegermütter und die
Sklavenmentalität der Kinder in den türkisch-muslimischen Familien, Willkür wie
Fatalismus gegenüber dem eigenen Schicksal, sind in der islamischen Kultur
durch Jahrhunderte lange Übung tief verwurzelt.“ (S. 47)
Die
Autorin zitiert ausführlich die Aufbruchgedanken von Atatürk, dem Begründer des
türkischen Laizismus, aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, gepaart mit
nachhaltiger Kritik an den „Regeln und Theorien eines alten Araberscheichs
(gemeint ist der Prophet Mohammed)“. So etwa: „Religion und Staat müssen voneinander
getrennt werden. Wir müssen uns der östlichen Zivilisation entziehen und der
westlichen zuwenden. Wir müssen die Unterschiede zwischen Mann und Frau
aufheben…wir müssen uns in jeder Beziehung, bis hin zu unserer Kleidung, auf
den Westen ausrichten.“ (S. 57)
Kelek
beklagt weiter nicht aufzubrechende Traditionen, die einer Integration
türkischer Migranten mit streng-gläubigem Hintergrund hierzulande
entgegenstehen. So: „Wenn Töchter im Hause sind, dürfen die Jungen auch keine
Freunde mitbringen. Es könnte ja zu einem Kontakt mit dem Mädchen kommen (und
Heiratspläne vereiteln; jh). Kein Wunder, dass sich türkische Jungen immer auf
der Straße herumtreiben und an den Ecken herumlungern – sie wissen nicht
wohin.“ Und: „…die türkische Frau gehört nicht in die Öffentlichkeit. Sie hat
die Orte zu meiden, an denen sie Männern begegnen könnte.“ (S. 127) Und: „Es
gibt ja Bräute, die gehen ohne Erlaubnis ihrer Schwiegereltern oder ihres
Mannes nicht auf die Straße oder zum Arzt.“ (S. 211) Sie spitzt zu: „Im Unterschied
zu anderen Kulturen wird die Bindung zwischen Mutter und Sohn nie beendet,
nicht einmal verändert. Im Gegenteil, die Hochzeit – in den meisten
Gesellschaften eine Art Initiationsritual, das es dem Sohn ermöglicht, sich von
der Mutter zu lösen – ist in der Tradition der islamischen Gesellschaft ein
Ritual, das den Einfluss der Mutter auf den Sohn noch verstärkt…Die
angeheiratete Frau bleibt dagegen ein Leben lang die Fremde…“ (S. 155)
Die
Autorin hält den Islam für eindeutig frauenfeindlich und von „Patriarchenlogik“
(S. 215) durchsetzt: „Unter Mohammed wurde die Frau zur Gefangenen des
Mannes…Wie wenig reformfreudig sich der Islam zurzeit präsentiert, lässt sich
vielleicht am deutlichsten an seiner Haltung zu Frauen zeigen…Die Aussage einer
Frau (vor Gericht; jh) hat nur den halben Wert der eines Mannes…Auch in
Erbangelegenheiten zählt sie nur die Hälfte.“ (S. 163ff.)
Kelek
fordert den deutschen Staat auf
Zwangsheiraten aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht länger zu
dulden: „Eine demokratische Gesellschaft beruht auf der Freiheit des Einzelnen.
Das bedeutet, dass alle jungen Menschen, gleich welcher ethnischer Herkunft,
das Recht haben sollen, einen Partner ihrer Wahl auszuwählen.“ (S. 221)
Provokant fragt sie: „Gelten für Türken
und Muslime…andere Gesetze als für die Mehrheitsgesellschaft?“ (S. 223)
Und: „Warum sollten wir eine rückständige Tradition akzeptieren, die gegen das
Selbstbestimmungsrecht der Menschen gerichtet ist?...Bei den Zwangsehen und den
arrangierten Ehen sind Erpressung und Nötigung im Spiel, die bestraft werden
müssen.“ (S. 224). Sie begrüßt Initiativen der baden-württembergischen
Landesregierung und der Bündnisgrünen, Zwangsheirat als besonders schweren Fall
der Nötigung ins Strafgesetzbuch aufzunehmen. (S. 226f)
Die
Autorin bemüht sich um einen konstruktiven Ausblick: „Denn die Integration
könnte eine Chance für den Islam sein, sich der Krankheit des Fundamentalismus
zu entledigen. Aber auch die westlichen Demokraten dürfen sie nicht verspielen.
Deshalb dürfen sie auch nicht einen Fußbreit von der Wahrung der Grundrechte
abweichen. Das wäre schädlich für die Muslime, die sich integrieren wollen, und
schlecht für unsere Gesellschaft. Und zugleich müssen alle Versuche abgewehrt
werden, dass sich die organisierten Muslime des Rechtsstaates für ihre Zwecke
bedienen.“ Das Grundgesetz sei
Islamisten nützlich, weil es Freiheiten gewährt, „die sie in keinem
einzigen islamischen Land haben können.“ (S. 247f)
Kelek
ruft dazu auf, insbesondere die Schule mehr für die Integration zu nutzen, denn
die sei „für viele muslimische Mädchen der Ort, an dem sie Respekt und
Gleichbehandlung erfahren. Die Schule ist der einzige Freiraum, der ihnen offen
steht. Dort haben sie die Chance, Alternativen zu der traditionellen und
religiösen Weltsicht ihres Elternhauses kennen zu lernen, in der ihnen eine
feste Rolle zugeschrieben wird…Deshalb hat… das Kopftuch an der Schule nichts
zu suchen.“ (S. 249)
Freilich
zieht Kelek ein ernüchterndes Fazit: „Die Integration der Mehrheit der in
Deutschland lebenden Türken ist gescheitert.“ (S. 260)
Ömer
Erzeren: Eisbein in Alanya. Erfahrungen in der Vielfalt deutsch-türkischen
Lebens, Hamburg 2004, 225 Seiten (Edition Körber-Stiftung)
Darin:
Thomas Schmid: Vielfalt als Chance. Strategische Eckpunkte zu einer aktuellen
Debatte, S. 203ff.
„Zu einer Politik der Vielfalt gehört …der
Impuls, …unnachgiebig darauf zu achten, dass die Normen der bürgerlichen
Zivilgesellschaft unbedingt verbindlich sein müssen. Es geht nicht an, dass
unter Berufung auf kulturelle Traditionen…die rechtsstaatlichen Normen
ausgedünnt werden. Hier gilt es für die Gesellschaften Europas, dass sie
wehrhaft ihre in schwierigen Entwicklungen durchgesetzten Normen verteidigen.
Es hat gute Gründe, dass in Europa die Menschenrechte als etwas gelten, das
keine Abstriche duldet…alle gelungenen Prozesse von Integration zeigen
jedoch.., dass nicht einfach aus der Vielheit etwas gänzlich Neues entsteht,
sondern eine Mehrheitsgesellschaft am längeren Hebel sitzt und von ihren Werten
mehr durchsetzt als die Minderheiten.
…
Es
ist gewiss nicht Teil einer wünschenswerten Vielfalt, wenn unter dem
Schutzmantel der Religion eine Propaganda betrieben wird, die auf die
Zersetzung und Zerstörung des Rechtsstaats zielt. Wie von der christlichen
Mehrheitsgesellschaft die – nicht immer einfache – Toleranz gegenüber dem Islam
verlangt werden muss, so dürfen die Muslime in Europa das Ansinnen nicht empört
von sich weisen, ihrer Religion ein
Gehäuse zu verpassen, das mit den Institutionen der zivilen Gesellschaft und
des Rechtsstaats kompatibel ist. Jedenfalls ist es nicht gut, wenn sich
radikale Strömungen des Islam auf das Recht auf freie Religionsausübung berufen
und, von der Öffentlichkeit uneinsehbar, Intoleranz und Gewalt predigen. Solche
Strömungen zu marginalisieren: Das muss im Interesse der großen Mehrheit der
Muslime in Deutschland sein.
…
Die
Tatsache, dass Einwandrer in Europa oft
zu einer marginalisierten Existenz verurteilt gewesen sind, hat auch dazu
geführt, dass sich unter ihnen eine Opfermentalität entwickelt hat, die
inzwischen recht tief sitzt. Weil man ausgegrenzt ist oder war, sind immer die
anderen schuld. So wird nicht bewusst, dass die Einwanderer nicht nur an der
Integration gehindert wurden, sondern oft – aus Bequemlichkeit, aus
Desinteresse an der neuen Gesellschaft, auch aus Geringschätzung ihr gegenüber
– selbst nicht viel für ihre Integration getan haben. Viele haben sich in ihren
communities, haben sich allzu selbstgenügsam in ihren kleinen ökonomischen und
kulturellen Gegenwelten eingeschlossen.“
Der
Begründer des Projekts Weltethos, keineswegs ein Gegner des Islam, sieht
folgende islamische Lehren „im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, wie
sie in der UN-Erklärung von 1948 artikuliert sind“:
Verbote
von Mischehen: Wenn ein Muslim eine oder mehrere Nichtmusliminnen, aber
umgekehrt eine Muslimin keinen
Nichtmuslim heiraten darf, soll damit garantiert sein, dass die Kinder als
Muslime erzogen werden und somit die muslimische Gemeinschaft nicht geschwächt
wird…
(Zusammenfassung
einer Studie der Universität Bielefeld „Deutsche Zustände)
„Vor
allem aber ändert sich das Verhältnis zur muslimischen Minderheit. Die
Islamophobie nimmt zu. Es wachsen die Überfremdungsängste. Inzwischen können
sich fast 58 Prozent nicht vorstellen, in einem Stadtviertel zu wohnen, in dem
viele Muslime leben. Soziale Desintegration, insbesondere Ausgrenzung und
Selbstethnisierung, also Rückzug von Migranten in abgeschlossene eigene Welten,
wirken riskant zusammen…Die feindseligen Mentalitäten in der
Mehrheitsgesellschaft sowie verlockender Fundamentalismus; beides zusammen
verweist auf eine ethnisch-kulturell gespaltene Gesellschaft. Wir nehmen an,
dass sich dieser Gegensatz weiter unkalkulierbar aufschaukeln kann, weil
selbstkritische Debatten in der Mehrheitsgesellschaft nicht ausreichen und in
der muslimischen Minderheit fehlen.“
Heitmeyer
hatte in seiner wichtigen empirischen Untersuchung „Verlockender
Fundamentalismus“ über die vermeintliche Radikalisierung türkischer
Jugendlicher hierzulande bereits 1997 vor einer Eskalation gewarnt: „Die
Ergebnisse dieser Untersuchung weisen darauf hin, dass das Zusammenleben vor
schweren Belastungen stehen wird, wenn zum
einen keine weit reichenden politischen Initiativen zur sozialen
Integration und zum anderen keine ebenso deutlichen
Markierungen universal geltender demokratischer Wertvorstellungen erfolgen.“
(Seite 191).
„Auch Einwanderer fördern EU-Vorbehalte“ – Interview mit dem SPD-Europaabgeordneten Vural Öger, Frankfurter Rundschau Nr. 234/2004
„…Der
Durchschnitts-Deutsche nimmt die Türkei über das Prisma seiner Erfahrung mit
den türkischen Einwanderern wahr. Man muss offen sagen, dass deshalb auch
gewisse Vorurteile entstanden sind, besonders wegen Türken, die sich in den
Ballungsgebieten in ghettoartigen Gegenden isoliert haben…Die Integration
erfolgt über den Arbeitsprozess, und dafür ist es nötig, dass die Leute die
Sprache können und den Beruf erlernen. Nur der soziale Aufstieg wird den
Menschen ermöglichen, Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu werden…Die Deutsch-Türken…müssen endlich
verstehen, was Europäer sein bedeutet. Sie müssen Europa als eine
Wertegemeinschaft begreifen. Das fängt mit der Gleichberechtigung der Frauen
und den Menschenrechten an. Die Menschen
müssen sich mehr anstrengen, an der Wertegemeinschaft teilzuhaben. Sie
müssen besser Deutsch lernen. Und sie müssen sich als Teil dieser Gesellschaft
begreifen und ihr nicht ablehnend gegenüberstehen….“
„Mittendrin – statt nur dabei“ – Interview mit Prof. Bassam Tibi, Frankfurter Rundschau Nr. 275/2004 vom 24. November 2004, S. 25
„…Bei
uns in Deutschland trauen sich die Politiker nicht so recht, Forderungen an die
Muslime zu stellen. Ich habe noch zu selten von einem Politiker eindeutig als
Forderung gehört, das Grundgesetz müsse
Bestandteil der Einstellung der Muslime sein. In Frankreich verlangt man
das ganz selbstverständlich…“
„Kein
Mensch mit klarem Verstand wird daran zweifeln, dass der Dialog mit Muslimen
unabdingbar ist und einen Beitrag leisten soll und kann, um zu einem
förderlichen Miteinander zu kommen…Zweifellos sind alle am Dialog Beteiligten
daran interessiert, dass endlich Bewegung in die erstarrten Fronten kommt.
Entscheidend ist aber, welche Richtung sie nimmt… Der Dialog sollte keine
Einbahnstraße sein. Er sollte sich nicht lediglich um die Belange der Muslime
drehen, sondern gleichermaßen das Gemeinwohl
im Auge haben. Ein gedeihliches Zusammenleben gelingt am ehesten durch das
Angehen gemeinsamer Ziele und Aktivitäten, sei es in der Kinderbetreuung oder
der Vermittlung von Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen für Jugendliche. Die
besondere Schwierigkeit der Kontaktaufnahme zur überwiegenden Mehrheit der kaum
oder gar nicht organisierten Muslime könnte durch solche gemeinsamen
Aktivitäten überwunden werden. Dann fiele es sicherlich trotz der immer noch
bestehenden Berührungsängste auf beiden Seiten nicht schwer, eine Partnerschaft
im Sinne eines eigenständigen Miteinanders aufzubauen, mit Geduld und viel
Verständnis für den anderen.“
(Die
Autorin lehrt Türkisch und Religionsgeschichte an der Universität Marburg)
Ewa
zehn bis 20 Prozent der hier lebenden
Muslime versuchen nach der orthodoxen Auslegung des Islam zu leben. Sie
propagieren die Einheit von Religion und Staat. Nur ein islamischer Staat kann
demnach ein guter Staat sein. Islamisten verfolgen die Absicht, in einem
islamischen Ghetto einen nach deutschem Verständnis rechtsfreien Raum zu
bilden, in dem nur die Scharia gilt. Loyalität gilt der Umma, der Gemeinschaft
der Gläubigen, und nicht dem Aufnahmeland.
Scharia
und deutsche Gesetze schließen sich aber gegenseitig aus: So werden so genannte
Moschee- oder Imam-Ehen ohne Standesamt mit bis zu 4 Frauen befürwortet,
obschon Bigamie gemäß § 5 Eherecht verboten und gemäß § 171 StGB eine Straftat ist. Weitere Probleme in diesem
Zusammenhang:
·
die Rechtsunsicherheit
für die Zweitfrau und ihre Kinder sind groß
·
Probleme mit Kranken-,
Rentenversicherung,
·
Probleme beim Erbrecht
·
Probleme bei der
Bedarfsgemeinschaft gemäß SGB II und SGB XII
In
Hanau sind nach jetzigem Kenntnisstand folgende islamischen Richtungen
vertreten:
1.
Türkisch Islamische Union (DITIP) – Leipziger Straße
2.
Islamischer Verein (Milli Görus) – Gärtnerstraße
3.
Ümmet Moschee (Kaplanisten) – von Staats wegen im Kinzigheimer Weg aufgelöst,
doch im Lamboy wieder eröffnet
4.
Islamisches Kulturzentrum (Verband der islamischen Kulturzentren),
5.
Alevitisches Kulturzentrum – auf der Suche nach Räumen!
6.
Türkisch Deutscher Freundschaftsverein – auf der Suche nach Räumen!
7.
Moschee der Bosnier - Sandeldamm
8.
Islamischer Arbeiter Verein (Moschee der Marokkaner) – Dettinger Straße.
Von
den acht Hanauer Moscheen gehören fünf mehrheitlich dem türkischen Kulturkreis
an. Vier der Hanauer Moscheen haben einen Islamischen Arbeitskreis gebildet.
Dem Arbeitskreis gehören an: die Türkisch Islamische Union (DITIP), der
Islamische Verein (Milli Görus), islamisches Kulturzentrum (Verband der
islamischen Kulturzentren), Islamischer Arbeiter Verein (Moschee der
Marokkaner).
Vorsitzender der DITIB ist stets ein Angehöriger der
türkischen Botschaft in Deutschland. Damit ist DITIB zwar eine nach deutschem
Vereinsrecht eigenständige Organisation, die aber unmittelbar an die
Auslandsvertretung des türkischen Staates gebunden ist. Die Vorbeter für die
einzelnen Moscheen in Deutschland werden von DIB direkt aus der Türkei
entsandt. Sie beherrschen die deutsche Sprache meist nicht. Nach vier bis fünf
Jahren werden sie wieder in die Türkei zurückgerufen. DITIB betreibt in
Deutschland rund 750 Moscheen.
In der Literatur wird die Vermutung geäußert, dass
DITIB gelegentlich mit dem türkischen Geheimdienst zusammenarbeitet.
(Quelle:
Thomas Lemmen, Türkisch-islamische Organisationen in Deutschland, Altenberg
1998, S. 26; Lutherisches Kirchenamt
und EKD, Was jeder vom Islam wissen muss, S. 118)
Sie ist laut Verfassungsschutz in Deutschland die mit
Abstand mitgliederstärkste islamistische Organisation, zudem sehr einflussreich
und finanzkräftig. In einer politischen Doppelstrategie spricht sie nach außen
von Integration, Religionsfreiheit,
Bereitschaft zum Dialog und gibt verbale Bekenntnisse zum Grundgesetz
ab. Intern aber agitiert sie gegen westlich-demokratische Werte. Sie agitiert
im politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Raum, wobei sie sich als
seriöse Ansprechpartnerin präsentiert und versucht, sich durch ihre
Gesprächspartner aufzuwerten. Sie indoktriniert gezielt Kinder beispielsweise
durch Sommerschulen. Das Kopftuch für muslimische Mädchen sieht sie als Muss
an. Islamunterricht an deutschen Schulen gewähre nicht die reine Lehre, heißt
es im oft ebenso antijüdischen wie antichristlichen IGMG-Organ „Milli
Gazete“. Muslimen rät sie unbedingt
dazu in der Nähe von Moscheen zu leben – ein kaum verhüllter Aufruf zu einer
islamistischen Parallelgesellschaft.
Sie propagiert den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft, um mehr
Einfluss auf die deutsche Politik zu gewinnen.
In der Literatur wird Milli Görus Kontakte zur
Scientology Bewegung nachgesagt.
Im Mai 2001 fand in der August-Schärttner-Halle in Hanau eine Veranstaltung des
IGMG-Landesverbandes Hessen mit rund 2500 Teilnehmenden statt. Bejubelte und
herausgehobene Rednerin war eine ehemalige türkische Parlamentsabgeordnete, die
wegen des Kopftuchtragens im türkischen Parlament, was dort verboten ist, eine
Symbolfigur der Islamisten ist. Sie trat offensiv für das Kopftuchtragen ein.
(Quelle: Hessischer Verfassungsschutzbericht für 2001
und 2003; Thomas Lemmen, Türkisch-islamische Organisationen in Deutschland,
Altenberg 1998, S. 22f u. 30f;
Lutherisches Kirchenamt und EKD, Was jeder vom Islam wissen muss, S.
118)
Die Hanauer Moschee wurde wegen der mutmaßlichen
Beteiligung am vereitelten Anschlag auf das Atatük-Mausoleum in Ankara und der
angeblichen Verwicklung in die Ermordung eines abtrünnigen Mitglieds im Auftrag
der Bundesanwaltschaft 1999 durchsucht. Das BMI verbot den Kalifatsstaat im
Dezember 2001 und im September 2002 entsprechende Vereine, darunter den in
Hanau. Im August 2002 demonstrierten bis zu 40 Anhänger auf dem Marktplatz
dagegen, dass das Bauamt eine als Moschee
genutzte Lagerhalle wegen fehlender Rettungswege geschlossen hatte. Im Dezember 2002 wurde bei Durchsuchungen
versucht Nachfolgeaktivitäten zu unterbinden.
(Quelle: Verfassungsschutzbericht Hessen für 2003;
Lemmen, S. 34f; Lutherisches Kirchenamt und EKD, S. 118; Hanauer Anzeiger, 12.3.99).
Der in der BRD wirkende Verband ist nicht an das
staatliche Präsidium für Religionsangelegenheiten gebunden. Negative
Schlagzeilen machte der Verband in den 80er Jahren, unter anderem weil sich
VIZK-Hodcas antisemitisch äußerten.
VIZK-Anhänger nehmen seit langem an interreligiösen
Veranstaltungen und Begegnungen teil und sind sehr daran interessiert,
nicht-muslimische Besucher in ihren Gemeinde zu empfangen. Das Deutsche Orientinstitut
Hamburg stellt in Frage, ob der VIZK tatsächlich – wie er vorgibt – offen und
dialogbereit ist.
Der VIZK gilt als straff organisiert und
zentralistisch geführt.
Der Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für
Verfassungsschutz, Volker Homuth, kam 2003
zu der Einschätzung: „Der VIKZ ist zwar nicht als
islamistisch-extremistisch zu bezeichnen, wegen seiner fundamentalistischen
Ausrichtung und Abschottungstendenz wirkt er insgesamt aber integrationsfeindlich“.
Zum Konzept gehören in erster Linie Schülerwohnheime.
Niedersachsens Verfassungsschutz
beobachtete VIKZ in den vergangenen Jahren nicht.
(Quelle: Lemmen,
S. 36f; Frankfurter Rundschau, 6.2.99, S. 24; Selbstdarstellung des VIKZ
e.V. Köln, September 1997; Pressedienst des Niedersächsischen
Innenministeriums)
Nach alevitischer Auffassung ignoriert der türkische
Staat die Existenz der Aleviten. Außer dem sunnitischen Islam werde keine
anderen islamischen Richtungen in der Türkei anerkannt. Die Aleviten erklären,
dass sie in der Türkei keine Religionsfreiheit genießen, sondern durch
staatliche Schritte gezielt sunnitisiert werden sollen und Unterdrückungen
ausgesetzt seinen. Aufgrund der Unterdrückung gab es bisher kaum Aufzeichnungen
über die Lehre der Aleviten.
Der Vereinszweck hierzulande besteht in der Wahrung
und Förderung der religiösen und kulturellen Identität der Aleviten. In der
Türkei gelten die Aleviten als Verfechter des staatlich garantierten Laizismus.
Die Säkularisierung der Türkei unter Atatürk hatte für sie eine Befreiung von
Jahrhunderte langer Vorherrschaft und Unterdrückung durch den sunnitischen
Islam bedeutet. Die Politisierung des türkischen Islam wird daher von den
Aleviten mit großer Sorge beobachtet. Die Aleviten betonen in Deutschland ihre
religiöse Eigenständigkeit. Sie vertreten die Gleichberechtigung von Mann und
Frau. Die Verschleierung der Frauen ist ihnen fremd.
(R. Schulze, Geschichte der Islamischen Welt im 20.
Jahrhundert, München 1994, S. 417; Lemmen, S. 42f; Das Alevitentum, Eine
Handreichung über die religiösen und kulturellen Grundlagen der Aleviten aus
der Türkei, AABF Köln, Juni 1997)
Im hessischen Verfassungsschutzbericht finden die
„Grauen Wölfe“ keine Erwähnung.
Von der ADÜTDF spalteten sich 1988 eine Reihe von
Vereinen ab und schlossen sich zu einem neuen Verband namens ATIB zusammen.
Diese Neuorganisation wird mit einer Abkehr vom extremen türkischen
Nationalismus und einer stärkeren Hinwendung zum Islam erklärt.
(Lemmen, S.
40f)