Was schützt die Kirche vor der Pleite?

In Teufels Küche

Ihre Mitglieder altern, immer mehr treten aus, ein großer Teil ist
arbeitslos: Den Kirchen geht das Geld aus - und die Einnahmequelle dazu. Das
hoch verschuldete Berliner Bistum ist am schlimmsten dran. Aber auch
Diözesen im Westen des Landes müssen umdenken und ernsthaft sparen.

KIRCHEN - WAS SCHÜTZT SIE VOR DER PLEITE?

Wenn es nach der Bibel ginge, wäre alles ganz einfach. Macht euch keine
Sorgen, seht nur auf die Raben, sagt Jesus seinen Jüngern. Sie säen nicht
und ernten nicht, sie haben keine Speicher und keine Scheune. Denn Gott
ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als diese Vögel?

Diese Zeiten - sie sind längst vorbei. Die Kirchen heute sind komplexe
Unternehmen mit Verwaltungsapparaten, zehntausenden Angestellten,
Gotteshäusern, Gemeindezentren, Schulen und Kindergärten. Finanziert wird
dies in Deutschland durch ein Kirchensteuersystem, was international seines
gleichen sucht. Mehr als acht Milliarden Euro nehmen die evangelische und
die katholische Kirche pro Jahr ein und gehören damit zu den reichsten
Glaubensgemeinschaften der Welt. Mit mehr als einer Million hauptamtlich
Beschäftigter in Caritas und Diakonie, Seelsorge und Kirchenverwaltung sind
sie hier zu Lande der zweitgrößte Arbeitgeber. Ihr Immobilienbesitz ist
beträchtlich, auch wenn er vielfach nur ideellen Wert hat. Denn der Kölner,
Aachener oder Speyerer Dom sind als Weltkulturerbe ebenso unverkäuflich wie
die meisten anderen Kirchen.

Doch die Probleme wachsen. Die Etats stagnieren. Die Zahl der
Kirchenaustritte ist unverändert hoch. Konjunkturkrise, Arbeitslosigkeit und
wachsender Altersdurchschnitt der Kirchenmitglieder kommen hinzu. Allein
wegen der vorgezogenen dritten Stufe der Steuerreform rechnen die Kirchen
mit etwa acht Prozent weniger Geld. Die fünf nordrhein-westfälischen
Diözesen müssen sich zusätzlich mit Kürzungen der Landesregierung im Sozial-
und Schulbereich abfinden: Der Eigenanteil für private Schulträger wurde um
1,5 Prozentpunkte auf 7 Prozent erhöht. Noch stärkere Einschnitte in die
staatliche Refinanzierung plant der Berliner Finanzsenator Thilo Sarazzin
(SPD).

Die Folgen sind drastische Sparmaßnahmen in vielen der 27 katholischen
Diözesen und 24 evangelischen Landeskirchen. Die Oberhirten treten in diesen
Tagen mit harschen Warnungen vor ihre Gläubigen: "Heulen und Zähneklappern"
sieht der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst kommen. Hamburgs
Erzbischof Werner Thissen erwartet "einen Kollaps, wenn wir nicht schnell
und entschieden handeln". Sein Aachener Kollege Heinrich Mussinghoff fühlt
sich schon "in Teufels Küche" und spricht von der schlechtesten Stimmung,
die er je im Bistum Aachen erlebt habe. Selbst altgediente und
verwaltungserfahrene Seelsorger wie der Hildesheimer Bischof Josef Homeyer
sprechen von der größten Herausforderung für seine Diözese seit Kriegsende.
Die meisten evangelischen Landeskirchen - auch wenn bei ihnen im Moment die
Wogen nicht ganz so hochgehen - richten sich ein auf einen "geordneten
Gleitflug" nach unten.

Stark zu Buche schlägt in vielen katholischen Bistumshaushalten die im
Vorjahr beschlossene Finanzhilfe für das Erzbistum Berlin von 50 Millionen
Euro. Im hoch verschuldeten Hauptstadtbistum ist die Situation mit Abstand
am dramatischsten. Gestopft werden muss ein Schuldenloch von 148 Millionen
Euro, während sich bereits die nächste teure Sonderumlage abzeichnet - der
Weltjugendtag 2005 in Köln. Für dieses Megafestival mit 800000 Jugendlichen,
dem Papst und 600 Bischöfen müssen die katholischen Bistümer nach internen
Schätzungen zusätzlich 120 Millionen Euro aufbringen. Wo dieses Geld
herkommen soll, weiß niemand.

Bei den notwendigen Sparplänen geht es meist um zwei Bereiche:
Personalkosten und Immobilien. Man streicht Stellen und verhandelt mit den
Mitarbeitervertretungen über weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld. Pfarreien
werden zusammengelegt und Immobilien verkauft. Viele Bistümer haben dazu
Experten von McKinsey hinzugezogen. Entscheidend ist, dass die Gläubigen die
Kürzungsaktionen nicht als reine Abbruchunternehmen erfahren, sondern auch
als Chance zur Neubesinnung. Das Sparen dürfe bei den Diözesen "nicht zu
einem Dauerthema werden", mahnt auch McKinsey-Direktor Thomas von
Mitschke-Collande, der die Arbeit seines Unternehmens in den Bistümern
koordiniert. Für die Antriebskraft in einer Organisation, "die in erster
Linie Mut zusprechen und Hoffnung vermitteln soll", wäre eine solche Maxime
besonders kontraproduktiv.

Die Kirche müsse sich wieder stärker auf ihre Kernkompetenz besinnen, heißt
es nun landauf, landab. Nach Ansicht des Wiener Pastoraltheologen Paul M.
Zulehner bewegen die Menschen heute vor allem zwei zentrale Themen: die
Frage nach der Gerechtigkeit inmitten der Freiheit und die Frage nach der
Spiritualität inmitten der Säkularität. Darauf müsse die Kirche mit neuen
pastoralen Konzepten eine Antwort suchen. Falsch sei es, nun
"raumpflegerisch" vorzugehen und einfach immer mehr Pfarreien
zusammenzulegen. In diesem Fall werde "die Zahl der Seelsorgeeinheiten der
Zahl der verfügbaren Priester angeglichen. Das führt zu seelsorglichen
Megaräumen", kritisiert Zulehner. Denn in solchen Großeinheiten verliere die
Pastoral ihre Nähe zu den Lebensgeschichten und werde immer
betriebsförmiger. Neue, kreative Angebote müssen her, fordert darum der
Hohenheimer Theologe Michael Schramm. Denn die Menschen seien heute
keineswegs weniger religiös als früher. Als Beispiel nennt Schramm die
mancherorts praktizierten "Thomas-Messen" für Zweifler, die bis zu 1000
Menschen anziehen. Oder wer den sonntäglichen Gottesdienst um 10 Uhr nicht
wolle, der komme vielleicht am späten Abend zur "Nachteulen-Messe". (Martin
Gehlen)

Aus: Der Tagesspiegel, 24.3.2004
Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/24.03.2004/1038845.asp

* * *

"In den Bistümern ist zu wenig über Finanzen gesprochen worden"
Generalvikar Feldhoff über die Versäumnisse der katholischen Kirche, die
Ausnahmesituation in Berlin und die Dringlichkeit, etwas zu verändern

Herr Feldhoff, viele katholische Bistümer stellen jetzt drastische Sparpläne
auf. Was ist los?

Seit längerer Zeit steigen die Kirchensteuereinnahmen geringer als die Lohn-
und Einkommensteuer. Gleichzeitig wachsen die Personal- und Sachkosten der
Bistümer, und zwar stärker als die Einnahmen. Eigentlich ist für alle
Bistümer seit längerem erkennbar, dass man Aufgaben und Personal reduzieren
sowie im Baubereich zurückfahren muss. Doch die Bistümer haben
unterschiedlich früh darauf reagiert. Dadurch sind einige jetzt in massive
Schwierigkeiten geraten.

Bischöfe treffen sich auf Bischofskonferenzen. Da bekommt der eine doch mit,
was beim anderen los ist. Wieso wachen einige jetzt erst auf?

Die Bischöfe kümmern sich in normalen Zeiten wenig um Finanzen, das machen
die Verwaltungen und die Generalvikare. Auch Generalvikare treffen sich
regelmäßig. Der offene Austausch über die Finanzlage der Bistümer ist -
gelinde gesagt - verbesserungsfähig.

Die Krise ist also auch ein Ergebnis der Kleinstaaterei in der katholischen
Kirche?

Ja. Bis zu der Schuldenkrise des Erzbistums Berlin ist zwischen den
Bistümern zu wenig über finanzielle Fragen gesprochen worden.

Die Kirchen sind der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Sind die
Sparpläne Vorboten einer größeren Krise? Müssen wir uns bei den Kirchen auf
Massenentlassungen einstellen?

Die überwiegende Zahl der kirchlichen Mitarbeiter arbeitet im caritativen
Bereich. Deren Gehälter werden unabhängig von der Kirchensteuer finanziert,
etwa durch Pflegesätze in Krankenhäusern und Altenheimen oder durch
staatliche Refinanzierung, auf die die Kirche wie andere freie Träger
Anspruch hat. In der Erzdiözese Köln gibt es 50 000 kirchliche Mitarbeiter,
davon sind 40 000 in diesem refinanzierten Dienst. Nur 10 000 bekommen
Gehalt aus der Kirchensteuer.

Hat die Kirche zu viel am Hals?

Gemessen an unseren finanziellen Möglichkeiten haben wir mehr am Hals, als
wir auf Dauer leisten können.

Lebt also nicht nur das Erzbistum Berlin, sondern die gesamte katholische
Kirche in Deutschland über ihre Verhältnisse?

Einige Bistümer hätten die kritische Situation, in der sie heute stecken,
früher erkennen müssen. Andere leben auch heute nicht über ihre
Verhältnisse. Sie erkennen aber, dass sie in Zukunft in Schwierigkeiten
geraten werden, wenn sie jetzt nicht bremsen.

Berlin ist der bisher schwerste Fall. Nun wird von der Hauptstadt auf
Bistümer wie Aachen gezeigt und gesagt, seht her, auch Westbischöfe können
nicht mit Geld umgehen.

Aachen ist in einer sehr schwierigen Situation. Aber Aachen hat keine
Schulden. Wenn sie dort jetzt nicht ganz schnell sparen, würden sie bald
Schulden machen müssen. Die Berliner Situation ist wesentlich schlimmer. Die
müssen Schulden abbauen. Das ist natürlich viel dramatischer, als wenn man
sich nur bemüht, keine Schulden zu machen.

Es gibt also außer Berlin kein deutsches Bistum, das Schulden hat?

Mir ist kein weiterer Fall bekannt.

Sparen als Dauerthema untergräbt die Moral. Wie kann die Kirche das
vermeiden?

Erstens sollte man mit jeder Sparüberlegung auch positive Akzentsetzungen,
also positive Schwerpunkte für die Zukunft, verbinden. Sonst bleibt nur der
negative Eindruck des Abbaus und der Reduzierung. Zweitens sollte man nicht
mit Salamitaktik sparen, sondern ein Sparvolumen anstreben, dass für einige
Jahre Ruhe schafft. Sonst muss man jedes Jahr hektisch neue Notpläne
aufstellen. Und das verunsichert die Menschen.

Unternehmen in Schwierigkeiten konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft. Was
ist das Kerngeschäft der Kirchen?

Die Kirche steht durch die zurückgehenden Finanzen vor einem enormen
Umänderungsprozess. Wir haben drei Kernaufgaben: Verkündigung und
Glaubensvermittlung, Gottesdienst und Sakramente sowie Caritas. Wir wollen
uns auch in Zukunft nicht von der Gesellschaft abkapseln, sondern unsere
Botschaft weitertragen. Wir wollen Menschen gewinnen für den christlichen
Glauben. Das muss erhalten bleiben, auch wenn das Geld weniger wird. Ich
finde es schrecklich, wenn man in der deutschen Kirche immer nur jammert.
Auch nach den heutigen Sparrunden geht es uns finanziell immer noch besser
als 90 Prozent der Bistümer in der Welt.

(Das Gespräch führte Martin Gehlen)

Aus: Der Tagesspiegel, 24.3.2004
Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/24.03.2004/1038848.asp

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