WELTETHOS - Hans Küng über die Zukunft seines Projekts nach den Terroranschlägen
RHEINISCHER MERKUR: Herr Professor Küng, Sie haben mit Ihrem "Projekt Weltethos" den Religionen die zentrale Rolle bei der Sicherung des Weltfriedens zugewiesen. Sehen Sie diese Idee jetzt nach den Terroranschlägen gefährdet?
HANS KÜNG: Im Gegenteil. Wie ich aus manchen Reaktionen feststellen konnte, ist gerade durch diese Tragödie vielen die Dringlichkeit dieses Projekts aufgegangen: Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Es besteht nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum und Christentum, ja auch in den östlichen Religionen die Gefahr, dass Religion zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird. Dann entsteht ein hochexplosives Gemisch aus Religion und Politik. Fanatisierte Religion wird zu einer echten Gefahr für den Weltfrieden.
RM: Manche sehen in dem, was geschehen ist, eine Bestätigung von Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen. Ist es auch ein Zusammenprall religiös fundierter Weltbilder?
Gerade dies nicht! Denn es erfolgten ja bezeichnenderweise keine Angriffe auf irgendwelche christlichen Symbolstätten, sondern auf Symbolstätten des amerikanischen Imperiums, auf ein wirtschaftliches und militärisches Nervenzentrum der USA. Dies ist auch nicht ein genereller Zusammenprall zwischen dem Islam und dem Westen, wie ihn Huntington in seinen simplifizierenden Publikationen immer wieder zu suggerieren versucht. Es ist vielmehr die mörderische Attacke einer verschwindend kleinen, aber höchst aktiven und gefährlichen Gruppe von Muslimen, die vor allem politische Ziele verfolgt, allerdings auch religiös motiviert ist. Dieser Terrorismus ist von der überwältigenden Mehrheit der Muslime sofort als unislamisch verurteilt worden.
RM: Hat nicht der Islam als "kämpferische" Religion den Weg zur Gewalt eröffnet, wie jetzt viele sagen?
Individueller oder staatlicher Terrorismus gilt unter Muslimen allgemein als eine Pervertierung des Islam. Auch im Koran wird dazu aufgerufen, Böses mit Gutem zu erwidern oder abzuwehren (Sure 13,22). Die Menschen sollen mit Weisheit ermahnt werden, "auf die beste Weise mit Gegnern zu streiten" (16,125), und das meint offensichtlich: nicht mit Gewalt, sondern auf friedliche Weise. Zentrale Aussage des Korans ist der von Muslimen immer wieder zitierte Grundsatz: "Kein Zwang in der Religion!" (2,256).
RM: Es gibt aber auch noch andere Stellen im Koran ...
Die andere Seite der Problematik muss nach den Terrorangriffen auch von muslimischen Religionsvertretern, Theologen und Politikern deutlicher ins Auge gefasst werden: Wie die hebräische Bibel, so enthält auch der Koran Aufforderungen zum Kampf. Aus der Frühgeschichte der muslimischen Gemeinschaft erklärt sich, dass die Teilnahme am Krieg im Koran wie in den Rechtstexten zur Pflicht gemacht wird. "Dschihad" meint zwar nicht "Heiliger Krieg", sondern zunächst einmal "Anstrengung" im moralischen Sinn, ein "Bemühen auf dem Wege Gottes". Und die gemäßigten Muslime verstehen das Wort auch allgemein so. Aber man darf nicht bagatellisieren, dass Dschihad schon in den ursprünglichen Quellen als kriegerische Auseinandersetzung verstanden wird ...
RM: Was wiederum leicht von politischen Fanatikern missbraucht werden kann.
Hier stellt sich deshalb grundsätzlich die Frage nach der Koranhermeneutik, wie wir uns als Juden und Christen ja auch der Frage der Bibelhermeneutik stellen mussten. Über solche Fragen wird natürlich auch unter Muslimen ständig diskutiert, wie ja auch die Frage nach dem "gerechten Krieg" und die Frage der Selbstverteidigung im individuellen wie im kollektiven Sinn ein Gegenstand ständiger Diskussion unter Christen ist.
RM: Welche Folgen hat dieser Angriff aus der islamischen Welt für den interreligiösen Dialog? Reicht es künftig noch, nach einer gemeinsamen Basis in den heiligen Büchern der Religionen zu suchen?
Neben den Fragen der Koranhermeneutik spielen natürlich die
Fragen der aktuellen Politik eine entscheidende Rolle. Es lässt
sich doch nicht übersehen: dass erstens die Verletzung der
muslimischen Völker durch fast zwei Jahrhunderte des
europäischen Kolonialismus und Imperialismus keineswegs verheilt
sind; dass zweitens die Präsenz amerikanischer Truppen in der
Golfregion und besonders auf saudi-arabischem Territorium - für
die
Muslime wegen Mekka und Medina "heiliges Land" des
Islam - als Demütigung und als Demonstration der amerikanischen
Hegemonie verstanden wird; und dass drittens die faktisch
proisraelische Politik der Vereinigten Staaten auf Kosten der
Palästinenser, deren Situation sich ständig verschlimmert hat,
den Kern des Konflikts im Nahen Osten darstellt und ständigen
Hass nicht nur unter den direkt betroffenen Palästinensern,
sondern allgemein unter den gedemütigten Arabern produziert.
RM: Welcher Weg sollte hier im Sinne des Weltfriedens eingeschlagen werden?
Wenn es nach mehr als fünfzig Jahren nicht endlich gelingt, eine friedliche Nachbarschaft zwischen dem Staat Israel und einem Palästinenserstaat heraufzuführen, wird man immer wieder mit Terrorangriffen innerhalb und außerhalb der Region zu rechnen haben. Das erfordert ein Nachgeben von beiden Seiten, vor allem aber vonseiten des Stärkeren, und das ist unter den heutigen Umständen sicher Israel, mit Unterstützung der USA die stärkste Militärmacht im Nahen Osten.
RM: Welchen Widerhall hat Ihr "Projekt Weltethos" über den Rahmen theologischer Diskussion hinaus in islamischen Kreisen gefunden?
Schon die Erklärung zum Weltethos des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1993 ist auch von muslimischen Vertretern unterschrieben worden, wiewohl sie schon damals großes Gewicht darauf gelegt haben, dass ein Ethos der Gewaltlosigkeit auch das Recht zur Selbstverteidigung einschließt. Gerade in Deutschland hat dieses Projekt unter Muslimen sehr viel positives Echo gefunden. Im internationalen Bereich haben sich hervorragende Muslime, mit denen ich schon seit vielen Jahren in engem Kontakt stehe, in aller Deutlichkeit für die Suche nach einem Weltethos ausgesprochen. So etwa Prinz Hassan von Jordanien, der ja auch sofort nach dem Terrorangriff auf die USA die Stimme der gemäßigten Mehrheit des Islam gegen den Terrorismus hörbar gemacht hat. Aber auch der iranische Staatspräsident Chatami hat sich in gleicher Weise geäußert. Er war es ja, der schon in der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1998 den "Dialog der Zivilisationen" in Antithese zum "Zusammenprall der Zivilisationen" auf die Tagesordnung der Uno gesetzt hat.
RM: Und wie sieht Ihr ganz persönliches Engagement in diesem Zusammenhang für die nächste Zeit aus?
Mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gehöre ich einer zwanzigköpfigen "Group of Eminent Persons" an, die für Generalsekretär Kofi Annan bis Dezember einen Bericht über ein neues Paradigma internationaler Beziehungen ausarbeiten soll. Dieser Bericht wird am 3./4. Dezember dem Generalsekretär und der UN-Vollversammlung vorgestellt, die dann den Dialog der Zivilisationen diskutieren wird. Damit dürften die Ideen des "Projekts Weltethos" die Ebene der Vereinten Nationen erreicht haben.
Die Fragen stellte Rudolf Zewell.
Aus: Rheinischer Merkur Nr. 38, 21.09.2001 Quelle: http://www.merkur.de/aktuell/cw/kath1.html