Das Vertrauen in die Eliten aus Wirtschaft und Politik schwindet

 Es geht ums Ganze

Jetzt müsste die Stunde der Eliten schlagen. Doch Wortführer sind die Neoliberalen. Via Staat zocken sie uns erneut ab.

KLAUS STAECK

 Es fällt mir schwer, in diesen Tagen über etwas anderes zu schreiben als über den galoppierenden allgemeinen Irrsinn. Eigentlich brauchte man ganz neue Worte, Begriffe, um zu beschreiben, was sich gerade abspielt. Wäre die vielbeschworene Finanzkrise doch tatsächlich nur eine solche. Sie ist es aber nicht. Wäre sie es, könnte man mit dem üblichen Bedauern über die Kollateralschäden auf die nächste Krise warten. Man müsste sich nicht allzu große Sorgen um das Ganze, um das allgemein verbindliche System machen, das unsere Form der Demokratie jedenfalls bis heute nicht infrage gestellt hat.

 In Zeiten allgemeiner Ratlosigkeit sollte eigentlich die Stunde der intellektuellen Eliten schlagen. Sollte. Denn wer steht da noch als Wertevermittler gegen alles Miese und Fiese bereit? Schließlich hat man sich alles Politische abtrainiert oder abtrainieren lassen. Doch, einige letzte Mohikaner gab es noch als Warner und Mahner, die aus ihren Nischen heraus das allgemeine Desaster gegen den medialen Mainstream voraussagten. Nur der Zeitpunkt ließ sich nicht genau vorhersagen. Fest stand jedoch, dass der Offenbarungseid geleistet werden muss. Pech für all die "billig und gerecht Denkenden", wie Juristen feinsinnig formulieren, wenn es um die Beschwörung idealer Vertreter des Gemeinsinns geht.

 Die Wortführer in der Krise sind immer noch die alten Kader. Müssten nicht all die "Experten" wenigstens für eine Weile einmal ihren Mund halten? Das gilt auch für die Privatisierer und Deregulierer von der Neuen Sozialen Marktwirtschaft, die alle weiter auf Sendung sind. Die Bankrotteure, die sich an der entschädigungslosen Enteignung von Spar- und Steuergeldern nach Kräften beteiligt haben, erklären uns nun, warum die weitgehend entmündigten Steuerzahler jetzt gefälligst erst Millionen, dann Milliarden, nun gar Billionen bei Androhung unser aller Untergang via Staat für sie bereitzuhalten haben.

 Vertrauen gegen Vertrauen? Wem können wir denn noch vertrauen? Den Boni-Hasardeuren etwa, die ihre Forderungen an den vor kurzem noch verteufelten Staat im Milliardenrhythmus erhöhen? Den Lobbyisten, die weiter an den sie begünstigenden Gesetzeswerken mitstricken? Dem Sachverständigenrat, der wozu eigentlich geraten hat? Oder den Politikern, die sie alle weiter gewähren lassen? Nein, mein Vertrauen ist erst einmal dahin. Jedenfalls solange weiter faule Kreditpakete geschnürt werden, sich Managergehälter nach kurzfristigen Gewinnen richten, Aktienspekulationen als ungedeckte Leerverkäufe nicht verboten, die Steueroasen als Transferstationen für faules Geld nicht endgültig ausgetrocknet sind. So lange nicht!

 Jetzt schlägt die Stunde der Politiker, die wir gewählt haben und die ich stets gegen allzu dumpfe Angriffe des Stammtischs verteidigt habe. Sie verwalten unser Geld und damit auch einen Teil unserer Zukunft. Nicht wenige sind mitschuldig geworden, als sie den neoliberalen Heilslehren kritiklos folgten. Es liegt an uns, jetzt den Primat der Politik zurückzugewinnen. So eine Chance kommt nicht gleich wieder. Denn fest steht, dass mit noch so geharnischten Moralappellen den Selbstbedienern nicht beizukommen ist.

 Zur Erinnerung: Gerade hat eine Kassiererin von Kaiser's-Tengelmann nach 31 Jahren rechtskräftig ihren Job verloren, weil sie 1,30 Euro Flaschenpfand unterschlagen haben soll. Noch Fragen?

 Klaus Staeck ist Verleger und Grafiker.

 Frankfurter Rundschau, 6.3.09, S. 13

Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/1685708_Kolumne-Es-geht-ums-Ganze.html