Sollte er in den Kreis der Purpurträger aufgenommen werden,
wäre er der erste verheiratete Kardinal. Ihm zur Seite stehen Ehefrau Priscilla
und die beiden Söhne Mark und James, wie die Londoner "Times"
berichtet. Es gab einen ähnlichen Fall in der Kirchengeschichte: Henry Edward
Manning trat nach dem Tod seiner Ehefrau 1818 in die katholische Kirche ein und
wurde 1830 Kardinal.
Viele Mitglieder der anglikanischen Kirche folgten nach
Einführung des Frauenpriestertums dem Beispiel von Bischof Leonard, der im Jahr
2000 von Papst Johannes Paul II. den Titel "Monsignore" verliehen
bekam. Nach seiner katholischen Priesterweihe im Jahr 1995 wurde er vom Papst
in Privataudienz empfangen. Der Wechsel von mehreren anglikanischen Bischöfen
und mehr als dreihundert Geistlichen zur römisch-katholischen Kirche aus
Protest gegen die Frauenordination hatte die ökumenischen Beziehungen schwer
belastet. Die katholische Kirche hatte für übergetretene anglikanische
Geistliche eine Zölibatsbefreiung erlassen.
Der ökumenische Dialog hat nach Einschätzung Leonards keine
Zukunft. Mit der Einführung der Frauenpriesterweihe hätten sich die Anglikaner
"aus der Tradition ausgeschlossen". Der theologische Dialog zwischen
Rom und den auf das Schisma des Königs Heinrich VIII. zurückgehenden
Anglikanern war nach dem historischen Treffen zwischen Papst Paul VI. und dem
anglikanischen Primas und Erzbischof von Canterbury, Arthur Ramsey, 1966 im
Vatikan aufgenommen worden. Leonard sieht die Entwicklungen in der
anglikanischen Kirche sehr kritisch. Es gebe die Tendenz zu "individuellen
und privaten Interpretationen des Glaubens", die an "momentane
Situationen" geknüpft seien, sagte er der australischen Zeitschrift
AD2000. Die Entscheidung der Episkopalkirche, einen bekennenden Homosexuellen
(Gene Robinson im US-Saat New Hampshire) zum Bischof zu weihen, führte zu einer
Spaltung der anglikanischen Kirchenfamilie; vor allem afrikanische und
asiatische Kirchen empfanden dies als unvereinbar mit der Heiligen Schrift.
Für Papst Benedikt XVI. ist Leonard kein Unbekannter. Er
hatte in seiner Zeit als Kardinal Kontakt mit dem ehemaligen anglikanischen
Bischof von London. Er begleitete auch dessen Weg in die katholische Kirche.
11.1.06
Quelle: http://religion.orf.at/projekt03/news/0601/ne060111_leonard_fr.htm