Verdiesseitigung
und Jenseitsverlust
Der Theologe Michael Ebertz über
Kirchenmitglieder als Kunden und die expandierende Sozialkirche
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Frankfurter Rundschau: Die Kirchen verlieren an Einfluss in der
Gesellschaft. Woran liegt das?
Michael Ebertz: Die Kirchen haben keine Zwangsmittel mehr gegenüber den
eigenen Mitgliedern. Das Befehl-Gehorsam-Modell früherer Zeiten greift nicht
mehr. Die Beziehung zwischen der amtlichen Kirche und den Kirchenmitgliedern
ist ein Tauschverhältnis geworden. Die Leute suchen sich aus den kirchlichen
Angeboten das heraus, was ihnen nutzt. Sie bestimmen selbst, was ihnen wichtig
ist. Die Kirche kann den Menschen nicht mehr von außen auferlegen, was sie aus
Sicht der Institution eigentlich zu glauben hätten. Glaube und Religion sind
heute selbstbestimmt. Sie werden kaum mehr kollektiv getragen. Doch viele
Verantwortliche in den Kirchen haben diese gesellschaftliche Veränderung noch
nicht wirklich zur Kenntnis genommen.
Wenn sie es täten, was müssten Sie tun?
Dann würde die Kirche eine stärker angebotsorientierte Seelsorge betreiben, das
heißt: Sie würde dafür sorgen, dass es Kirchengemeinden unterschiedlichster
Couleur gibt, konservative, progressive, sozial orientierte, kulturell
orientierte. Sie würde zum Beispiel mehr Jugendkirchen einrichten, Kirchenläden
in den Innenstädten und dergleichen. Die Menschen wollen nach ihrem Geschmack
und nach ihren Themen und Zeitrhythmen auswählen. Denn eine einheitlich
gestrickte Seelsorge gehört der Vergangenheit an. Wenn die Kirchen hier nichts
verändern, wird die Kirchlichkeit immer mehr an Bedeutung verlieren.
Studien zeigen, dass viele Kirchenmitglieder nicht mehr an den Himmel, die
Hölle oder einen persönlichen Gott glauben. Bricht der christliche Glaube ein?
Es glauben mehr Kirchenmitglieder - wohlgemerkt: Kirchenmitglieder - an Engel
als an den dreifaltigen Gott. Und selbst von den Katholiken, die jeden Sonntag
in die Kirche gehen - das sind rund 16 Prozent der Kirchenmitglieder - glaubt
jeder Dritte zum Beispiel an die Wiedergeburt, was er offiziell eigentlich
nicht dürfte. Das Problem für die Kirche wie für die Gläubigen selbst ist: Es
gibt einen Zwang zu diesem Subjektivismus, weil der kirchliche Glaube nicht
mehr gesellschaftlich abgestützt ist. Der einzelne Gläubige ist heute auf sich
selbst gestellt. Und entsprechend macht er sich eben seine eigenen Gedanken.
Dann ist es heute eigentlich beliebig, ob und wie man Kirchenmitglied ist?
Die meisten Kirchenmitglieder verstehen sich als Kunden der Kirche - so nach
dem Motto: Wenn ich Kirchensteuer zahlen muss, dann entscheide ich auch selbst,
was mich an Kirche interessiert und was nicht. Diese Menschen greifen zu
bestimmten Zeiten auf die Kirche und ihr rituelles Angebot zurück, vor allem
bei Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Bei der Bewältigung und Gestaltung von
Lebenswenden, die in der Familie eine Rolle spielen, ist die Kirche nach wie
vor als religiöser Dienstleister gefragt. Aber darüber hinaus immer weniger.
Wobei inzwischen allerdings auch die alte Koalition zwischen der Kirche und den
Familien zerbricht: Die Familien lassen sich nicht mehr von der Kirche in ihre
Belange hineinreden. Sie sind zum Beispiel immer weniger bereit, die Kinder im
Sinne eines verlängerten Arms der Kirche zu erziehen. Getauft werden die
meisten Kinder immer noch, aber das war's dann meist auch. Weiter gehende
Ansprüche werden von den Familien zurückgewiesen. Kinder- und Jugendarbeit,
Religionsunterricht - das wird alles schwieriger, weil immer weniger
selbstverständlich. Damit bröckelt aber auch die früher problemlose Gewinnung
neuer, aktiver Mitglieder.
Und dennoch hat die Kirche als Dienstleistungsunternehmen nicht an Bedeutung
verloren.
Da hat sie sogar an Bedeutung gewonnen. Alle neueren Untersuchungen belegen,
dass die Menschen die sozialen Dienstleistungen der Kirchen, also etwa die
Sozialstationen, die Krankenhäuser, die Ehe- und Lebensberatungsstellen, nicht
nur begrüßen, sondern sagen, dass die Kirchen hier noch mehr tun könnten. Dabei
beschäftigen Caritasverband und Diakonisches Werk zusammen bald eine Million
Mitarbeiter in Deutschland. An der Seelsorgearbeit der Kirchen, jedenfalls im
herkömmlichen Stil, sind die Menschen allerdings weniger interessiert. Hier tut
sich eine große Kluft auf. Wir können auf der einen Seite eine deutliche
Entkirchlichung feststellen, auf der anderen Seite eine Ausweitung der
Sozialkirche. Das ist Ausdruck einer Expansion des Sozialstaates, nicht aber
des kirchlichen Christentums.
Dem Selbstverständnis der Kirchen läuft diese Entwicklung aber doch zuwider?
Es findet sozusagen eine Verdiesseitigung des Kirchenverständnisses statt. Und
diese Entwicklung geht einher mit einem gewissen Jenseitsverlust der
kirchlichen Predigt, das heißt: Die Deutung des Todes mit all den Fragen nach
Schuld, Vergebung und Gerechtigkeit wird in den Kirchen selbst kaum mehr
thematisiert. Die Kirchen geben damit ein ureigenes religiöses Thema auf. Da
brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Menschen fragen, wofür man denn
die Kirchen noch braucht. Wenn die Kirchen die entscheidende Frage nach der
jenseitigen Gerechtigkeit für die unschuldigen Opfer von Krieg, Verfolgung und
Leid nicht mehr stellen, wenn es letztlich egal ist, wie einer sein Leben
führt, weil die Botschaft nur noch heißt: "Der Himmel geht über allen
auf", dann machen sich die Kirchen tendenziell überflüssig. Dann fragen
die Leute, warum sie sich überhaupt an eine Kirche binden sollen. Wenn man
genau hinschaut, dann befriedigt die Kirche bei vielen, die sich in den
Kirchengemeinden engagieren, im Grunde nur deren Bedürfnis nach
Gemeinschaftserleben. Hier unterscheidet sich die Kirche dann aber nicht mehr
vom Gesangsverein oder vom Kaninchenzüchterverein.
20.10.03
Quelle: Frankfurter Rundschau S.2