Die türkische
Regierung fördert die Abkehr vom laizistischen Staatsprinzip. Besonders in den
Bereichen Bildung, Recht und Wirtschaft gewinnt der politische Islam immer mehr
Einfluss. Tuncay Özkan beklagt, dass diese Entwicklung durch die Politik der
USA und Europas sogar noch gestärkt wird.
VON TUNCAY ÖZKAN
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Seit seiner
Einführung durch Mustafa Kemal Atatürk hat die Türkei am Laizismus festgehalten.
Seit drei Jahren jedoch durchlebt das Land eine schwierige Phase, was die
Trennung von Religion und Staat angeht. Besonders betroffen sind die Bereiche
Bildung, Justiz und die Wirtschaft. Der Grund dafür ist die türkische
Regierungspartei. Das laizistische System ist durch die islamische AKP ruiniert
worden. Dies führt naturgemäß zu einer Stärkung des politischen Islams und
anderer, noch radikalerer islamistischer Gruppen.
Zur Begründung dafür heißt es, dass damit das Militär geschwächt werde und eine
freie Ausübung der Religions- und Gewissensfreiheit möglich sei. Aber dies
entspricht nicht der Wahrheit. Die Türkei entfernt sich zusehends von der
81-jährigen Geschichte eines muslimischen und laizistischen
Gesellschaftsmodells. Die Schulpflicht wurde verwässert. Die außerschulischen
Koran-Kurse wurden erneut zur Alternative. Es werden Gesetze erarbeitet die die
Wirtschaft an islamische Regeln heranführen sollen. Öffentliche Erklärungen
gehen hinter das laizistische Rechtsverständnis zurück. In der Erziehung wird
mit aller Macht an der einseitigen religiösen Bildung festgehalten. Die
Regierung wendet sich gegen die alevitische Glaubensrichtung und deren
Identität. Der Weg den die Türkei weg vom Laizismus eingeschlagen hat, steht
unter keinem guten Stern, weder für die Türkei noch für die EU oder die USA.
Die Suppe zum
Sahur
Die in der Türkei tätigen radikalen islamischen Gruppen haben Dank der
wirtschaftlichen Veränderungen an Macht gewonnen. Sie verbergen sich hinter
Stiftungen und Ordensgemeinschaften. Ziel dieser Gruppen ist es, die
laizistische Ordnung der Türkei zu beseitigen.
Die fundamentalistischen religiösen Gruppen behaupten, den Schlüssel zum Himmel
in der Hand zu halten. Sie sind "soziale Diktatoren". Sie nötigen ihr
Wissen anderen auf und wollen sie zwingen, den richtigen Weg zu finden. Man
soll ihren richtigen Weg verfolgen, "denn was richtig ist, kann nicht
schlecht sein." Und aus diesem Grund sei ihr Druck gar nicht
"diktatorisch".
Ein Beispiel: Im Fastenmonat Ramadan stehen die gläubigen Moslems vor
Tagesanbruch auf, um den Sahur (Essen der Fastenden vor Tagesanbruch)
einzunehmen. Leuchtet beim Nachbarn, der gar nicht fasten will, in der Frühe
kein Licht, klingeln die Fundamentalisten und fragen: "Hallo, Nachbar!
Bist du etwa krank? Warum bist nicht zum Sahur aufgestanden?" Wenn dieser
Versuch nichts bringt, dann klopft man am nächsten Tag wieder an der Tür, aber
diesmal mit einem Teller Suppe in der Hand. Das geht so weiter, bis der Nachbar
endlich zum Sahur aufsteht. Fragt man sie, warum sie das tun, sagen sie, das
sei nur eine Hilfe.
In der Türkei müssen Recht und Demokratie wieder funktionsfähig gemacht werden.
Zu diesem Zweck muss das Laizismusprinzip ohne Zugeständnisse gelten. Die
Menschen jedoch, die sich für das laizistische Rechtsverständnis in der Türkei
einsetzen, werden gnadenlos kritisiert und die laizistischen Traditionen, die
die Grundlagen des Rechtes bilden, werden schlecht gemacht. Betrieben wird dies
von den Juristen, welche unter dem direkten Druck der Regierung stehen. Dabei
genießen fast alle führenden Persönlichkeiten dieser Regierung, einschließlich
des Ministerpräsidenten, die Immunität vor Korruptionsverfahren und kommen
somit nicht vor Gericht. Und dies, obwohl diese Politiker dem Volk während der
Wahlveranstaltungen die Abschaffung der Immunität der Abgeordneten versprochen
hatten. Jetzt aber verbergen sie sich hinter eben dieser Immunität.
Westen stützte
politischen Islam
Der Westen hat sich nicht für den Kampf gegen den fundamentalistischen Gedanken
in der Türkei eingesetzt und hat den politischen Islam unterstützt. Dadurch hat
er eine wichtige Rolle bei der Beschädigung des mühsam gefestigten
Laizismusprinzips gespielt. Können die EU und die USA erkennen, was sie damit
anrichteten? Hier habe ich meine Zweifel.
Heute kann man dieses Problem nur durch gründliche wirtschaftliche und
juristische Reformen und durch Demokratisierung in diesen Bereichen lösen. Doch
die heutige politisch-islamische Regierungspartei kann diese Notwendigkeiten
nicht erfüllen. Denn sie strebt zur Zeit intensiv Veränderungen im
Bildungssystem an, damit das Laizismusprinzip verändert wird. Die
Zugeständnisse an die politischen Islamisten sind tickende Zeitbomben für die
Zukunft der Türkei und für die der EU. Die Vorteile, die die
fundamentalistischen Ideologien dadurch haben, sind größer als sich manche
denken. Die Beziehung der Türkei und der EU sind wie ein gordischer Knoten. Die
EU muss verstehen, dass die Verzögerung von Beitrittsgesprächen mit der Türkei
im Land eine neue islamische Welle auslösen wird.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat bereits ein Netz von
neuen und grundlegenden Beziehungen zu den islamischen Ländern geknüpft. Vor
allem Iran ist hier zu nennen, der in die politisch motivierte Ermordung 42
türkischer Intellektueller in der Türkei verwickelt war, darunter die
laizistischen Schriftsteller Ugur Mumcu, Bahriye Üçok und Turan Dursun.
Verbesserte Beziehungen auch mit Syrien, das noch bis vor kurzem die kurdische
Rebellenorganisation PKK schützte und ihr erlaubte, Lager im Land zu
unterhalten. Gleichzeitig verschlechtern sich die Beziehungen zu Israel, den
USA und der EU. Als ob die moslemischen Staaten einen neuen dritten Weg
einzuschlagen versuchen und die Türkei dabei ist, dort einen der vorderen
Plätze einzunehmen.
Die jetzige Führung der USA hat die Türkei in diese Richtung gedrängt. Aber die
heutige Situation ist außer Kontrolle geraten, und das bereitet besonders den
USA Sorge. Noch vor drei Jahren lag die Sympathiequote für die USA in der
Türkei bei 70 Prozent, heute liegt der Anti-Amerikanismus bei 82 Prozent. Der
aus imperialistischen Motiven heraus geführte Krieg gegen islamische Länder und
deren Gesellschaften um den Zugang zu Rohstoffen bildet den Anlass für eine
weltweite Katastrophe. Das auf Vorurteilen beruhende Verhalten des Westens, der
den fundamentalistischen Terror für eigene Ziele zu nutzen sucht, ist ein
großer Fehler. Doch eigentlich haben schon vor den USA die fundamentalistischen
Moslems den Krieg gegen die moslemischen Völker begonnen.
Armut ist
Nährboden für Terror
Ohne Recht und Gerechtigkeit ist es nicht möglich, den Terror zu verhindern.
Doch es wird nichts unternommen, um Lösungen zu finden. Wenn aber gegen
Unwissenheit und Hunger in den unterentwickelten Ländern nicht gekämpft wird,
werden durch die Armut - den größten Faktor des Terrors - neue und noch
brutalere Männer auftreten, die dann noch größere Gefahren für die USA
darstellen, als Osama bin Laden und Al Qaeda.
Frankfurter Rundschau, 14.5.2005, S. 8
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/standpunkte/?cnt=677514&