Türkei tut sich mit Religionsfreiheit schwer
Menschenrechtler rät
der EU, auf der Einhaltung der Rechte aller Gläubigen zu bestehen
In den
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei muss die Europäische Union (EU) nach
Auffassung des Menschenrechtsexperten Otmar Oehring auf die Religionsfreiheit
in dem Land bestehen.
Frankfurt a. M. · Die Religionsfreiheit in der
Türkei ist nach Ansicht von Otmar Oehring, Leiter der Menschenrechtsfachstelle
des katholischen Missionswerks "missio Aachen", nicht ausreichend
gewährleistet. Oehring hat sich auf mehreren Türkeireisen in den vergangenen
Monaten mit Vertretern christlicher Minderheiten getroffen. Dazu gehörten
katholische Bischöfe, der ökumenische Patriarch von Konstantinopel und
Vertreter der armenisch-orthodoxen Religionsgemeinschaften. Zwar sei die
individuelle Religionsfreiheit garantiert, privat könne also jeder tun, was er
will. Jedoch sei schon ein Religionswechsel schwierig. Wolle ein Christ Moslem
werden, werde er gefeiert. Umgekehrt komme es zu Anfeindungen.
Oehring benennt als Hauptproblem den fehlenden Rechtsstatus der Religionen. Sie
könnten keine Körperschaft bilden und deshalb keine Gebäude kaufen. Das dürfen
nur Einzelpersonen oder Stiftungen. Nicht einmal den Klerus dürften die Kirchen
ausbilden. Die Türkei breche damit den Vertrag von Lausanne von 1923, in dem
den Kirchen Rechtsstatus zugesichert wurde.
Hintergrund ist die Staatsdoktrin des Laizismus in der Türkei, die auch dem
Islam den Rechtsstatus vorenthält. Historisch war das ein wichtiger Schritt der
sich modernisierenden Türkei, den Einfluss des Islam zurückzudrängen. Dieser
habe als Mehrheitsreligion jedoch ganz andere Möglichkeiten als die
Minderheiten. Der Rechtsstatus würde aber auch dem Islam einen Machtzuwachs
bringen, was die Westorientierung der Türkei gefährden könnte. Womöglich übe
die EU deshalb in dieser Frage keinen Druck auf die Türkei aus, um die Position
ihrer pro-europäischen Verhandlungspartner nicht zu schwächen, mutmaßt Oehring.
Das Verhältnis zu Ankara dürfe "nicht nur durch die Antiterrorbrille
betrachtet" werden, mahnt er. Deshalb gelte es in den Verhandlungen mit
der Türkei auf der Religionsfreiheit zu bestehen. Gleichzeitig müsse man
"Wege finden, die Demokratie so wehrhaft zu gestalten, dass sie mit
Anfeindungen des Islam umgehen kann". In der Türkei leben nach Oehrings
Angaben etwa 80 000 bis 100 000 Christen. Edgar Auth
Frankfurter
Rundschau, 1.10.05, S. 6
Quelle:
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