Türkei: Wiedereröffnung der orthodoxen Hochschule von Chalki?

Aussagen von Kulturminister Gunay - Die 1844 eröffnete Hochschule war weltweit eine der wichtigsten orthodoxen theologischen Institutionen

 Ankara (KAP) Das orthodoxe Priesterseminar und die Theologische Hochschule auf der Marmara-Insel Chalki soll doch wiedereröffnet werden. Dies erklärte der türkische Kulturminister Ertugrul Gunay in einem Interview mit der Tageszeitung "Milliyet". Seminar und Fakultät wurden 1971 auf Anordnung der türkischen Behörden geschlossen (als alle privaten Hochschulen im Land schließen mussten). Weder die - offensichtlich schaumgebremsten - Pressionen mehrerer US-Präsidenten noch die klaren Aussagen der EU-Unterhändler vermochten bisher eine Haltungsänderung in Ankara herbeizuführen. Chalki ist nicht nur für den Fortbestand des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel von ausschlaggebender Bedeutung, es war zugleich eine der wichtigsten theologischen akademischen Institutionen der Weltorthodoxie.

 Gunay sagte im "Milliyet"-Interview, er sei "persönlich überzeugt", dass Seminar und Hochschule auf Chalki wiedereröffnet werden. Das sei auch die Meinung der entscheidenden Politiker. Die Einrichtung auf Chalki passe zwar nicht in das türkische Universitätssystem, aber man werde eine "entsprechende Formel" finden. Es gebe keine politischen Probleme mehr.

 Auf der Insel im Marmara-Meer war spätestens im 9. Jahrhundert (unter Patriarch Photios I.) ein Dreifaltigkeitskloster gegründet worden. Die weitere Geschichte des Klosters ist unklar. Als mit dem "Hatt-i-Sharif" 1839 die Reformperiode ("Tanzimat") des Osmanischen Reiches einsetzte, wurde Chalki "wiederentdeckt". Nach dem "Hatt-i-Sharif" setzte eine große Aufbauperiode aller christlichen Kirchen im Osmanischen Reich ein. Der Ökumenische Patriarch Germanos IV. besuchte 1842 die Insel und erreichte sofort einen "Firman" des Sultans zur Gründung eines Seminars und einer Theologischen Hochschule. Bereits am 1. Oktober 1844 wurde die neue orthodoxe theologische Bildungsanstalt eröffnet. In den folgenden Jahrzehnten erlangte Chalki weltweite Bedeutung.

 Nach dem katastrophalen Erdbeben von 1894 (das nur die Seminarkirche überstand) brachte ein prominenter konstantinopolitanischer Industrieller, der am Sultanshof ein und aus ging (Pavlos Skilitis Stefanovic), die notwendigen Mittel für den Wiederaufbau auf. Auf Grund des Artikels 40 des Friedensvertrags von Lausanne überstand Chalki nach den dramatischen Zeiten des Ersten Weltkriegs auch das Ende der Sultansherrschaft und den Beginn der kemalistischen Republik.

 Seit 1971 herrscht auf Chalki ein merkwürdiger Zustand. In den ersten Jahren konnten noch jene Jugendlichen ihre Mittelschulausbildung beenden, die im "Lise", dem Knabenseminar als Äquivalent der Mittelschule, eingeschrieben waren. Seither wird das Gebäude und Gelände zwar in Ordnung gehalten, aber es gibt keine Schüler oder Studenten mehr. Auf Grund der türkischen Gesetze erscheint jede Woche die "theoretische" türkische Vizedirektorin des de facto nicht mehr existierenden "Lise" auf der Insel, um ihr Gehalt irgendwie zu rechtfertigen.

 Nach 1971 entwickelten sich im Hinblick auf Chalki noch andere Merkwürdigkeiten. So setzte der türkische Generalstab die Insel bis 2004 auf die Liste der "gefährdeten Orte", weil die einst griechischen Bewohner der Insel zu Beginn der zwanziger Jahre Gegner des kemalistischen "Unabhängigkeitskrieges" gewesen seien. 2004 musste selbst der Vertreter des Generalstabs lächeln, als die Frage der "Gefährlichkeit" von Chalki für die "Sicherheit" der türkischen Grenzen zur Sprache kam.

 Nach wie vor von höchster Bedeutung ist die Bibliothek von Chalki. Viele der Handschriften der Bibliothek reichen in die Zeit des Heiligen Photios und der Komnenen-Dynastie zurück, in Westeuropa gibt es nichts Vergleichbares. Der eigentliche Gründer dieser einmaligen Bibliothek war - lange vor dem Entstehen von Seminar und Hochschule - Patriarch Mitrophanes III. (1565-1572 und 1579-1580). Patriarch Germanos IV. errichtete 1852/53 ein zweistöckiges Bibliotheksgebäude, das bis zum Erdbeben von 1894 in Betrieb war. Anschließend übersiedelte die kostbare Bibliothek mehrfach innerhalb des Geländes von Chalki. Mit Hilfe einer Stiftung eines konstantinopolitanischen Geschäftsmanns konnte die Bibliothek in den letzten Jahren auf den neuesten technischen Stand gebracht werden.

 29.06.2009

 Quelle: http://www.kathweb.at/content/site/nachrichten/database/26780.html